Mushaus Lindau

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Aus der Zeit um 1300 stammte die ehemalige Lindauer Burganlage, die im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurde. Allein das sogenannte Mushaus - 1322 als Teil der Wasserburg errichtet - blieb erhalten und erfuhr seither unterschiedliche Nutzungen.

Geschichte

Ein Bild aus alter Zeit: Im Lindauer Mushaus wurden die Forschungen betrieben. Um die vielen Mitarbeiter unterzubringen, wurden die Baracken (im Vordergrund) gebaut, die auf dem heutigen Freizeitgelände stehen und von den Vereinen genutzt werden. Ab 1946 nahm in Lindau das Frauenhofer-Institut seine Arbeit auf, ab 1948 war es dann das Max-Planck-Institut.
Repro: Oschmann

Ein Hildesheimer Bischof errichtete auf dem Burgbezirk diesen uneinnehmbaren Palast, das Mushaus, das älteste Gebäude der Gemeinde Katlenburg-Lindau. In ihm war bis 1741 die Lindauer Amtsverwaltung untergebracht. Danach wurde ein neuer barocker Amtssitz gebaut, von dem nur noch das Portal in der Lindauer Schule erhalten ist.

Nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in dem Gebäude Arbeiterwohungen einer Jutefabrik untergebracht waren und im Jahre 1943 an Waffenprojekten gearbeitet wurde, wurde das Mushaus nach dem Zweiten Weltkrieg vorübergehend durch das Frauenhofer-Radio-Institut und anschließend durch die Firma Kordes genutzt.

V2 bis heute ein Gerücht: Rüstungsforschung im Lindauer Mushaus

Von Hans-J. Oschmann

Lindau. Das Gerücht, dass in Lindau in den letzten Kriegsjahren unter Regie von Professor Werner Osenberg an der legenderen V2-Rakete gearbeitet wurde, hält sich bis heute hartnäckig. „Da ist jedoch absolut nichts dran“, klärt Heimatforscherin Dr. Birgit Schlegel auf. Sie hat sich bei ihren Recherchen mit dem Wirken Osenbergs im Eichsfeldort befasst.

Der Ingenieur, der von Reichsmarschall Hermann Göring zu Forschungszwecken im Oktober 1943 vom Planungsamt des Reichsforschungsrates in Hannover nach Lindau beordert wurde, zog mit großem Gefolge im Eichsfeldort ein. 50 Wissenschaftler und Werkstattmitarbeiter brachte er aus der heutigen Landeshauptstadt mit. Das „Büro Osenberg“, wie es im Volksmund hieß, wurde mit Männern und Frauen aus der Region auf 298 Mitarbeiter aufgestockt. „Das war ein riesiger Bürokratismus“, erläutert Schlegel.

Aufschwung und Angst

Da alles geheim war, kam den Verantwortlichen das 1322 als Teil der Wasserburg errichtete Mushaus gerade recht, denn der ehemalige Wohnpalast ist im unteren Bereich von 2,70 Meter dicken Mauern geschützt. Auch die Anschrift deutete nicht auf das Büro hin. Sie lautete „Northeim Postfach 148“. Die Post wurde damals von einem Motorradfahrer über Umwegen nach Lindau gebracht.

Wirtschaftlicher Aufschwung

Dr. Birgit Schlegel

Lindau erlebte durch Osenberg einen wirtschaftlichen Aufschwung, entwickelte sich nach Angaben Schlegels vom dörflichen zum städtischen Charakter. Doch mit Osenberg und seinen kriegstechnischen Forschungen war auch die Angst in Lindau eingezogen - die Angst vor Bombenangriffen. Doch passiert ist nichts. Fast alles blieb geheim. Selbst die Alliierten sollen überrascht gewesen sein, als sie das Büro Osenberg bei ihrem Einmarsch am 10. April 1945 gefunden haben.

Mikrofilm aus USA

Viele Jahre gab es nur mündliche Aussagen von Zeitzeugen, was im Mushaus vorgegangen sein soll. Erst 1995 stieß die Heimatforscherin bei ihren Recherchen auf Akten über Osenbergs Arbeit, die in Washington lagern. Aus den USA bekam die Katlenburgerin 1000 Seiten auf Mikrofilm, mit deren Auswertung sie erst Jahre später begann. „Klar ist auf jeden Fall, dass Osenberg nicht alle Forschungsergebnisse weitergeleitet hat.“

Forschung für Luftwaffe

Wie erwähnt, das mit der V2 ist ein Gerücht, das möglicherweise entstanden ist, weil im Mushaus Torpedos standen. „Es ist denkbar, dass die Waffen in der Rhume ausprobiert wurden“, sagt die Heimatforscherin. Im Übrigen wurde für die Luftwaffe geforscht. So war ein Raketensystem in Planung. Dabei sollte ein Muttergeschoss von einem Flugzeug aus auf feindliche Flugverbände geschossen werden. Aus der Rakete sollten dann 30 Tochtergeschosse austreten, explodieren und dadurch die Feindmaschinen zum Absturz bringen.

„Es war jedoch alles nur Planung, verwirklicht wurde davon nichts“, sagt Dr. Schlegel. Bei allen Recherchen ist sie zu der Überzeugung gekommen, dass damals „viel heiße Luft, aber wenig nennenswerten Ergebnisse“ produziert wurde.

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