Mündener Alumnat

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Das Mündener Alumnat beziechnet im amtlichen Sprachgebrauch „das dem Gymnasium angegliederte Erziehungshaus des Klosters Loccum“.

Zöglinge mit gestrengem Meister

Im Mündener Alumnat, einer Art Internat, wurden Anfang des 20. Jahrhunderts Pastorensöhne unterrichtet

Ulrich Kratz hat die Geschichte des einstigen Mündener Alumnats erforscht. Nach einer ersten Veröffentlichung in der Jubiläumsfestschrift des Grotefend-Gymnasiums 2001 legte er jetzt eine vertiefte Fassung vor. Das Alumnat (von lateinisch alumnus: Zögling, Pflegling) bezeichnet die mit Gymnasien verbundenen Schulheime und höheren Schul- und Erziehungsanstalten, die aus den mittelalterlichen Klosterschulen hervorgegangen sind. Bekannter ist der Begriff Internat. Wir drucken Kratz’ Arbeit über eine wichtige Epoche Mündener Schulgeschichte in einer dreiteiligen Serie ab.


Das Alumnat vor dem 2. Weltkrieg: Talseitig vor dem Haus lag ein hübscher Garten. Den meisten Mündenern war der Begriff Alumnat allerdings fremd. Der Volksmund verballhornte ihn in „Almenat.“ Foto: Sammlung Beinhorn

Von Ulrich Kratz

Im Jahre 1881 entschloss sich das Kloster Loccum, eine Institution zu schaffen, in der hauptsächlich Pastorensöhne wohnen und von dort aus eine höhere Schule besuchen können. Dieses sogenannte Alumnat entstand noch im selben Jahr in Hameln, und zwar in der Deisterstraße im Gebäude eines ehemaligen Restaurants. Als 1901 in Münden nach langjähriger Pause wieder das Abitur abgelegt werden konnte, wurde das Alumnat nach Hann. Münden verlegt. Die Stadt hatte sich darum beworben und südlich vom Bahndamm, am Hang gelegen, ein wunderschönes Gebäude dafür errichtet.

Einer der Gründe, warum Hameln verlassen wurde, lag darin, dass das dortige Haus baufällig geworden war. Es soll jedoch auch andere Alumnate gegeben haben, wie eine Festschrift aus dem Jahre 1906 verrät, ohne sie freilich zu nennen. Ein Vertrag mit der Stadt wurde bereits 1900 geschlossen, in dem es unter anderem hieß: „Die Alumnen sind in Bezug auf den Schulbesuch vertragsmäßig den Bürgersöhnen gleichzustellen und vor allen Auswärtigen in das Gymnasium aufzunehmen.“ So wohnten fortan in dem großzügigen Gebäude immer 20 bis 30 Gymnasiasten aller Jahrgänge (im Amtsdeutsch „Zöglinge“ genannt), zumeist Pastorensöhne aus ganz Norddeutschland, die von einer „Hausdame“ betreut wurden und einem „Inspektor“ unterstanden.

Während die sehr lange im Dienst gewesenen Hausdamen einen ruhenden Pol darstellten und bei den Alumnen wegen ihrer oft rührenden Fürsorge sehr beliebt waren (bis 1927 Fräulein Frida Müller, danach bis 1939 Fräulein Elly Brandt), trat der Inspektor zumeist maßregelnd in Erscheinung. Allerdings war dieser Posten auch nicht sonderlich beliebt und einer erheblichen Fluktuation unterworfen: Als Inspektor wurde in aller Regel vom Kloster Loccum berufen, wer sich in der Ausbildung oder Warteschleife zum Pastor befand und mit dem man gerade „nichts Besseres anfangen konnte“.

Neben dem 24-Stunden-Dienst am Alumnat hatte man kostenlos (!) etliche Stunden Unterricht (etwa 12, plus/minus 1 bis 2 Stunden) am Mündener Gymnasium zu erteilen, und zwar zumeist Religion und Latein, aber häufig auch Deutsch und Geschichte in den unteren bis mittleren Klassen.

