Martinskirche

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Martinskirche

Die Türme der Martinskirche sind unverkennbar und zählen zu den Wahrzeichen Kassels. Seit über 500 Jahren gehört die Martinskirche zum Stadtbild. In der Kirche, die bereits im Mittelalter als Bestattungsort diente, sind zahlreiche hessische Landgrafen beerdigt. Außerdem war die Martinskirche 2007 Ausstellungsort des kirchlichen Begleitprogramms zur documenta.

Heute ist sie eine evangelische Pfarrkirche und die Predigtstätte des Bischofs der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Aus der Geschichte

Das Stift zum Heiligen Kreuz

Die evangelische Kirche Sankt Martin ist die größte Kirche in Kassel. Das Gotteshaus bietet Platz für 1100 Besucher.

Mit dem Bau der Stiftskirche für die seinerzeit neu gegründete Vorstadt "Freiheit" wurde bereits im Jahre 1384 begonnen, bevor die Kirche im Jahre 1462 eingeweiht werden konnte. Der Kirchbau war nur langsam vorangeschritten und im Jahre 1440 stürzte sogar ein Kirchengewölbe ein. Die gotische Kirche wurde der Gottesmutter Maria, dem heiligen Martin und der heiligen Elisabeth geweiht.

An der Martinskirche befand sich auch ein in den Jahren 1366/67 eingerichteter Chorherrenstift. Landgraf Ludwig I. soll 1437 ein Stück des Heiligen Kreuzes nach Kassel gebracht haben, was erklärt, dass die Martinskirche auch als Stift zum Heiligen Kreuz in geschichtlichen Quellen erscheint.

Schon eine Urkunde vom 20. Mai 1366 erwähnt Pfründe aus Gütern in Heiligenrode und Umbach, die dem Martinsstift zu Kassel zufließen. Zu dieser Zeit war der Bischof von Halberstadt in der Stadt Kassel anwesend, um die Martinskirche - bis dahin eine Pfarrkirche - zu einer Kollegiatskirche, einer Stiftskirche; zu erheben. So wurde die neue Kirche "auf der Freiheit" dem geistlichen Martinsstift angegliedert.

Zur Zeit der Reformation im 16. Jahrhundert wurde aus der Kirche ein protestantisches Gotteshaus. Unter der Herrschaft des Landgrafen Philipp I. gehörte Hessen neben Sachsen und Württemberg zu den Vorkämpfern der Reformation im Deutschen Reich. Ab 1526 war die Martinskirche evangelisch.

Der im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder veränderte Kirchbau erhielt in den Jahren 1889 - 1892 Türme im neugotischen Baustil. Baulich vollendet wurde die Kirche erst mit der Errichtung dieser beiden Türme.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche in der Bombennacht im Oktober 1943 vollständig zerstört. Ihr Wiederaufbau erfolgte unter Otto Heinrich Vogel in den Jahren 1954 - 58, wobei auch die gotischen Sterngewölbe mit in den Neubau einbezogen worden sind.

Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg

Türme der Martinskirche

Im Jahr 1958 geht der Wiederaufbau weiter voran - die Einweihung der Martinskirche ist ein sichtbares Zeichen dafür.

Für die evangelischen Gemeinden in der Stadt wird der Trinitatissonntag am 1. Juni 1958 diesmal zu einem besonderen Festtag. Über den sonnenbeschienenen Martinsplatz bewegt sich ein feierlicher Zug von Mitgliedern des Kirchenvorstandes. Die Männer und Frauen bringen während des Krieges gerettete, wertvolle Tauf- und Abendmahlgeräte und die Altarbibel wieder zurück in die Martinskirche.

15 Jahre lang haben sie auf diesen Augenblick warten müssen. Nun ist der Wiederaufbau von Kassels größter Kirche abgeschlossen. Mit einem Festgottesdienst wird das Gotteshaus wieder eingeweiht.

