Luisenschule

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Die Luisenschule ist eine Realschule für die Klassen 5 bis 10 in Kassel mit Sitz in der Luisenstraße, benannt nach Louise von Bose.


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Geschichte der Luisenschule

Gründung

Die Gründung der Luisenschule im Jahr 1855 steht in engem Kontext mit den historischen Bedingungen und den kulturellen und sozialen Strukturen des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit gab es öffentliche Bildungsmöglichkeiten überwiegend für Jungen, wissenschaftliche Bildung für Mädchen galt immer noch als überflüssig. Wer für seine Tochter Bildung wünschte, die über elementarste Kenntnisse des Lesens, Schreibens, Rechnens und der Religion hinausgingen, war auf Privatschulen angewiesen und musste über die finanziellen Mittel verfügen.

Der demokratische Oberbürgermeister Carl Schomburg war seiner Zeit voraus und unternahm jahrelang große Anstrengungen gegen die Kurfürstliche Staatsregierung, um für Mädchen, besonders für die aus finanziell schlecht gestellten Elternhäusern, die gleichen Bildungschancen zu schaffen wie für Jungen. Sein Mitstreiter Dr. Karl Fr. Wilhelm Clemen, ein Mitglied der Kurfürstlichen Stadtschulkommission, übernahm die Aufgabe, geeignete Räume für die geplante Mädchenschule zu finden. Die Stadt mietete ein Haus in der Poststraße Nr. 970, der heutigen Mauerstraße. Dort entstand später die Bürgerschule 9.

1855 - Die Mädchenschule

Clemen übernahm die Schulleitung und weihte am 8. Oktober 1855 die Mädchenschule, bestehend aus 200 Schülerinnen, ein. In seiner Festrede hob er die „hohe Bedeutung der weiblichen Erziehung für die sozialen und bürgerlichen Verhältnisse“ hervor. Er betonte die Ziele der Schule, „kommenden Geschlechtern diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten beizubringen, welche jeweilig vom gesunden Bildungsstand der Zeit gefordert werden und zum Gedeihen des bürgerlichen Lebens nötig sind “.

Wie sehr diese Schule, die sich die gehobenere Bildung für Mädchen zum Ziel gesetzt hatte, dem Bedürfnis der damaligen Zeit entsprach, verdeutlicht die wachsende Zahl der Schülerinnen: Startete die Schule mit 200 Schülerinnen in 4 Klassen, so stieg schon 14 Tage später die Zahl auf 242 Schülerinnen, so dass eine 5. Klasse eingerichtet werden musste. In kürzester Zeit wurden noch die 6., 7. und 8. Klasse geschaffen. Da am 6-Klassensystem festgehalten werden sollte, entstanden zwei Parallelklassen. Der Andrang an diese Schule war so groß, dass die zur österlichen Aufnahme gemeldeten Mädchen oft mehrere Monate warten mussten. Anmeldungen erfolgten oft ein ganzes Jahr im Voraus. Lehrkräfte und Unterrichtsräume wurden knapp, die Unzufriedenheit der Elternschaft wuchs. Darum ordnete der Stadtrat an, an erster Stelle die Töchter von Eltern aufzunehmen, die dem Gewerbestand angehörten und in Kassel wohnhaft waren. An zweiter Stelle erfolgte die Aufnahme von Mädchen der übrigen ortsansässigen Eltern und an dritter Stelle Mädchen, die außerhalb Kassels wohnten.

Töchterschule

Am 16. April 1856 erhielt die Mädchenschule laut Regierungserlass den Namen Töchterschule. Die Umbenennung erfolgte auf Antrag des Schulleiters Clemen, der damit den Wunsch verband, die bestehenden „Gegensätze in Haltung, Ansehen und Bildung zwischen Bürger- Beamten- und Adelstöchtern zu überwinden“. Aufgrund der immer weiter steigenden Schülerinnenzahl musste die Stadt ein Wohnhaus in der Unteren Karlstraße (später: Gerhart-Hauptmann-Schule) und Privaträume in der Wolfsschlucht, am Königsplatz, in der Oberen Königsstraße, am Graben und in der Kölnischen Straße anmieten.

