Murhardsche Bibliothek

Aus Regiowiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Murhardsche Bibliothek in den 1950er-Jahren

Die Murhardsche Bibliothek ist gemeinsam mit der Landesbibliothek Teil der Universitätsbibliothek Kassel. Gegründet im Jahr 1863, hat die Murhardsche Bibliothek seit 1905 ihren Sitz am Brüder-Grimm-Platz. Der ursprüngliche Bestand der Bibliothek wurde der Stadt Kassel von den Brüdern Karl (1781-1863) und Friedrich Murhard (1778-1853) gestiftet. 1895 wurde die Murhardsche Bibliothek der Öffentlichkeit übergeben, 1905 zog sie in das Gebäude am Brüder-Grimm-Platz ein.

Ein Haus des Bürgersinns

Karl und Friedrich Murhard] standen immer im Schatten eines anderen Bruderpaares ihrer Zeit - Wilhelm und Jacob Grimm (siehe auch Brüder Grimm). Dabei leisteten die Murhards viel für Kassel: Sie vermachten der Stadt ihren gesamten Grundbesitz und ihr Vermögen, und sie legten mit ihrer Stiftung den Grundstein für eine bedeutsame Bibliothek, die seit mehr als 100 Jahren ihren Namen trägt.

An einer Sache war den Brüdern besonders gelegen: an der Förderung der Bildung und der Lesekultur. So dachten sie sich die von ihnen gestiftete Bibliothek als eine Einrichtung für das Bürgertum, in der anspruchsvolle Leser große und teure Nachschlagewerke finden sollten, die für sie sonst nicht erreichbar waren. Ihre Murhardsche Bibliothek verstanden sie als Gegengründung zur fürstlichen Landesbibliothek - mit einem Anspruchsprofil, was Universitätsbibliotheken vergleichbar sein sollte.

Geschichte

Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel. Standort: auf der Osthälfte des Königsplatzes, mit Blick auf Königsplatz 34 und Königsstraße 32, um 1905–1911; ganz links Untere Karlsstraße 7 und 9

Der Neorenaissance-Bau der Murhardschen Bibliothek am Brüder-Grimm-Platz stammt aus dem Jahr 1905 nach den Plänen von Emil Hagberg. Nach der starken Beschädigung des Fridericianums im Jahr 1941 fand der Bestand des Landesmuseums 1957 in der Murhardschen Bibliothek eine neue Bleibe. Als moderne Universitätsbibliothekwird sie seit 1976 nicht nur durch Studenten genutzt. Jeder, der sich hier informieren will, kann einen Leihausweis beantragen.

Heute wird die Murhardsche oft mit der Handschriftensammlung gleichgesetzt, die im Tresorraum des Gebäudes zu besichtigen ist. Doch die Handschriften und frühen Drucke sind die kostbaren Schätze der Landesbibliothek, deren Ursprünge im Jahre 1580 liegen und die deshalb 2005 ihr 425-jähriges Bestehen feiern kann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das durch Bomben in Mitleidenschaft gezogene Gebäude der Murhardschen Bibliothek in reduzierter Gestalt wiederhergestellten. 1957 wurden darin die Landes- und Murhardsche Bibliothek zusammengelegt. Bei der Wiederherstellung wurde auf eine Rekonstruktion der Giebel verzichtet und als Abschluss des Hauptbaus wurde ein flaches Walmdach gewählt). Es war ein Riesenglück, dass der holzvertäfelte Eulensaal nach dem Bombentreffer nicht beschädigt wurde. Hier finden heute Vorträge und Lesungen statt, Feiern mit Musik und Theater. Unter den Augen der Eulen auf den Wandpfeilern, dem Symbol der griechischen Göttin der Weisheit, Pallas Athene.

Seit 1. Januar 1976 ist diese kombinierte Bibliothek der Bibliothek der Universität (ehemals der Gesamthochschule) eingegliedert. Auch wenn die meisten Nutzer das nicht merken, werden unter einem Dach die Bestände von Murhardscher und Landesbibliothek getrennt ausgebaut. Während die Landesbibliothek ihren Schwerpunkt in der Landesgeschichte hat und alles Gedruckte aus der Region sammelt, konzentriert sich die Murhardsche im Sinne ihrer Stifter auf Bücher der Staats- und Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften und Germanistik. 190.000 Euro stehen im Jahr für Neuerwerbungen zur Verfügung.