Weit über 1400 Menschen drängen sich in Haupt- und Chorkirche, und Tausende verfolgen zu Hause am Radio die Rundfunkübertragung des feierlichen Geschehens, das die Hessischen Nachrichten am nächsten Tag als "Markstein auf dem trümmerreichen Wege stetigen Wiederaufbaues Kassels" würdigen.

Vier Jahre hat der Wiederaufbau des Martinsdoms gedauert, der in der Bombennacht vom 22. Oktober 1943 zerstört worden war. Die Trennung von Chor und Kirchenschiff durch eine hohe Glaswand und die doppelte Ausstattung mit Altar und Kanzel sorgt für zwei getrennt nutzbare Kirchen im Innenraum und gilt als einmalige Lösung im deutschen Kirchenbau.

Rückkehr der Löwen

Die Kriegszerstörung haben sie überstanden, an behüteten Orten wurden sie aufbewahrt, und seit 1999 sind sie wieder als Schmuck der Martinskirche an ihren angestammten Platz zurückgekehrt: sechs steinerne Löwen.

Die Löwen sind wieder da. Nicht alle acht, aber immerhin sechs. Über Jahrzehnte waren sie nicht mehr an ihrem angestammten Platz, der Martinskirche. Jetzt zieren sie, gegen Feuchtigkeit imprägniert, die Eingangstore des Gotteshauses.

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Zwei bewachen schon seit längerem den Westeingang. 1999 sind auch die anderen vier zurückgekehrt, und jeweils zwei flankieren den Haupteingang außen und innen. In ihren Tatzen halten sie die Wappen von Kassel, der hessischen Grafschaften und das deutsche Reichswappen. Die letzten zwei sind verschollen, möglicherweise zerstört worden.

Ursprünglich standen die Löwen einmal in halber Höhe auf den Ecken der beiden Türme der Martinskirche. Ebenso wie die neugotischen Türme im entsprechenden Stil Ende des 19. Jahrhunderts aus Sandstein gehauen. In der Bombennacht am 22. Oktober 1943 wurde die Innenstadt und mit ihr die Martinskirche zerstört. Sechs der Löwen aber blieben auf wundersame Weise unbeschädigt, zum Teil standen sie nach dem Bombardement sogar noch inmitten von Trümmern auf ihren Simsen.

Lange, sehr lange, hat sich der Wiederaufbau der Martinskirche nach Kriegsende hingezogen. Die Löwen wurden derweil im Hof des Pfarrhauses abgestellt. Als die Kirche 1958 wieder eingeweiht wurde, gab es bei der neuen Turmkonstruktion für die steinernen Katzen in luftiger Höhe keinen Platz mehr.

Der damalige, inzwischen verstorbene Kirchenbaurat Hans A. Maurer sorgte sich um die achtlos abgelegten Wappentiere und befürchtete, daß sie im Laufe der Zeit unter die Räder geraten könnten. Deshalb machte er sich auf die Suche nach "Paten", welche die Tierfiguren als Leihgabe in ihre Obhut nahmen, um sie zu einem ungewissen, späteren Zeitpunkt unversehrt wieder der Martinskirche zurückzugeben. Das war in den 70er Jahren und wurde, damit alles seine Richtigkeit hat, penibel in schriftlicher Form festgehalten.

Diese Unterlagen mit dem Verbleib der Figuren kamen wieder ans Tageslicht, als Dr. Martin Hein sein Amt als neuer Dekan antrat. Hein unterrichtete den Kirchenvorstand und weckte hier sofort das Interesse von Susanne Schaeffer. "Das wenige, was wir in Kassel an Zeugen der Vergangenheit besitzen, zu bewahren, um damit auch zu mahnen, das ist ein Anliegen von mir", erklärt Susanne Schaeffer ihr leidenschaftliches Engagement. Sofort machte sie sich auf die Suche nach den Löwen und fand sie an den angegebenen Orten in der Kasseler Region, in Gärten von ehemaligen Kirchenfunktionären.