Nahezu die Regel war es, dass der Inspektor kürzer als ein Schuljahr im Amt blieb, ehe er von Loccum aus abberufen und ihm eine andere Stelle im kirchlichen Dienst zugewiesen wurde. Die tätig gewesenen Inspektoren aufzuzählen, würde fast zu einem eigenen Buch gereichen.

Widerstandskämpfer lernte hier

Auch Adam von Trott zu Solz war Schüler des Mündener Alumnats – Auflösung der Lehranstalt wohl 1954


Eingezwängt in die Altstadtbebauung der Ziegelstraße: Das steinerne Haus, das nach dem 2. Weltkrieg noch einige Jahre als Ausweichunterkunft für die Alumnen diente. Nach deren Auszug und Aufgabe des Alumnats wurde das Haus mehrere Jahre lang als Altenheim genutzt. Heute ist es ein Hotel. Foto: Schmidt

Zuständig für die Aufnahme ins Alumnat (amtlicher Sprachgebrauch: „das dem Gymnasium angegliederte Erziehungshaus des Klosters Loccum“) war der Herr Generalsuperintendent in Hannover. Der Einfluss des Gymnasiums bestand darin, dass dessen Direktor der „Ephorus“ dieses Erziehungshauses war.(Laut Brockhaus heißt Ephorus „Aufseher“, da klingt das griechische Fremdwort doch weit akademischer.) Natürlich konnten auch „Nicht-Pastorensöhne“ – wenngleich nur mit Billigung des Herrn Generalsuperintendenten – aufgenommen werden. Bekanntester Fall ist Adam von Trott zu Solz, einer der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944.

Im bereits erwähnten Vertrag zwischen dem Kloster Loccum und der Stadt Münden war auch ein Passus enthalten, dass „... die Stadt sogar unter gewissen Umständen zur Fortführung das Erziehungshaus auf eigene Kosten zu übernehmen berechtigt ist.“

Noch vor Kriegsausbruch, nämlich im April 1939, traten diese gewissen Umstände ein, und sie hielten an bis 1950. Dann nämlich konnte man die Landeskirche wieder zur Fortführung des Erziehungshauses bewegen, für welches man bereits im Vorjahr in der Innenstadt eine neue Heimstatt gefunden hatte: das Haus neben der „Windmühle“. Die Stadt hatte nämlich nach dem Kriege händeringend eine Unterkunft für die Berufsschule gesucht und schließlich das Alumnatsgebäude dafür ausgewählt.

Leider weisen das Archiv des Klosters Loccum und auch das Mündener Stadtarchiv keinerlei Fakten mehr aus der Zeit nach 1939 aus, so dass man auf Erinnerungen von Zeitzeugen angewiesen ist.

Die Trägerschaft der Landeskirche dauerte allerdings nur noch kurze Zeit, danach übernahm wieder die Stadt das Zepter.

Letzter „Inspektor“, der freilich nicht mehr so genannt wurde, war dann der spätere stellvertretende Leiter des Gymnasiums, Helmut Renner, dessen Gehaltszahlung sich das Kultusministerium und die Stadt Münden teilten, solange das Alumnat noch bestand.

Der Zeitpunkt der Auflösung war „amtlicherseits“ nicht mehr zu ermitteln, Helmut Renner nannte ihn jedoch anlässlich seiner Pensionierung: 1954 soll es gewesen sein. Die Stadt brauchte das Gebäude anderweitig und beschaffte Privatquartiere für die noch verbliebenen Alumnen, soweit diese nicht nach Hause zurückkehren wollten.