Ihr Testament haben die Brüder Friedrich und Karl Murhard im Jahr 1845 gemacht. Die Gelehrten vermachten ihr gesamtes Vermögen ihrer Vaterstadt für eine wissenschaftliche Bibliothek. Die Murhards gelten als intellektuelle Wegbereiter des Liberalismus in Deutschland. Aus dem Stiftungsvermögen wurde die Bibliothek finanziert. [1]

450.000 Bücher

Ein Traum für Bücherfreunde: Die Murhardsche Bibliothek hat einen Bestand von 450 000 Druckerzeugnissen. Bibliotheksleiterin Susanne Rockenbach hat für uns einen der wertvollen alten Bände aus dem Regal geholt. Foto: Herzog

In der Bibliothek lagern 450.000 Bücher von kaum schätzbarem Wert. Allein die Handschriftensammlung der Murhardschen mit 10.000 Exemplaren ist nach Einschätzung von Experten 200 Millionen Euro wert.

Die älteren Bestände der Murhardschen Bibliothek stammen aus der Hessischen Landesbibliothek. Die wurde bereits im Jahr 1580 von Landgraf Wilhelm IV. gegründet. Sein Nachfolger, Moritz der Gelehrte, fügte herausragende alchimistische Schriften und eine wertvolle Notensammlung hinzu.

Die Schätze in der Murhardschen Bibliothek haben einen Wert von 200 Millionen Euro. Um sie für die Zukunft zu sichern, werden viele der Dokumente aufwendig digitalisiert. Mehr als 8000 Dokumente, einige mit mehreren 100 Blättern, haben die Mitarbeiter der Universitätsbibliothek bislang eingescannt und verschlagwortet. Bei den wertvollsten Dokumenten hat man auf das Göttinger Digitalisierungs-Zentrum zurückgegriffen. Hier werden die Blätter ohne Berührung durch einen Luftstrom angesaugt und dann kopiert. Das ist auch ein Ziel des digitalen Archiv-Portals: Die Originale sollen geschont werden und trotzdem zugänglich sein. [2]

Hildebrandlied

Ein ganz besonderer Schatz ist das Hildebrandlied, das geschützt im Tresorraum ausgestellt wird. Es gelang während des Dreißigjährigen Krieges mit den Beständen der Fuldaer Bibliotheken hinzu. Die fürstliche Büchersammlung zog 1779 vom Renthof in das neu errichtete Museum Fridericianum um. Dort arbeiteten Wilhelm (ab 1814) und Jacob Grimm (ab 1816) als Bibliothekare. Sie fanden heraus, dass das Hildebrandlied in Stabreimform verfasst wurde: Die wichtigsten Worte beginnen mit dem gleichen Buchstaben. Die zwei dicht beschriebene Seiten des Hildebrandliedes, wurde von zwei jungen Fuldaer Mönchen in einem dicken theologischen Band aus dem 9. Jahrhundert versteckt. Die Mönche sollten die Heilige Schrift kopieren, schmuggelten aber die germanischer Heldendichtung darunter, die sie vermutlich von einem fahrenden Sänger gehört hatten. Damals gab es noch kein Papier, weshalb das aus Tierhaut gewonnene Pergament so wertvoll war.

Etwa 300 Schafe mussten allein für ein anderes wertvolles Schmuckstück ihr Leben lassen: den Willehalm-Codex von Wolfram von Eschenbach aus dem Jahr 1334. Ebenso wie die älteste Handschrift der Sammlung aus dem 6. Jahrhundert (De bello Judaico) ist das Hildebrandlied im klimatisierten Tresorraum der Murhardschen Bibliothek aufbewahr

Heutige Nutzung

Adresse

Die Landesbibliothek und die Murhardsche Bibliothek gehören zur Universitätsbibliothek Kassel. Die Adresse lautet Brüder-Grimm-Platz 4 A. Die Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 9 bis 18 und samstags von 10 bis 13 Uhr. Den Ausstellungstresor kann man montags, mittwochs und freitags von 14 bis 17 Uhr besichtigen.

Infozentrum

Im Erdgeschoss der Bibliothek befindet sich das Informationszentrum. Hier kann man sich persönlich beraten lassen oder an den Computerterminals selbst recherchieren. Im Infozentrum finden auch öffentliche Bibliothekskurse statt. In der Leseecke hat man die Wahl zwischen 20 aktuellen Tages- und Wochenzeitungen.

Freundeskreis

Seit einem Jahr gibt es einen Freundeskreis der Landes- und Murhardschen Bibliothek. Förderpaten werden weiter gesucht. Sie können dazu beitragen, den Eulensaal und den Lesesaal noch attraktiver zu machen. Kontakt: Dr. Axel Halle, Leiter der Universitätsbibliothek, Tel. 804 37 26, E-Mail: direktion@bibliothek.uni-kassel.de

Weblinks

  1. HNA vom 1. November 2010: Stifter hinterlassen Spuren
  2. HNA vom 11. Mai 2011: Hans Germandi stellt Privatarchiv für digitale Unibibliothek zur Verfügung

siehe auch