Grabmahl von Landgraf Philipp I. und dessen erster Ehefrau Christina von Sachsen. Noch zu deren Lebzeiten schloss er 1540 im Schloss Rotenburg eine zweite Ehe mit Margarethe von der Saale.

Einen entdeckte sie vor der Haustüre der Familie Maurer. "Der Löwe ist über die vielen Jahre bei uns sehr liebevoll behandelt worden", sagt die verwitwete Ruth Maurer. Sie holt Gästebücher herbei, in denen die Gäste im Hause Maurer unzählige Male auf den Löwen anspielten und ihn damit verewigten. Ungezählt sind auch die Fotos von den Maurer-Enkelkindern mit Steintier im Hintergrund.

Als es nun an der Zeit war, vom Löwen Abschied zu nehmen, berührte das sogar die entfernt lebenden Freunde der Familie Maurer. "Oh Leu, Du hast das Haus geziert, schlimm ist es, wenn man Dich verliert... Ja, Du hast unser Herz besessen, wir werden Dich nimmer vergessen", dichtete ein Freund aus Eisenach, Dr. Dietrich Wohlfahrt. Ruth Maurer dagegen sagt: "Ich freue mich, daß der Löwe nach seinem Ausflug nach Kirchditmold wieder zu seinen Kollegen zurückgekehrt ist."

Dieser Freude schließt sich auch der Pfarrer der Martinskirche, Dr. Willi Temme, an. Die Initiative zur Zurückführung der Löwen sei von Susanne Schaeffer ausgegangen, und die Realisierung sei möglich geworden, weil es freigiebige Spender gegeben habe.

Jetzt weise der Löwe als hessisches Wappentier an allen Haupteingängen der Kirche auf die Bedeutung der Martinskirche für die hessische Geschichte hin.

Fürstliche Grabstätten in der Martinskirche

Nach der Reformation in Hessen bestimmte Landgraf Philipp I. die Kasseler Martinskirche zur Begräbniskirche des Hauses Hessen. Bis dahin hatte die Elisabethkirche in Marburg als Grablege gedient.

Geodäsie

Was eigentlich nur Geodäten bzw. Vermessungsfachleuten bekannt sein dürfte, ist, dass die alten Karten mit ihrem rechtwinkligen Bezugssystem auf die Martinskirche bzw. einem der Türme als Nullpunkt ausgerichtet waren. Diese Koordinaten - wie auch das System - waren nach dem in Bayern tätigen Mathematiker und Astronomen Soldner benannt; In der Praxis wird in diesem Soldnersystem aber nicht mehr "verfahren".

Kirchenglocken

Die Martinskirche besitzt ein siebenstimmiges Bronzeglockengeläut, welches im Jahre 1961 von den Gebrüdern Rincker in Sinn/Hessen gegossen wurde. Außerdem gibt es eine weitere alte, aus dem Altstädter Rathaus stammende Bronzeglocke, welche bis zum Jahr 2003 als Uhrschlagglocke genutzt wurde und seitdem außer Betrieb ist. Das Uhrzeitanschlagen hat seitdem Glocke 2 übernommen. Hier die Glocken im Einzelnen:

Nr. Name Schlagton Gewicht Stifter Turm
1 Christusglocke (Osanna) 5.300 kg Henschelwerke Südturm
2 Vaterunserglocke 3.100 kg mehrere große Firmen Kassels Südturm
3 Abendglocke d' 1.850 kg einige Gemeindeglieder Nordturm
4 Mittagsglocke es' 1.550 kg Landeskreditkasse Kassel Nordturm
5 Taufglocke f' 1.100 kg Elektrizitäts-A.G. Mitteldeutschland (EAM) Nordturm
6 Morgenglocke g' 850 kg Brauerei Kropf Nordturm
7 Abendmahlsglocke b' 600 kg Freiherr Waitz von Eschen Nordturm
8 ehem. Uhrschlagglocke b' [stammt aus dem Altstädter Rathaus, gegossen 1511 von Hans Kortrog in Homberg (Efze)] Südturm

Kirchtürme

Die Glocken über dem Turm und 100 Glockenschläge am Tag

Vor dem Eckhaus Oberste Gasse/ Druselplatz 4, mit Blick zur Martinskirche, Anfang der 1920er-Jahre.

