Lutheraner

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Die Lutheraner in Kassel

Buchkritik

zu: Hans-Dieter Stolze: Die Lutheraner in Kassel - Ein Stück Stadt- und Kirchengeschichte, Evangelischer Medienverband Kassel. 174 Seiten. 28 DM.

"Hätte es damals schon eine Boulevardpresse gegeben, wären der Affäre Philipps, des hessischen Landgrafen im 16. Jahrhundert, viele Schlagzeilen und Berichte sicher gewesen." So beginnt die Dokumentation "Die Lutheraner in Kassel" von Hans-Dieter Stolze. In diesem angenehm zu lesenden, lebendig formulierten Plauderton macht sich Luther-Fan Stolze, Pfarrer an der Lutherkirche, an die ehrenvolle Aufgabe, ein Stück an sich ja trockene Stadt- und Kirchengeschichte zu schreiben. Und die wird, hat man sich erst einmal in das Thema eingelesen, immer spannender. Dabei werden wohl bei einer großen Zahl an Lesern Lücken im Wissen um Kassels Geschichte nur all zu deutlich.

In der Tat ist ausgerechnet das Bewußtsein um die Tradition der Lutheraner in Kassel nach Kriegsende in den Hintergrund getreten. Wer ist sich heute noch bewusst, daß Kassel einst eine Hochburg der Lutheraner war?

Politische Musik

"In Wittenberg spielte die theologische Musik der Lutheraner und in Kassel die politische", sagt Stolze, der in den vergangenen Jahren viel Zeit damit zugebracht hat, in alten Archiven und Bibliotheken über die Lutheraner zu forschen. Stolze: "Martin Luther war der geistliche Vordenker und Philipp der Großmütige der politische." Mit dem hessischen Landgrafen Philipp, der nicht nur Luther, sondern auch den Reformator Melanchthon kennengelernt hatte und von dem Luther einmal gesagt hat, er "glühe geradezu für das Evangelium", wurde auch die Kasseler Bevölkerung lutherisch, also damals zu Anhängern der Reformation.

Philipp, in den Fäden seines verworrenen Privatlebens verstrickt - er heiratete eine jüngere Zweitfrau, was ihn als moralische Instanz diskreditierte - verlor zunehmend an politischer Bedeutung. Was wäre aus der für die Reformation so wichtigen Stadt "Cassel" geworden, hätte Philipp am Ende nicht versagt? - so fragt Stolze in seinem Buch: "So jedoch erfuhren die Kurven der Reformation und der Stadtgeschichte Cassels einen Knick und führten nach unten, eine Erfolgsgeschichte fand keine Fortsetzung."

Moritz von Hessen, von 1592 bis 1627 Landgraf, war dem Calvinismus, der strengeren protestantischen "Ausrichtung" des Luthertums zugetan und mit ihm - da griff bereits der Augsburger Religionsfriede, wonach der Herrscher die Konfession seiner Untertanen bestimmt - die Kasseler Bevölkerung.

Im 18. Jahrhundert schwenkte das Pendel wieder in Richtung lutherisch um. Friedrich, der älteste Sohn und Nachfolger Landgraf Karls, wurde - aus Staatsräson - anstelle seiner Frau Ulrike Eleonore, der Schwester des verstorbenen Königs von Schweden, zum König von Schweden gekrönt. Die Schweden waren lutherisch, und also wurden in Kassel mit Friedrich an der Spitze zwangsläufig ebenfalls wieder lutherische Gottesdienste abgehalten.

Zwischen lutherisch und reformiert besteht heute kein Unterschied mehr. Die Hälfte der Kasseler Bevölkerung ist einfach "evangelisch". Vom Lutherischen ist außer Geschichte und Ruinen nicht viel geblieben. - Anlaß für Hans-Dieter Stolze, die Geschichte der Lutheraner in eine überschaubare, griffige Buchform zu bringen, war das Jubiläum "Hundert Jahre Lutherkirche" im vergangenen Jahr. Dafür dürfen ihm alle an Geschichte interessierten Leser dankbar sein.