Seit dem 13. Jahrhundert war die Stadt Kassel die Residenzstadt der hessischen Landgrafen und späteren Kurfürsten. Machte die Stadt im Jahr 1866 noch einen ländlichen Eindruck, verschwand dieser nach der Annexion Hessens durch Preußen und mit der beginnenden Industrialisierung. Keine Kuhherden mehr, die durch die Straßen getrieben wurden, stattdessen Bau neuer Straßen und Entstehung weiterer Stadtteile. Nachtwächter mussten sich einen anderen Posten suchen. Die Bevölkerung nahm zu und damit verbunden die Zahl der Schülerinnen an der Töchterschule. Als die Zahl im Jahr 1872 auf 1053 gestiegen war, wurde die Schule geteilt in Bürgertöchterschule I und. Bürgertöchterschule II, ab 1884 erhielten sie die Namen Mädchenbürgerschule I und II. Letztere wurde im Jahr 1888 mit bestehenden Freischulen zur Volksschule vereinigt. Die Mädchenbürgerschule I blieb als solche bestehen und bezog 1873/74 zu Klassenräumen umgestaltete Zimmer in zwei nebeneinander liegenden Häusern in der Frankfurter Straße (hinter dem Rathaus, in unmittelbarer Nähe der Karlskirche). Leiter dieser Schule wurde der Pfarrer und Rektor Opper.

Mädchenbürgerschule als Mittelschule

Opper verfolgte das Ziel, die Mädchenbürgerschule als Mittelschule zu führen und sie nach den Bedürfnissen des Mittelstandes auszurichten. Sie sollte sich abgrenzen gegenüber der Höheren Bildung und der Volksschulbildung. Unter Schulleiter Wilhelm Amelungk, dem Nachfolger Oppers, wurde laut Erlass der Königlich-Preußischen Regierung am 14. März 1889 die Mädchenbürgerschule I als Mittelschule mit dem Pflichtfach Franzosisch anerkannt, 1894 erfolgte die Festlegung der Schülerinnenzahl in den Klassen auf 40 in allen Mädchenschulen, wenn deren „Bildungsziel über das der Volksschule hinausging“.

Wie sehr die Mittelschule ihre Daseinsberechtigung verdiente, bewies die immer noch wachsende Zahl der Schülerinnen. Um dem Rechnung zu tragen, wurde die Schule im Winter 1906/1907 geteilt in die Amalienschule und Luisenschule. Die Amalienschule (benannt nach der Landgräfin Amalia Elisabeth) entstand in den neu errichteten Gebäuden in Garten- und Wimmelstraße. Sie erhielt Schülerinnen aus dem Osten und Norden Kassels.

Luisenschule in der Luisenstraße

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Die Luisenschule erhielt ihren Standort in der Luisenstraße. Schülerinnen aus dem Westen der Stadt bezogen ihr neues Gebäude mit Rektor Amelungk im Herbst 1906. Der Name der Schule wurde durch die Straße bestimmt, in der sie sich auch heute noch befindet. Die Straße wiederum wurde benannt nach Louise von Bose, einer Tochter des Kurfürsten Wilhelm II und der Gräfin Reichenbach.

Beide Mädchen-Mittelschulen waren sehr gut ausgestattet, verfügten über einen Zeichensaal, einen Raum für physikalischen und chemischen Unterricht, einen Experimentierraum und eine Aula mit Orgel. In einem Teil des Kellers befand sich ein öffentliches Wannen- und Brausebad. Schulgeld war obligatorisch (Einheimische 60 - 72 Mark, Auswärtige 80 -100 Mark, die Kosten für die freiwillige Teilnahme am Englischunterricht betrugen 20 Mark). Bis Ostern 1907 waren beide Schulen noch achtklassig, d.h. für Schülerinnen vom sechsten bis zum 14. Lebensjahr. Dann wurde über die allgemeine Schulpflicht hinaus ein neuntes Schuljahr eingeführt.