Zwei Wahrzeichen Kassels waren bis 1943 mit den Türmen der Martinskirche verbunden: die Glocke(n) über dem Turm und die Glocke, die am Tag 100 Schläge tat. Das erste Wahrzeichen erklärt sich durch ein Provisorium: Als die Kirche 1462 nach über 120 Jahren Bauzeit ihre Schlussweihe erhielt, war nur der Unterbau der Türme vollendet, in der Höhe der Strebepfeiler.

Allein auf dem südlichen Turmstumpf erhob sich ein provisorischer hölzerner Aufbau für die Glocken. Immerhin konnte der Turm 1483-1487 bis zum 1. Umgang erhöht werden, aber auch weiterhin reichte das Geld nicht für die Vollendung. Das zweite Wahrzeichen reicht in die Zeit der Reformation zurück: Damals kam die größte Glocke Kassels auf die Martinskirche, die Osanna aus der abgebrochenen Altstädter Pfarrkirche. Wegen des provisorischen Glockenstuhls wagte man nicht, die Glocke regelmäßig zu läuten. Also diente sie nur als Sturmglocke und zum Stundenschlag – von 4 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, was in der Summe genau 100 Schläge ergab. So hatte Kassel damals drei Wahrzeichen: die Glocken über dem Turm, die Glocke, die am Tag genau 100 Schläge tat, und das Wasser, das über die Brücke floss (eine Wasserleitung vom Eichwald zum heutigen Renthof).

1564/1565 erhielt der Südturm schließlich achteckige Aufbauten, wie sie in ähnlicher Form heute noch in Zierenberg erhalten sind. Stadt, Landgraf und Kirche teilten sich die Kosten. Über dem Glockenstuhl mit drei Glocken befand sich das Uhrwerk, darüber die Türmer¬wohnung. Das erste Wahrzeichen (die Glocken über dem Turm) ging damit zunächst zwar verloren, aber die 100 Stundenschläge am Tag blieben bis zur Zerstörung 1943 gute alte Tradition – auch, als sie schon längst nicht mehr von der Osanna, sondern von einer eigenen Stundenglocke ausgeführt wurden.

Feueralarm und Türmer

Der Türmer hatte vor allem zwei wichtige Aufgaben: zum einen das Aufziehen und Nachstellen der Uhr, zum anderen die rechtzeitige Warnung vor Bränden oder feindlichen Angriffen. Wenn er Rauch oder Flammen erblickte, wurde die Sturmglocke in kurzen Abständen angeschlagen. Dabei wurden längere Pausen eingelegt, in denen der Türmer durch ein mächtiges Sprachrohr mehrmals „Feuer“ rief und die Richtung des Brandes bekannt gab; diese wurde außerdem durch eine Fahne angezeigt, in der Nacht durch eine rote Laterne. Mit der Anzahl der Schläge bezeichnete er, ob das Feuer zu- oder abnahm, bis er es vom Turm aus nicht mehr sehen konnte. Die Bevölkerung sammelte sich derweil auf einzelnen, festgelegten Plätzen und eilte von dort zur Brandstelle; das Druselwasser wurde gezielt dorthin geleitet, indem man die übrigen Rinnen abdämmte und das Wasser damit auf die Brandstelle konzentrierte.

Glöckchen in der Wetterfahne

An der Ecke Oberste Gasse/ Hedwigstraße, mit Blick auf Martinskirche und Tuchhaus, 1820 (Aquarell von Ludwig Emil Grimm); an der Südseite des Tuchhauses erkennt man die 1766 angebaute Hauptwache.

