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Das documenta-Lexikon
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Mario Merz (1925-2003) war ein italienischer Künstler, der documenta 5, documenta 6, documenta 7 und documenta IX teilgenommen hat.


Leben und Werk

Mario Merz gilt als einer der Hauptvertreter der Arte Povera, die in den 1960er-Jahren in Italien entstand und die mit armen (alltäglichen) Materialien arbeitet. Merz, während des Krieges in einer antifaschistischen Widerstandsgruppe aktiv, begann als Maler. In seinem Spätwerk ist er zu einer kraftvollen expressiven Malerei zurückgekehrt. Dabei verband er die Bilder mit Reisigbündeln und Neon-Zahlenreihen. Repräsentativ dafür war seine Wandarbeit, die er 1992 in der documenta-Halle entwickelt hatte. Berühmt wurde Merz durch seine Spiral- und Iglu-Bauten, die Natur und Kunst, Innen und Außen verbinden. Den Mittelpunkt seiner ersten documenta-Arbeit (1972) bildete ein Iglu am Fuße des alten Treppenhauses im Fridericianum.

Ab 1969 waren die Arbeiten von Mario Merz durch die Zahlenreihen des Mathematikers Leonardo Fibonacci (1180-1240) geprägt, die für potenziertes Wachstum stehen. Dabei ergibt sich jeweils eine Zahl aus der Summe der beiden vorherigen: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34...

Auszeichung

Mario Merz erhielt 1981 als Zweiter den Arnold-Bode-Preis.


siehe auch

  • Artikel aus der vom HNA 30. April 1982

„Ich halte die Ruine eines kleinen Hauses in den Alpen für wichtiger als die Ruine des Parthenon (in Athen) oder irgendeines römischen Palastes.“ Als Mario Merz am Ende unseres Gespräches dieses Bekenntnis ablegte, achtete er sorgsam darauf, daß ich es mir genau notierte, denn diese Einsicht sei grundlegend für sein Denken, Fühlen und Arbeiten.

Provoziert worden war das Bekenntnis durch die simple Frage, ob er nach wie vor in Turin wohne. Der 1925 in Mailand geborene Künstler antwortete mit einer flammenden Liebeserklärung an die romantische norditalienische Landschaft und einer vernichtenden Absage an die anderen, von der klassischen Kunst und Architektur geprägten Teile Italiens. Merz muß unter und an der klassischen Tradition stark gelitten haben.

Ebenfalls aus dem Blick auf die Überlieferung entstand ein weiteres Grundbekenntnis des Künstlers: Man darf nicht aufhören, über die Sprache der Kunst nachzudenken; nur indem man sich die Freiheit des Gestaltens bewahre, könne man wahrhaftig arbeiten. Und Mario Merz ist glücklich darüber, daß die Trennungen des vorigen Jahrhunderts überwunden und die starken Wechselbeziehungen zwischen Malerei, Skulptur und Architektur wieder erkennbar sind. Er sieht denn auch alle Bereiche der Kunst als ständig verfügbar an.

Als er vor geraumer Zeit mit einigen vital gemalten Bildern an die Öffentlichkeit trat, löste dies Überraschung aus. Für Merz hingegen, der ja auch früher gemalt hat, waren die Gemälde kein Ereignis, sondern notwendige Übungen für sich selbst. Auch bei der documenta 7 wird Merz mindestens eines seiner Bilder vorstellen. Bekannt geworden ist er durch völlig andere Arbeiten, durch Skulpturen und Installationen, die aus der direkten Reaktion auf Zeiterscheinungen entstehen. Ähnlich wie Beuys in Deutschland entwickelte Merz eine Ausdrucks- und Gestaltungsweise, mit deren Hilfe er geistige und politische Energien, Spannungen im Raum, Ängste und Hoffnungen fassen und bildhaft ausformulieren kann. Dabei nutzt er die Materialien - wie Wachs, Erde, Stein, Metall und Neon — als elementare Botschafter. Die Stoffe sind nicht nur Bausteine für etwas, sondern stehen für eigene Mitteilung (Wärme, Kälte, Wachstum, Energie).

Seine Ideen setzt Merz spontan und direkt um. Spätestens aber seit er auf die Zahlenreihe des Naturphilosophen Leonardo Fibonacci (um 1200) gestoßen ist, hat Merz in seine emotionalen Bildlösungen ein rationales System eingebunden. In Fibonaccis Zahlenreihe 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21… ergibt sich jeweils eine Zahl aus der Summe der beiden vorangegangenen. Der Künstler sieht in dieser Reihe ein Baugesetz, das er für zahlreiche seiner Arbeiten anwandte. So baute Merz nach diesem.Gesetz eine wachsende, das Volumen eines Hauses sprengende Spirale, konstruierte er Iglus und nahm mit Neonzahlen aus dieser Reihe Wände in Beschlag.

Die Arbeiten sind stets gleichnishafte Antworten auf Situationen, voller Spannung, Kraft und Poesie. Politisches verbindet sich mit Romantischem. Die eigenschöpferische Reaktion des Betrachters ist herausgefordert. Auch zur documenta 7 wird Merz einen Iglu bauen; möglicherweise wird aber aus dem Plan für eine große Außenskulptur nichts. Außerdem will der Italiener aus Metall, Stein und Glas einen Tisch bauen, der zugleich zu einer Auseinandersetzung mit der Skulptur als auch mit der Tradition werden soll.