Erster Weltkrieg und Weimarer Republik

Viele Probleme brachten der Erste und Zweite Weltkrieg. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurden viele Männer zum Kriegsdienst einberufen. Schulische Nähmaschinen wurden vaterländischen Frauenverbänden zur Verfügung gestellt, technische Unterrichtsstunden standen im Dienst der Kriegsfürsorge: Strümpfe, Pulswärmer, Leibbinden wurden gestrickt, Sammlungen aller Art durchgeführt. Schulgebäude wurden nicht zerstört, sichtbare Zeichen des Krieges und der Not waren Kohleferien und später die Schulspeisung.

Die Folgeerscheinungen des Ersten Weltkrieges zogen eine weitgehende Umgestaltung des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens nach sich. Sie führten zu den neuen Bestimmungen über die Mittelstufe in Preußen vom 1. Juni 1925. In der Zeit der Weimarer Republik wurde die vierjährige Grundschule für alle Kinder Deutschlands verbindlich eingeführt. Es entstanden die Mittelschulen als weiterführende Schulen, wie sie bis in die heutige Zeit erhalten sind, sechsjährig im Anschluss an die Grundschule.

Neue Lehrpläne bildeten die Grundlage für die Eigenständigkeit der Mittelschule als besonderen Schultyp allgemeinbildender Art. Sie machten diesen Schultyp im Hinblick auf den Zugang zu Frauenberufen wie zum Beispiel Turn-, Handarbeits-, Haushaltungs- und Zeichenlehrerin besonders attraktiv. Auch Stellen im mittleren Post- und Eisenbahndienst konnten nach dem Abschluss der Mittelschule anvisiert werden. Die Luisenschule erhielt viel Zulauf und musste ihre Raumnot durch die Errichtung von Baracken auf dem Schulgelände ausgleichen. Die vier Klassen, die darin untergebracht waren, mussten sich das Gebäude mit Schülern der Jacob-Grimm-Schule im schichtweisen Wechsel teilen.

Zerstörung 1943

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Schon bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mussten die Baracken dem Roten Kreuz als Lazarett zur Verfügung gestellt werden, in der Luisenschule selbst wurden Luftschutzmaßnahmen ergriffen, z. B. durch Nachtwachen von Lehrern und älteren Schülerinnen. Immer häufiger wurde der Unterricht durch Luftalarm unterbrochen. Viele Schülerinnen wurden von ihren Eltern zu Verwandten aufs Land geschickt. Ein Luftangriff im Sommer 1943 zerstörte durch seine Brandbomben im oberen Stockwerk die Lehrmittelsammlung und die Bücherei. Und dann kam die Katastrophennacht vom 22. Oktober 1943 und legte den Stadtkern Kassels in Trümmer.

Auch die Luisenschule erlitt schwere Schäden: Der Dachstuhl wunde vernichtet, die Turnhalle zerstört, Zeichensaal, Physikraum und fast alle Klassenräume des l. und 2. Stocks brannten aus. Eine Luftmine zerstörte die Aula, das Lehrer- und Rektorzimmer. Die Kinderlandverschickung nahm zu, viele Schülerinnen fanden beispielsweise Unterkunft im Kreis Frankenberg und Wildungen. Klassenmäßiger Unterricht erwies sich als immer schwieriger, da in den Ruinen des Schulgebäudes nur noch wenige Räume benutzbar waren. Sie dienten außerdem außerschulischen Zwecken wie der Wohnungsvermittlung und als Lebensmittelkartenstelle.

Wiederaufbau

Die Kasseler Schulen lagen etwa zur Hälfte in Schutt und Asche. Es fehlte an Schulräumen, an Lehrkräften, an Lehr- und Lernmaterial und auch an Schülerinnen. Erst allmählich kamen die Mädchen von der Evakuierung auf dem Land zurück. Im Herbst 1945 erhielt der Mittelschullehrer Max Berger die Aufgabe, alle zurückgekehrten Schülerinnen der Amalien- und Luisenschule jahrgangsmäßig in Listen zu erfassen. Im November versammelte er auf dem Schulhof der Luisenschule 350 Schülerinnen. Diese erhielten Gruppenunterricht in sechs Wohnungen von Eltern. Das erforderliche Heizmaterial musste jede Schülerin selbst mitbringen. Die von den Siegermächten zugelassenen Lehrkräfte unterrichteten im Wechsel in jeder Wohnung.

