Motorisierung Kassel

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Die Motorisierung von Kassel 1920 bis 1930

Die Motorisierung von Kassel kam in den 20er Jahren nur langsam voran. Die bereits von vom Kasseler Verkehrsplaner Fritz Stück kritisierte Verkehrsarmut in Nordhessen lässt sich in der Verkehrsstatistik von 1925 ablesen. In Kassel waren 655 Personenkraftwagen, 445 Lastkraftwagen und 620 Krafträder zugelassen (Zahlen nach Armin Schmidt: Die Verkehrsentwicklung Kassel während der letzten 100 Jahre, Diss. Göttingen 1927, S. 35). Die Rückständigkeit von Kassel in der Entwicklung der Motorisierung tritt besonders im Vergleich mit der Stadt Frankfurt a.M. hervor, den die Tabelle 1 für die beiden Perioden 1927 bis 1932 und 1932 bis 1938 ermöglicht (Statistische Jahrbücher für das Deutsche Reich, 1928 bis 1938). Die Anzahl der PKW und der Busse pro 10.000 Einwohner betrug in Kassel durchweg nur gut zwei Drittel von der Frankfurts. Bei den PKW ( wie auch bei den Krafträdern ) blieb Kassel im Wachstum in der ersten Periode gegenüber Frankfurt zurück, überholte dann Frankfurt in diesem Indikator in der zweiten Periode, ohne jedoch die Motorisierungsdichte von Frankfurt zu erreichen.

Tabelle 1: Motorisierung in Frankfurt und Kassel zwischen 1927 und 1938

Zieht man die Eigenschaft „Residenzstadt“ heran, so geht man von der Annahme von ähnlichen Wirtschafts- und Sozialstrukturen in diesen Städten aus. Bei einem Vergleich von Residenzstädten wird ebenfalls die Rückständigkeit von Kassel in der Motorisierung deutlich. Die Tabelle 2 gibt die Daten für die PKW-Dichte von ausgewählten Residenzstädten im Jahre 1929 wieder (Statistisches Jahrbuch für das Deutsache Reich1930, S. 160. Daten von Darmstadt liegen nicht vor, da Darmstadt nicht als Großstadt ( weniger als 100.000 Einwohner ) bezeichnet werden kann):

Stadt Personenkraft-wagen je 10000 Einwohner

Braunschweig 147,9 Karlsruhe 118,2 Mannheim 117,8 Wiesbaden 107,1 Kassel 104,7

Tabelle 2: PKW-Dichte in Residenzstädten im Jahre 1929

Trotz des Residenzstadtcharakters wies Kassel in den 20er Jahren neben den Firmensitzen für die Stätten der in der Umgebung gewonnen Urproduktion von Kali, Eisenerz und Braunkohle einige Industriebetriebe auf: Salzmann&Behrens (für das Militär wichtige Leinen- und Tuchfabrikation), die Papierfabrik AG, die Eisengießerei Uhlendorf in Bettenhausen, der Waggonbau (die Firmen Wegmann und Credé), die Feinmechanische und Optische Industrie (u.a. Firma Breithaupt).

Im Zentrum der Kasseler verkehrsaffinen Unternehmen stand Henschel, zugleich die wichtigste industrielle Produktionsstätte in Kassel. Henschel erhielt zahlreiche Aufträge von der Deutschen Reichsbahn, mußte aber in der Weltwirtschaftskrise 1929 - 1933 die Produktion stark einschränken. Zwar konnte das erste Krisenjahre 1930 mit einem Auftrag von 18 Schnellzuglokomotiven noch überbrückt werden, den die Reichsbahn aus einem Gesamtvolumen von 70 Neubauaufträgen Henschel zuteilte. Die Dramatik der Krise wird daran deutlich, dass der Umsatz im Jahre 1932 auf nur noch 47% des Vorjahres sank. Wie aus dem Geschäftsbericht von 1937 hervorgeht, erwirtschaftete das Unternehmen Henschel Mitte der 30er Jahre die Hälfte seines Umsatzes mit dem Bau von Lastkraftwagen, die für die Aufrüstung eine große Rolle spielten. Henschel baute ferner Omnibusse für den Weitstreckenverkehr mit 60 Sitzplätzen, einem 250PS 12-Zylindermotor und Hochganggetriebe ( Kasseler Post vom 21. Juli 1937 und Zeitschrift Verkehrstechnik, Heft 1, 1930, S. 14).

Siehe auch Ostland Treuefahrt, Autobahnbau in Nordhessen.

Literatur: Richard Vahrenkamp: Die Zentrallage Kassels - Verkehrspolitik und Autobahnbau in Nordhessen 1920 bis 2000, in: Hildebrand Ptak (Hersg.): Betriebswirtschaftlicher Wandel in Deutschland, Hamburg 2006, S. 121-174

[Working Papers in the History of Mobility No. 10/2006]