Mit Schiffen zum Rathaus

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Seit Jahrhunderten muss die Dreiflüssestadt in bestimmten Abständen mit Hochwasser leben.

Die obere Inschrift am südöstlichen Strebepfeiler des Chores der St.-Blasius-Kirche.FOTO: VON PEZOLD

Eine nahezu alljährlich in den Wintermonaten auftretende und deswegen auch kaum besondere Aufmerksamkeit erregende Erscheinung ist die Überflutung der Schlagdspitze in Münden am Zusammenfluss der stadtseitigen Arme von Werra und Fulda. Steigt das Wasser etwas höher, so werden die Anwohner durch Sperrung ihrer Parkplätze auf der Bremer Schlagd beeinträchtigt.

Hochwasser sind indessen nicht mehr so häufig und auch nicht mehr so verheerend wie in früheren Jahrhunderten. So bemerkte Mündens Bürgermeister Johann Christian Unger 1756, die Stadt sei Überschwemmungen sehr unterworfen, worunter die von 1552, 1643, und 1682 die stärksten und so beschaffen waren, daß man in der Stadt mit Schiffen fahren musste. In der Kirche konnte der Gottesdienst nicht gehalten werden. Der Rektor der Mündener Lateinschule, Johann Ludolf Quentin, stellte 1790 alle ihm bekannt gewordenen Nachrichten über Hochwasser in Münden zusammen.

Das Hochwasser am 1. Januar 1764 hatte er selbst erlebt. Es entstand nach starken Schnee- und Regenfällen, die die Werra und die Fulda stark anschwellen ließen, so dass die tiefer liegenden Straßen der Stadt überflutet wurden und in den Kellern gelagerte Nahrungsmittel vernichtet wurden. Verluste hatten auch die Fernhandelskaufleute zu beklagen, die Güter im Lagerhaus an der Bremer Schlagd liegen hatten. Erheblich höher stiegen die Hochwasser, die der Bürgermeister Unger ausdrücklich erwähnte und anscheinend wegen ihrer außerordentlichen Höhe in den Erzählungen am Ort im Bewusstsein der Mündener fortlebten. Wie Quentin berichtet, setzte das Hochwasser von 1682 am 16. Januar bei starkem Eisgang auf den Flüssen ein und richtete an den Häusern der Stadt, an den Mühlen, am Lagerhaus auf der Bremer Schlagd und in den Gärten vor den Mauern der Stadt erhebliche Schäden an. Das Wasser stand bis zum 21. Januar so hoch, dass das Rathaus nur mit einem Dielen-Schiff erreicht werden konnte, wo während dieser Tage alle kirchlichen Handlungen vorgenommen werden mussten. Dazu gehörte auch die Beurkundung von Geburten und Todesfällen (Standesämter gibt es erst seit 1874).

Ähnlich muss das Hochwasser verlaufen sein, das am 5.Januar 1643 einsetzte und sechs Tage andauerte. Das Ausmaß dieser Katastrophen lässt sich bei einiger Vorstellungskraft, die durch die Fernsehbilder von den Hochwassern der 90er Jahre vor allem am Rhein belebt sein mag, an den Wasserstandsmarken an der Nordostecke des Rathauses einigermaßen ermessen. Ein Hochwasser, das mit dem von 1643 vergleichbar ist, wie die Inschrift am südöstlichen Strebepfeiler des Chores der St. Blasiuskirche erkennen lässt, ereignete sich 1552. Es begann am 10. Januar und weckt, mancherley drückende und nagende Empfindung, wie Quentin bemerkt und dann fortfährt: Durch vieles Regen-, Bach- und Schneewasser schwollen Fulda, Werra und Weser dergestalt an, daß das tobende Wasser in die Stadt durch alle Gassen und Häuser drang; der Wintervorrath und Kaufmannsgüter in und ausser den Gewölben versoff und verdarb. Viele Menschen und Vieh, welche nicht sofort aus der Stadt auf die Anhöhen und Berge zur Rettung geborgen und weggeschaffet werden konnten, kamen elendiglich um.

Was mag sich da erst im Sommer 1342 zugetragen haben, als das Wasser - wie die Inschrift über der von 1552 berichtet - noch reichlich einen halben Meter höher stand?

Jahrtausendkatastrophe 1342

Die historische Klimaforschung hat 1342 als das Katastrophenjahr des Jahrtausends identifiziert. Rüdiger Glaser stellt in seiner Klimageschichte Mitteleuropas (2001) fest: Die herausragendste, historisch belegbare Überschwemmungskatastrophe in Mitteleuropa fand im Jahre 1342 statt. Es gibt kaum eine Zusammenstellung von Überschwemmungen, in der dieses Jahr nicht ausführlich beschrieben ist. Der Ablauf dieses hydrologischen Super-Gaus lässt sich folgendermaßen rekonstruieren: Nach einem eher durchschnittlichen Winter trat ein erstes, eher unbedeutendes Hochwasser bereits Anfang Februar nach der Schneeschmelze auf. Das zweite, auf das sich die meisten historischen Angaben beziehen, wurde durch mehrtägige, heftige Niederschläge Ende Juli und Anfang August ausgelöst. Es war die Überschwemmungskatastrophe in Mitteleuropa, die eine Flutwelle entfachte, wie sie in Höhe und Ausmaß seither nicht wieder zu beaobachten war. Das Mündener Hochwasser dieses Jahres soll sich allerdings nach der Inschrift an der St.Blasius-Kirche genau einen Monat früher ereignet haben.

(Dr. Johann D. von Pezold)