Provisorisches Zeugnis der Schülerin Christa Krug zur Bewerbung an der Luisenschule im Herbst 1946. Die Lehrerin, Frau Mangelsdorf, hatte in Eigeninitiative Kinder versammelt und in ihrer Privatwohnung unterrichtet.

Ab Februar 1946 fand wieder Klassenunterricht statt, allerdings in vier verschiedenen Gebäuden entfernt liegenden Stadtteilen wie zum Beispiel in Bettenhausen und Kirchditmold und im Wechsel an Vormittagen und Nachmittagen. Mit viel Hilfe und Unterstützung des Mittelschulkonrektors Rang und der Lehrkräfte leitete Max Berger in diesen schweren Nachkriegsjahren die vereinigten Mädchenschulen, besucht von Schülerinnen der ehemaligen Amalien- und Luisenschule. Am 1. September 1948 übernahm Dr. Heinrich Otto die Leitung der vereinigten Mädchenmittelschulen mit 634 Schülerinnen in 19 Klassen in den diversen Stadtteilen.

Anfang Februar 1949 wurden in der Ruine der Luisenschule zwei Klassenräume behelfsmäßig eingerichtet. Durch das Ziehen einer Trennwand im Flur gewann der Schulleiter ein notdürftiges Rektorzimmer. Eine Elternbeirätin (Frau Krug) stellte sich zunächst ehrenamtlich für Schreibarbeiten zur Verfügung, bis 1954 eine Schreibkraft gegen Entgelt eingestellt werden konnte.

Am 7. März 1949 begann nach und nach die Sanierung des Gebäudes der Luisenschule. Innerhalb eines Jahres wurden Schulküche, Zeichensaal und Turnhalle ihrer Verwendung zugeführt. 1951/1952 erfolgte der Ausbau des Nordflügels, und im November 1952 wurde die neue holzgetäfelte Aula feierlich eingeweiht.

Ausbau und Erweiterung

Mit dem Aufbau der Stadt stieg die Bevölkerungszahl in Kassel stetig und damit die Zahl der Schüler. Die Amalien- und Luisenschule zählten zu dem Zeitpunkt 1377 Schülerinnen. Da das Gebäude der Amalienschule immer noch nicht zur Verfügung stand (Nutzung durch die Berufschule), erfolgte ein Anbau für zwölf Klassenräume in Richtung Querallee mit einem großen Schulhof. Das Schulgrundstück wurde erweitert bis zur Wilhelmshöher Allee und erhielt eine Grünanlage mit Laufbahnen und Sprunggruben, geeignet für Sport und Spiele. Hier sollte auch Platz für festliche Aktivitäten der Schulgemeinde sein.

Sgraffito von Walter Nikusch
Durch die Gründung der Vereinigung Eltemspende am 1. April 1954 konnten aufgrund der zahlreichen Spenden viele Geräte und Unterrichtsmaterialien angeschafft werden. Der Kauf von Musikinstrumenten machte ein Schulorchester möglich, der Kauf von Ruderbooten war die Basis für den Ruderverein.

Auch im Fremdsprachenunterricht tat sich einiges. Um ihren europäischen Blick zu weiten, fuhren Schülergruppen nach Frankreich und England. Es entstand ein reger Austausch mit ausländischen Schulgruppen. Das Angebot der Luisenschule ließ die Schülerinnenzahl weiter ansteigen. Trotz des Anbaues entstand erneut Raumnot an der Luisenschule. Dies erforderte die Ausgliederung von fünf Klassen mit Lehrkräften in ein neues Schulgebäude, das die Stadt Kassel 1956/57 in der Nähe der ehemaligen Amalienschule errichtet hatte. Diese neue Schule wurde am 11. September 1957 als Mittelschule Schützenstraße eingeweiht. Diese Schule ist die heutige Carl-Schomburg-Schule, die als erste Mittelschule die Koedukation und die Fünf-Tage-Woche eingeführt und sich zur Ganztagsschule entwickelt hat.