Das Wahrzeichen der Glocken über dem Turm war mit dem Neubau erst einmal verschwunden, bis 1824 die Bekrönung des Turms erneuert werden musste. Sie wurde vom Bildhauer Werner Henschel und seinem Bruder Carl Anton, dem Oberberginspektor und Fabrikbesitzer, entworfen und ausgeführt. Ihre Form wurde von den Kleeblättern des Kasseler Wappens sowie einem silbernen Glöckchen bestimmt, das an jenes alte Wahrzeichen erinnern sollte. Dieses Glöckchen erregte allerdings Anstoß beim Innenministerium: Es gebe Beschwerden, wonach es in stürmischen Nächten zu laut sei. Man solle Abhilfe schaffen. Der Stückgießer Henschel erklärte daraufhin, dass es als Gegengewicht zur Wetterfahne diene und nicht ohne weiteres entfernt werden könne. Das Konsistorium meinte zudem, dass der Wind lauter sei als das Glöckchen; seit dem Aufhören der Stürme sei es kaum mehr zu hören. Beschwerden der Anwohner gebe es nicht, sie fänden darin sogar eine Unterhaltung. Der Magistrat wünschte schließlich auch eine Beibehaltung als Wahrzeichen, so dass das Glöckchen bleiben konnte. 1868 schleuderte allerdings ein Sturm die Wetterfahne herab, und statt ihrer brachte man 1877 einen einfachen Knauf an. Das alte Glöckchen gelangte in Privatbesitz und wurde nach 1945 der Kirche zurückgegeben. Heute hängt es am östlichen Dachknauf des Chores.

Vollendung der Türme

Steinweg, Ecke Oberste Gasse, um 1892-1896: rechts das Elisabeth-Hospital, im Hintergrund die Türme der Martinskirche.

Ab 1880 betrieb der neue Dekan Carl Kröner die Vollendung der Turmfront – nachdem bereits die Türme in Regensburg und Ulm sowie der Kölner Dom vollendet worden waren. Nachdem er zunächst auf starke Bedenken gestoßen war, hatte er das Presbyterium bis 1883 schließlich überzeugt. Man bildete einen Arbeitsausschuss und begann in Kassel mit dem Sammeln von Spenden. Mittelalterliche Pläne waren nicht mehr vorhanden, so dass man zunächst auf eine Skizze des früheren Kasseler Architekten Heinrich von Dehn-Rothfelser von 1850 zurückgreifen wollte. Schließlich bat man ihn (inzwischen in Berlin als Konservator der Baudenkmäler tätig) und den Bauunternehmer Zahn um neue Entwürfe; außerdem wandte man sich an Hugo Schneider, der als Nachfolger Dehn-Rothfelsers an der Kasseler Kunstakademie lehrte. Schneider war bereits am Kölner Dom tätig gewesen und leitete gerade die Vollendung des Aachener Domturms. Kröner setzte sich für Schneiders Entwurf ein, mit dem bald auch öffentlich geworben wurde.

Die Grundform griff das Achteck auf, das im gotischen Unterbau schon vorbereitet war; zugleich vermieden die Ecktürme dessen Nachteil, aus bestimmten Blickwinkeln zu klein für den quadratischen Unterbau zu wirken. Und die hohen schiefergedeckten Spitzen entsprachen der regionalen Bauweise. Der Entwurf stieß allerdings im Berliner Ministerium auf Kritik, und schließlich fertigte die dortige Akademie ein Gutachten über alle drei Projekte an. Schneiders Vorschlag wurde grundsätzlich befürwortet, allerdings musste er noch einige Änderungen vornehmen.

