Malwut im Café Deutschland

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Die politische Kunst, abseits der Satire- und Plakatkunst, hat im Nachkriegsdeutschland keine gute Tradition. Das hat viel damit zu tun, daß man den politischen Mißbrauch und die Einvernahme von Kunst einerseits im „Dritten Reich“ und andererseits in der DDR ständig vor Augen hat. Kein Wunder also, daß Kunstler wie der in Düsseldorf lebende Jörg Immendorff lange Jahre. im deutschen Kunstbetrieb Ausnahmeerscheinungen waren, an die sich nur wenige heranwagten.

Zwar war Immendorff mit einer Serie von Bildern 1972 in der Kasseler documenta 5 vertreten, doch blieben ihm größere Ausstellungen hierzulande versagt; erst nach verschiedenen Erfolgen in den Niederlanden und der Schweiz widmet ihm nun die Dusseldorfer Kunsthalle eine umfassende, ja, umwerfende Schau.

Umwerfend ist die Ausstellung, weil sich Immendorff hier als ein von Malwut besessener Künstler vorstellt, als ein Mann, der fortwährend Bildideen gebiert, sie umsetzt und zugleich mit ihnen spielt. Es entstehen auf diese Weise nicht nur in kurzen Abständen ganze Serien großformatiger Gemälde, sondern in vielen Bildern sind die Malerei und die von ihr produzierte Bilderflut, der Maler und seine Situation selbst das Thema. Indem Immendorff malt, denkt er auch immer zugleich über Malerei nach. Und so ist es kennzeichnend (auch für Immendorffs oftmals unterbewertete Ironie), daß in einer parallel gestarteten Ausstellung in der Dusseldorfer Galerie Hans Strelow unter anderem ein Bild hängt, in der visionär die Kunsthallen-Eröffnung dargestellt wird.

Die Kunsthallen-Präsentation stellt sich ganz in den Dienst der Immendorffschen Malwut: In dem zweigeschossigen Zentralraum hängen die bis zu zwölf Quadratmeter großen Gemälde zum Teil doppeireihig; die obere Reihe setzt sich dabei in den offen angrenzenden Galeriesaal als monumentaler Fries (aus 18 Gemälden) fort. Selten war hier das Raumerlebnis so stark, selten aber auch eine Werkgruppe so dicht vorgeführt.

„Café Deutschland - Adlerhälfte“ heißt die Ausstellung. Immendorlf, 1945 am Westufer der Elbe geboren, wuchs im Angesicht der deutsch-deutschen Grenzziehung heran. Die Teilung als Kennzeichen eines nationalen Schicksals, aber auch einer allgemeinen menschlichen Situation wurde ihm in den letzten Jahren zum Generalthema. Einen malerischen Zugang eröffnete ihm die Begegnung mit Guttusos Bild „Caffé Greco“: Er schuf seit 1977 eine 19 Bilder umfassende Serie unter dem Titel „Café Deutschland“: Café-Szenen voller Aktion und Vision; monumentale Räume, in denen Bekannte wie Brecht auftauchen, aber auch viele Unbekannte; Schläfer sitzen da, Flugblätter werden verteilt, Bilder werden heraus- und hereingetragen; eine Nation im chaotischen Wartestand; und mittendrin immer wieder Stacheldraht, Mauer und Brandenburger Tor sowie zwei Malerfreunde (Immendorff und der aus der DDR kommende A.R. Penck), die die Trennung überwinden. Die Bilder sind Versuche, mit sich selbst und der gesellschaftlichen Situation ins Reine zu kommen. Immendorff bedient sich dabei einer sehr eindringlichen Bildsprache, in der die einmal gefundenen Sinnbilder stets wieder auftauchen - der zum Strich gewordene schwarz-rot- goldene Fuchs, die Eisscholle und das zum unbewohnbaren Stern verkümmerte Land. Die realistischen Mittel schöpfen aus den Quellen des Agitprop, sind aber ins Rüde und Spielerische verkehrt: Ein zupackender Vulgär-Realismus voller Dynamik, der bei aller scheinbaren Vordergründigkeit von erstaunlicher Tiefe ist.

In der documenta 7 wird man eine Serie von Immendorff-Bildern sehen, aber auch Skulpturen, darunter eine große Bronze, die dem Brandenburger Tor gewidmet ist. Vorstudien zu den Säulen dieser Bronze stehen auch in der Dusseldorfer Ausstellung - bemalte Lindenholz-Skulpturen voll hintergrundiger Symbolik.