Im Jahr 1958 erfuhr die Luisenschule eine neue Entwicklung. Aus Verwaltungsgründen wurden das Gebäude, die Schülerinnen und Lehrkräfte der Luisenschule aufgeteilt und parallel dazu eine neue Schule namens Annette-v.-Droste-Hülshoff-Schule (zweizügig) gegründet. Der Altbau wurde den Schülerinnen der neuen Schule zugewiesen, im Neubau fand der Unterricht für die Luisenschülerinnen statt (dreizügig). Die Fachräume wurden von den Schülerinnen beider Schulen benutzt. Die Unterbringung der beiden Schulen in einem Gebäude dauerte bis 1965. Dann fand die Annette-v.-Droste-Hülshoff-Schule neue Räume in der Gräfestraße, die Luisenschule blieb im Gebäude in der Luisenstraße. Unter Karl Wilhelm, der die Luisenschule von 1958 bis 1979 leitete, erfolgte ein weiterer Ausbau von Fachräumen wie Küche und Essraum. Außerdem erhielt die Schule ein Sprachlabor und neue Räume für den naturwissenschaftlichen Unterricht. Das ehemalige Luisenbad wurde für die polytechnischen Fächer umgebaut.

Aufnahme von Jungen ab 1979

War es im Jahr 1855 noch notwendig, Mädchen durch Bildung die gleichen Chancen einzuräumen wie den Jungen und sie aufgrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten getrennt zu unterrichten, so vollzog sich in den nächsten 100 Jahren ein gesellschaftlicher Wandel, der auch im Bildungswesen nicht Halt machte. Die im Grundgesetz verankerte Gleichstellung von Mann und Frau macht gleiche Chancen in Bildung und Beruf verbindlich. Der Wunsch, Jungen und Mädchen nun gemeinsam zu unterrichten, beendete die Ära der Luisenschule als reine Mädchenschule. 124 Jahre nach Gründung der Luisenschule beschloss am 30. Mai 1979 die Gesamtkonferenz unter dem Vorsitz des kommissarischen Schulleiters Hans Gerschütz die Aufnahme von Jungen in die Schule. Die Umsetzung dieses Beschlusses war eine der Aufgaben von Heinrich Vaupel, der die Schule seit dem 1. August 1979 bis in die Mitte der 1980er-Jahre leitete.

B. Schalles in der Festschrift "150 Jahre Luisenschule"

eingestellt von Karin-Ch. Stiehl

Luisenschule als Haupt- und Realschule mit Förderstufe

Der bildungspolitische Disput um die Reform des deutschen Schulwesens führte im Jahr 1985 auch an der Luisenschule zu einem Wechsel in der Schulorganisation. Die obligatorische Förderstufe wurde eingeführt und es wurde ein Hauptschulzweig eingerichtet.

Das gegliederte Schulwesen galt als überholt. Auf dem Weg zu stadtteilgebundenen Gesamtschulen wurden zunächst Schulverbünde gebildet, die auch bei der Luisenschule zur Auslagerung von Klassen, zu „Wanderklassen“ wegen Raumnot und dem Einsatz von Lehrkräften an verschiedenen Schulstandorten führten. Der Schulfrieden war gestört und eine „Bürgeraktion freie Schulwahl“ wandte sich gegen das Mittelstufenkonzept des Landes Hessen und der Stadt Kassel. Mit dem Wechsel der Landesregierung in Wiesbaden wurde 1986 die Wahlfreiheit der Eltern nach der Grundschulzeit wieder eingeführt. Die Förderstufe an der Luisenschule sollte wieder aufgelöst werden, jedoch die Luisenschule als selbständige Schule nicht mehr bestehen bleiben.