Nachdem Kirche und Stadt Finanzmittel zur Verfügung gestellt hatten und eine überregionale Lotterie ins Leben gerufen worden war, hatte man 1888 das erforderliche Geld zusammen. 1889 begannen die Arbeiten. Zunächst wurden die Fundamente verstärkt, dann der Nordturm aufgemauert, der unterhalb des Umgangs die Türmerwohnung aufnahm. Im nächsten Schritt, nach dem Umzug des Türmers in 1890, ersetzte man die achteckigen Aufbauten des Südturms, wobei aber der alte Glockenstuhl stehen blieb. Doch im Sommer 1891 hätte ein Unglück beinahe die bisherigen Arbeiten zunichte gemacht und sogar die ganze Kirche bedroht:

Der Brand der Rosenzweigschen Fabrik

St. Martin um 1889

Am Mittag des 14. Juli 1891 ertönten vom Südturm der Martinskirche die Glockenschläge des Feueralarms. Dichter schwarzer Rauch stieg vor der Westseite der Kirche auf und hüllte die Baugerüste ein: Die Rosenzweigsche Lacke- und Farbenfabrik gegenüber des Nordturms stand in Flammen. Schneider eilte aus dem Unterricht an der Akademie (damals noch an der Schönen Aussicht) zur Baustellte, und auch sein Bauleiter Hagen traf umgehend ein. Aus der Brandstelle ertönten immer wieder Detonationen, Feuersäulen stiegen empor. Schneider gab die Türme schon verloren, zumal etliche Terpentinfässer aus der Fabrik direkt unter die Baugerüste gerollt wurden. Hagen dagegen sprang auf das Gerüst, um das Holz mit Wasser zu befeuchten; immerhin war eine Wasserleitung bis auf den ersten Turmumgang verlegt. Man bildete eine Eimerkette, und bald besprengte auch die eingetroffene Feuerwehr die Gerüste. Nach drei Stunden drehte schließlich der Wind, die Gefahr war abgewendet. Die Fabrik brannte jedoch vollständig nieder.

Die Stadt Kassel nahm das Unglück zum Anlass, von der Königsstraße aus einen Durchbruch zur Kirche zu schaffen. Obwohl die Westfront der Kirche gegenüber der Südseite untergeordnet war (man beachte z. B. den gotischen Schmuck am Südturm), opferte man für dieses Projekt die Alte Dechanei neben der Rosenzweigschen Fabrik – einen bedeutenden Fachwerkbau von 1483. 1893 erfolgte der Abbruch, 1895 war der neue Philippsplatz fertig gestellt.

Wiedereinweihung der Kirche in 1891

Martinskirche - Westportal

Im August 1891 konnte Richtfest gefeiert werden, und 1892 wurde die renovierte Kirche wieder eingeweiht. Im Südturm hingen weiterhin drei Glocken, im Nordturm kam eine zusätzliche Glocke hinzu. Uhrwerk und Schlagglocke befanden sich auf dem Südturm, in Höhe des zweiten, oberen Umgangs. Auf den Ecken der Brüstung waren insgesamt acht Wappenlöwen aufgestellt: mit den Wappen des Deutschen Reiches, der Stadt Kassel und der einzelnen hessischen Territorien.

In Erinnerung an das alte Wahrzeichen der Glocke über dem Turm hatte man in der Bekrönung des Nordturms wieder ein kleines, freihängendes Glöckchen angebracht, während den Südturm ein Wetterhahn krönte. Ansonsten beendete der technische Fortschritt bald die jahrhundertealten Traditionen: Im Mai 1900 nutzte man die Osanna das letzte mal zum Feueralarm, und 1918 wurde ein elektrisches Schlagwerk für die Uhr eingebaut – der letzte Türmer der Martinskirche beendete damit seinen Dienst. 1926 ersetzte man auch die alte Tretanlage der Glocken, die von insgesamt sechs Personen betätigt wurde, durch eine elektrische Läutanlage. Das Silberglöckchen des Nordturms wurde 1929 durch einen Sturm herabgeschleudert und 1930 neu angebracht.