Heute sind’s Samariter statt Alumnen

Nach der Auflösung der Lehranstalt zog erst die Berufs- und dann die Grundschule in das Gebäude am Kattenbühl ein

Das Alumnatsgebäude 1964, von der Bergseite aus gesehen. Die Grundschule hatte soeben Einzug gehalten und die Berufsschule abgelöst. Foto: Stadtarchiv Hann. Münden

Nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg, Anfang der 50er-Jahre, hatte sich die Idee des Alumnats überlebt. Eingerichtet worden war es seinerzeit, um den oft in zweifelhaftem Ruf stehenden Privatquartieren auswärtiger Schüler eine Bleibe mit Niveau und Kultur entgegenzusetzen. Loccum war nach Gütersloh und Höxter der dritte Betreiber eines solchen Hauses, und danach wurden fast überall in Deutschland solche Einrichtungen gegründet, von denen nicht ohne Stolz in der Schrift von 1906 berichtet wird, dass „... deren Hausordnung zum Teil wörtlich mit der unsrigen übereinstimmt“.

Das repräsentative Gebäude oberhalb des Bahndamms wies nach dem Auszug der Alumnen 1954 eine recht wechselhafte Geschichte auf. Zunächst richtete die Stadt nach dem Bau der Pumpstation für die städtische Wasserversorgung erneut eine parkartige Anlage (sogar mit Wasserspielen) zwischen Alumnatsgebäude und Bahn ein, die leider nur bis Ende der 50er-Jahre auch die nötige Pflege erhielt und inzwischen in eine eher unscheinbare (pflegeleichtere) Grünanlage umgewandelt wurde.

Im Gebäude selbst hielt sich die Berufsschule etwa 15 Jahre lang auf, ehe sie infolge zunehmender Raumnot in einen Neubau im Gimter Feld abwanderte. Danach bezog die Grundschule Kattenbühl hier Quartier, da der Mündener Schulentwicklungsplan die Dezentralisierung der Grundschulen und anstelle der „Mammut-Grundschule“ am Plan kleinere Einheiten in den Stadtteilen vorsah.


Notunterkunft für Flüchtlinge

Hermannshagen (1954) und Neumünden (1958) hatten bereits ihre Schule bekommen, nur der Bereich Kattenbühl hinkte noch etwas hinterher, weil man erst mit Verzögerung mit dem Bau am Königshof beginnen konnte. Nach der Fertigstellung des neuen Grundschulgebäudes am Königshof, dem Umzug und der Umbenennung in Grundschule Königshof stand das Alumnat einige Zeit leer, diente vorübergehend sogar als Notunterkunft für Bürgerkriegsflüchtlinge, ehe es vor geraumer Zeit Rettungswache und Einsatzzentrale für den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) wurde, was es auch heute noch ist.

Das ehemalige Alumnatsgebäude heute: Es ist die Mündener Zentrale des ASB. Bis heute ist es ein stattliches und ansehnliches Haus geblieben. Foto: Huck

Der ehemalige Schulhof, bergseitig hinter dem Haus, ist als solcher nicht mehr zu erkennen, nachdem dort Gebäude für die Fahrzeug-Hinterstellung errichtet worden sind.

















Quellen: – Stadtarchiv Hann. Münden – Festschrift „50 Jahre Gymnasium Hann. Münden“ (1951, Eigenverlag). – Broschüre „25 Jahre Alumnatszeit 1881 - 1906, eine Übersicht über die Geschichte der Erziehungsanstalt des Klosters Loccum“ von cand. min. Stalmann, Inspektor der Loccumer Erziehungsanstalt (Hann. Münden 1906, Eigenverlag).


Zur Person: Ulrich Kratz

Foto: Schmidt

Ulrich Kratz (59) unterrichtet Mathe und Physik am Hann. Mündener Grotefend-Gymnasium –dort, wo der gebürtige Mündener selbst einst Schüler war. Die Geschichte seiner Schule hat ihn immer ganz besonders interessiert. So betreut er das Traditionsarchiv des Gymnasiums. Das Jubiläum „100 Jahre Abitur in Hann. Münden“ regte ihn an, sich genauer mit dem Alumnat zu befassen – ein Thema das bis dahin noch nie in kompakter Form aufgearbeitet und dargestellt worden ist. (asc)