„Mario Merz verkörpert den Künstler als Träumer und Systemanalytiker ohne Widerspruch in einer Person,“ heißt es unter anderem in der Begründung, mit der ihm der ArnoldBode-Preis 1981 zuerkannt wurde. Heute wird ihm dieser Preis im Kasseler Rathaus überreicht.


  • Im Zeichen des Wachstums

Es war ein großartiges Entree: 1972, als in der Rotunde des Museums Fridericianum noch das zentrale Treppenhaus bestand, das in einem eleganten Bogen nach oben führte, hatte der Italiener Mario Merz (1925-2003) seinen Beitrag am Fuß des Treppenhauses platzieren können – ein weißer Iglu am Treppenfuß und ein Motorrad, das die Steilwand des Treppenhauses hoch zu fahren schien. Dazu eine Reihe von Zahlen, die aus Neonröhren bestanden. Ein wunderschönes, zum Träumen einladendes Bild. Der Iglu bot symbolisch Geborgenheit und Zuflucht. Er war wie viele spiralförmig konstruierte Bauten von Mario Merz in seiner Ausdehnung an der Zahlenreihe des Mathematikers Leonardo Fibonacci (1180-1240) ausgerichtet. Die Reihe ist nach einem einfachen Prinzip aufgebaut: Eine Zahl ergibt sich stets aus der Summe der beiden vorherigen. So entsteht eine Abfolge, die mit einem langsamen Wachstum beginnt, um dann förmlich zu explodieren: 1-1-2-3-5-8-13-21-34-55-89… Das die Steilwand hinauffahrende Motorrad symbolisierte in einer anderen Form das potentielle Wachstum, die rasche Ausbreitung, die Geschwindigkeit. Dabei war das Motorrad nicht nur ein Stück Technik, mit seinem Lenker, der in Tierhörnern endete, wurde zugleich die Hinwendung zur Natur angedeutet.

Das Zahlensystem von Fibonacci war für Merz zum Leitsystems seines Denkens und Arbeitens geworden. In ihm sah er die Gesetze des Wachstums beschrieben und in ihm fand er die Grundlagen für seine Konstruktionen. Die Zahlen tauchen in seinen Zeichnungen ebenso auf, wie sie als Neonreihen seine plastischen Arbeiten begleiten.

Nachdem Merz 1977 in der Abteilung für Handzeichnungen der documenta vertreten gewesen war, hatte er 1982 erneut einen großen Auftritt. Im Fridericianum stellte er seinen raumgreifenden Spiraltisch (Isola) aus, dessen Bauweise sich ebenfalls an der Zahlenreihe orientierte. Der Tisch aus Glas und Stahl, an den große Sandsteinplatten gelehnt sind und aus dessen Öffnungen Reisigbündel herausragen, ist alles andere als ein Design-Objekt. Er ist eine große Skulptur, in der sich Technik und Kultur mit der Natur verbinden. Die Arbeit erscheint so, als würde die Natur mit ihren Sendboten (Sandsteinplatten und Reisigbündel) die Zeugnisse der gebauten Kultur überwuchern und zurückerobern. Das Werk ist heute eines der zentralen Objekte der Neuen Galerie in Kassel.

Mario Merz ist einer der Hauptvertreter der Arte Povera, die sich in den 60er-Jahren in Italien herausbildete – parallel zu den Projekten von Joseph Beuys. Arte Povera, wörtlich übersetzt: arme Kunst, meint Kunstwerke, die aus armen, das heißt einfachen und alltäglichen Materialien geschaffen wurde. Dass sich ausgerechnet in Italien diese Kunst entwickelte, hat mit der Übermacht der Klassik und ihren Zeugnissen in Marmor zu tun. Künstler wie Merz haben unter der Last dieser Überlieferung gelitten und Auswege zu einer neuen Einfachheit und Klarheit gesucht. An die Stelle der Säulen und Tempel setzte er den Iglu; die klassische Reinheit verscheuchte er mit Hilfe von direkt aus der Natur entnommenen Materialien.

Die Reisigbündel in dem Spiraltisch sind zwar abgestorbene Natur. Trotzdem triumphieren sie mit ihren wuchernden Formen über das aus Stahl und Glas gebaute Objekt. Zugleich stellen diese Bündel eine Verbindung zu den Zeichnungen her, die Merz stets parallel zu seinen Objekten geschaffen hat.

1992 war Merz ein weiteres Mal Gast der documenta. Da lud ihn Jan Hoet ein, die eine große Wand der gerade erbauten documenta-Halle zu gestalten. Obwohl auch dort Merz mit seinen Reisigbündeln und Neonzahlen operierte, konnte er der Wand keine plastische Form abgewinnen. Dafür erlebte man in Kassel aber zum ersten Mal seine künstlerische Vielfalt. Denn über der am Fuß der Wand aufgestellten Reisig-Reihe, hingen farbkräftige Bilder, die daran erinnerten, dass Mario Merz auch Maler war. Die Bilder wirkten in diesem Fall überzeugender als der Ansatz zu einer plastischen Arbeit.

Aus: Meilensteine - documenta 1-12


Weblinks und Quellen