Kriegszerstörung in der Bombennacht 1943

Die Martinskirche nach der Bombennacht vom 22. Oktober 1943

Am Abend des 22. Oktober 1943 begann die britische Luftwaffe um 20.49 Uhr mit einem Flächenbombardement der Innenstadt: Die Martinskirche diente dabei zum einen als gut sichtbarer Zielpunkt, zum anderen lag sie in einem Stadtteil mit leicht brennbaren Fachwerkhäusern. Sprengbomben sollten zuerst deren Gefache lockern, damit das Feuer der nachfolgenden Brandbomben besser die Balken angreifen konnte. Bis 21.11 Uhr wurden 1812,4 Tonnen Bomben über der Innenstadt abgeworfen. Noch in einem Umkreis von 200 Kilometern war der Himmel rot erleuchtet. Zwischen 11.000 und 12.000 Menschen fanden im Feuersturm den Tod, die Häuser von Altstadt, Freiheit und Unterneustadt wurden bis auf einige steinerne Sockelmauern und Fassaden vernichtet, die Straßenzüge der Oberneustadt und der angren¬zenden Viertel brannten aus. Das gesamte Notdach der Martinskirche (das man nach einem früheren Angriff von 1942 errichtet hatte) stand in Flammen – diesmal war ein Löschen jedoch unmöglich; die Gewölbe und Pfeiler hielten nicht stand und stürzten ein. Die Turmuhr blieb nach etwas mehr als vier Stunden um 1.05 Uhr stehen, vermutlich als das Uhrwerk in den Turm stürzte. Das Getöse der herabstürzenden Osanna soll noch kilometerweit in den umliegenden Dörfern zu hören gewesen sein.

Literatur

Blick zur Martinskirche
  • Alois Holtmeyer, Die Bau- und Kulturdenkmäler im Kreis Cassel-Stadt, Marburg 1923 (erschienen als: Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Band 6).
  • Peter Horst, Die Martinskirche in Kassel (erschienen als: Große Baudenkmäler, Heft 212), 2. Auflage, München/Berlin 1977
  • Volker Knöppel, Die Fürstengruft der Kasseler Martinskirche, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 2001, S. 110 ff.
  • Franz T. Piderit: Geschichte der Haupt- und Residenzstadt Kassel, Vellmar 2004 (Nachdruck der Ausgabe Kassel 1882).
  • Christian Presche, Die fürstlichen Grabstätten in der Kasseler Martinskirche, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde (ZHG), Bd. 107 (2002)
  • Christian Presche, Die fürstlichen Grabstätten in der Kasseler Martinskirche, in: Jahrbuch des Landkreises Kassel 2002, S. 86 ff.

Planungen und heutige Nutzung

Innenansicht
Innenansicht

Architektenwettbewerb zum Neuaufbau

1953 wurde ein Architektenwettbewerb zum Neuaufbau ausgeschrieben, und im Dezember einigte man sich auf einen Entwurf des Trierer Baurats Otto Vogel. Auf Wunsch des Stadtbaurats Bangert hatte Vogel seine Planung zweier unterschiedlicher Türme noch einmal abgeändert. Während Bischof Wüstemann den Erhalt der neugotischen Turmstümpfe wünschte, als „ein Haltepunkt des Gewesenen im neuen Stadtbild“, forderte Bangert eine Erhöhung der Türme, die Vogel nun aufgriff. Die neuen Aufbauten waren mit einer Sandstein-Verblendung geplant und sollten mit flachen Helmen abschließen. Aus Kostengründen wurden sie erst in einem zweiten Bauabschnitt nach Einweihung der Kirche realisiert. 1959 begannen die Arbeiten mit dem Abbruch des ersten Umgangs und der Ecktürme, 1960 war die neue, offene Konstruktion weitgehend fertig – und zeigte sich umgehend als Fehlplanung: Die Kirchenleitung beklagte, dass die beabsichtigte filigrane Wirkung nicht eintrat. Statt dessen erschienen die Türme wie ein kompaktes Hochhaus. Nicht umsonst hatte die Gotik achteckige Aufbauten vorbereitet. Für eine Korrektur war es jedoch zu spät: Vogel versuchte zwar noch Abhilfe zu schaffen, indem er die geplanten flachen Helme in höhere Spitzen abänderte, doch konnte an der massiven Wirkung der Betongerüste nichts mehr geändert werden. Auch die äußere Verblendung erfüllte nicht die Erwartungen - statt des Sandsteins hatte man Kunststein verwendet, der auf Dauer nachdunkeln und sich dem mittelalterlichen und neugotischen Mauerwerk anpassen sollte – diese Angleichung ist jedoch bis heute nicht eingetreten.

