Münden hat an Charme verloren

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Forresters Vaterhaus:Aus den Giebelfenstern des früheren Hauses Lange Straße 25 beobachtete John Forrester in seiner Kindheit das Treiben auf der Langen Straße. Heute hat sich das Stadtbild in vielerlei Hinsicht geändert. FOTOS: GRUGEL
John Forrester

John Forrester verließ 1938 Deutschland und besuchte seither viermal seine Geburtsstadt

Münden hat sehr viel an Charme verloren. Das sagt einer, der die Dreiflüssestadt in den vergangenen 60 Jahren viermal besuchte: der gebürtige Mündener John Forrester.

Seine Außenansicht bezieht der 76-Jährige in erster Linie auf die Geschäftswelt. Die Innenstadt ist in seinen Augen kommerzieller geworden das Ergebnis globaler Entwicklungen, die rund um das Vaterhaus des Amerikaners nicht Halt machten: Als Hansgert Freudenthal wuchs Forrester Anfang der 30er-Jahre im damaligen Haus Lange Straße 25 auf. Die verschiedenen Namen sind erklärungsbedürftig. Forrester war das einzige Kind der jüdischen Arztfamilie Dr. Siegmund und Edith Freudenthal. Im Dritten Reich inhaftierten die Nazis den Mündener Mediziner. Die Mutter zog mit ihrem Sohn zunächst nach Berlin und wanderte 1938 nach Amerika aus. Der Vater kam ein Jahr später nach und arbeitete fortan erneut als Mediziner in den Vereinigten Staaten. Sein Sohn Hansgert ging zunächst in die Armee und erhielt die amerikanische Staatsbürgerschaft. Der Einwanderungsrichter schlug einen Namenswechsel vor: aus Hansgert wurde John, aus Freudenthal Forrester der leichteren Aussprache wegen. Den Namen hatte sich der 76-Jährige aus dem Telefonbuch gepickt. Viermal hat Forrester Münden seither besucht. Als amerikanischer Soldat reiste er 1946 mit einem Jeep an und besuchte eine Freundin seiner Mutter. Einige Jahre später reiste er mit seiner Ehefrau Anne aus Iowa in die Dreiflüssestadt. Vor fünf Jahren zeigte er als Gast des Vereins Erinnerung und Mahnung seinen vier Söhnen seinen Heimatort. Und diese Woche schaute der 76-Jährige mit seiner Frau auf der Durchreise von Russland nach Amerika vorbei. Einige Erinnerungen an Münden werden Forrester nie verlassen. Die vielen politisch motivierten Schlägereien in der Langen Straße etwa, die Anfang der 30er-Jahre immer wieder Patienten mit gebrochenen Armen, Nasenbeinen oder blutigen Platzwunden in die Praxis seines Vaters trieben. Wie damals weiß er die brutalen Liedtexte auswendig, die von braunen Horden beim Marsch durch die Lange Straße immer und immer wieder angestimmt wurden. Wer die Innenstadt so kennen gelernt hat, darf es sich leisten, beim Anblick der umgestalteten Innenstadtplätze und der Brunnen und des Wasserteppichs zu fragen: Warum? Für einen wie Forrester, der als erfolgreicher Geschäftsmann in Amerika seinen Weg machte, sind die Veränderungen in der Dreiflüssestadt zwar auf allen Ebenen verständlich. Gleichwohl will das für ihn alles nicht zur Geschichte an den drei Flüssen passen. Nicht ein Maximum, sondern ein Minimum hätte er als Bürgermeister verändert, da ist sich Forrester sicher. Er selbst studierte nach seiner Armeezeit in Amerika Chemie und arbeitete nach der Promotion zunächst bei Esso, baute dann eine eigene Fabrik für Kühl- und Kontrollgeräte für die Ölindustrie auf. Heute lebt der Ruheständler mit seiner Frau in Florida.