Sanierung des Innenraums

Altarraum

Ab 1953 wurde die Martinskirche nach den Plänen des Trierer Baurats Heinrich Otto Vogel wieder aufgebaut, die Einweihung war 1958. Seitdem hat sie die neu gestalteten Doppeltürme mit ihren kupfernen, blau-grün leuchtenden Spitzen, die die Kirche im Stadtbild hervorstechen lassen. Eine Renovierung der verwitterten Außenmauern der Kirche fand ab dem Jahr 2000 statt.

Seit dem Neuaufbau der Kirche besteht auch die Teilung in das große Kirchenschiff und den kleineren Chorraum. Der Innenraum blieb dabei weitgehend unverändert.

Ab Sommer 2014 wird der Innenbereich der Martinskirche jetzt umfassend renoviert. Bei größeren Veranstaltungen in der Kirche richten sich die Blicke der Besucher bereits mit Besorgnis nach oben, denn in dem Deckengewölbe klaffen Risse. 2,5 Millionen Euro sind für die Generalsanierung des Innenraums veranschlagt, die voraussichtlich bis Ende 2015 dauern wird. [1]

Zur kulturellen Nutzung der Martinskirche

Blick zur Martinskirche

Aktuelle Fotos zeigen die Martinskirche oft von der Schäfergasse aus. Sie begann früher erst jenseits des alten Pferdemarktes, machte in ihrem weiteren Verlauf einen Knick und bog in Richtung Müllergasse ab.

Die heutige Schäfergasse ist im Vergleich zur Kasernenstraße leicht nach Osten verschoben. Sie liegt zwischen Bremer Straße und Kurt-Schumacher-Straße.

Auch die Kirche selbst hat sich verändert. Längst wird sie nicht mehr nur für Gottesdienste genutzt, sondern auch für kulturelle Zwecke wie Ausstellungen und Konzerte. Jazzgrößen wie Jan Garbarek und Giora Feidman sind hier aufgetreten.

Kunst begegnet einem auch vor dem Kirchenportal. Dort wacht der "Schwarze Mann", wie die von Antony Gormley 1988 geschaffene Bronzeskulptur "Out of the dark" von 1988 [2] von den Kasselern genannt wird. Sie steht auf dem Landgraf-Philipps Platz, wie dieser Teil des Martinsplatzes seit vielen Jahren heißt.

1990 wurde die gesamte, zum Teil von großen Linden bestandene Fläche um die Kirche herum nach Plänen des Kasseler Architekturbüros Schultze + Schulze umgestaltet. Das dunkle Basaltpflaster, das den Platz seitdem prägt, stößt wegen der Rutschgefahr nicht überall auf Zustimmung.

Orgel

2017 bekommt St. Martin eine neue Orgel. Die bis Sommer 2014 dort stehende Bosch-Bornefeld-Orgel ging an den katholischen Nachbarn St. Elisabeth.

siehe auch

Blick zur Orgelempore
Blick auf Kassel mit Universität und Martinskirche
(Foto: Günther Pöpperl)

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. HNA-online vom 27.2.14: Martinskirche wird renoviert - 2,5 Mio. Euro für Sanierung
  2. Bild auf http://www.welt-der-form.net

Weblinks