So begann 1986 ein Kampf um die Kasseler Schulpolitik, der sich bis in das Jahr 1994 hinziehen sollte: In einem Schreiben an Personalräte, Elternbeiräte und Schulleitungen der Luisen- und der Albert-Schweitzer-Schule äußerte die Dezernentin für Jugend, Schule und Weiterbildung, Christine Schmarsow: „ Ich habe die Absicht ... den städtischen Gremien den Erhalt dieses Förder- und Mittelstufenstandortes vorzuschlagen, allerdings in Form einer organisatorischen Zusammenführung von Luisen- und der Albert-Schweitzer-Schule zu einer additiven Gesamtschule mit Förderstufe ...“. Wegen dieser massiven Änderungen heizte sich das schulpolitische Klima in der Stadt weiter auf. In einer Resolution forderten der Schulelternbeirat und die Gesamtkonferenz das Fortbestehen der Luisenschule in ihrem jetzigen Gebäude und ein Realschulangebot ab Klasse 5.

Landespolitisch war die Schlacht um Förderstufen und Gesamtschulen geschlagen, für die Stadt Kassel und die Luisenschule jedoch noch lange nicht. 1987 sollte die Grund-, Haupt- und Realschule Friedrich-Wöhler-Schule nur noch als Grundschule fortgeführt werden. Die Stadtverordneten fassten den Beschluss: „Die Realschule Luisenschule ist am Standort der Friedrich-Wöhler-Schule zu integrieren“. Der damalige Kultusminister Christean Wagner äußerte dazu auf einer Podiumsdiskussion im Januar 1988: Dort, wo Schulschließungen von Schulträgern unvernünftiger Weise beschlossen würden, „werde ich das nicht zulassen“. Er werde die Anmeldezahlen sorgfältig prüfen. Und so legte er den Kasseler Schulentwicklungsplan zunächst auf Eis.

1991 waren die Pläne vom Auslaufen der Friedrich-Wöhler-Schule und der Verlagerung der Luisenschule immer noch nicht vom Tisch. Die Eltern forderten endlich Schulfrieden in Kassel. Durch den erneuten Regierungswechsel in Wiesbaden bekamen die Schulträger mehr Entscheidungskompetenzen zugewiesen. Die Luisenschule musste kämpfen und tat es auch: Am 7. März 1991 zog ein Protestzug von der Schule durch die Innenstadt zum Rathaus, um die Sitzung des Parlamentsausschusses für Kultur- und Schulfragen zu sprengen. Die Presse titelte: „Musikakademie/Wöhler-Schule stirbt: Neuer Standort in der Luisenschule“.

Der Magistrat ließ zunächst nicht von seinen Vorhaben ab, beschloss allerdings, die Förderstufe an der Luisenschule auslaufen zu lassen, da es ihm „wenig sinnvoll erscheint, eine Förderstufe und grundständig beginnende Klassen weiterführender Schulen nebeneinander in einer Schule zu haben“. Die Luisenschule schaltete in die Auseinandersetzung auch den damaligen hessischen Ministerpräsidenten Hans Eichel ein – ohne Erfolg.

Die Luisenschüler sammelten unterdessen 3600 Unterschriften für den Erhalt der Schule, die dem Magistrat überreicht wurden. Es wurde auf die Reduzierung der Schulstandorte im Westen und der Stadtmitte hingewiesen: Gab es 1982 noch zehn Haupt- und Realschulen in diesem Stadtgebiet, so waren nun nur noch drei vorhanden (Heinrich-Schütz-, Valentin-Traudt- und Luisenschule). Der Elternbeirat schaltete mit dem Logo „Luisenschule, weil´s besser ist“ eine Anzeige, in der die Kasseler Eltern aufgefordert wurden, ihr Kind wie geplant zum Besuch der Realschule anzumelden.

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In den „Mitteilungen der SPD-Fraktion im Kasseler Rathaus“ vom Oktober 1991 stand: „Dabei sollten wir Sozialdemokraten unseren Beitrag zur Entspannung des von konservativer Seite angefachten Schulkrieges leisten, indem wir den Versuch unternehmen, die Verlagerung der Luisenschule unnötig zu machen“. Im September 1991 vertagten die Stadtverordneten ihre Entscheidung über die Magistratsvorlage.

Unterdessen stiegen die Anmeldezahlen für die Realschulklassen 5 der Luisenschule auf 110 im Schuljahr 1993/94 an. Der Hauptschulzweig wurde im Schuljahr 92/93 gar nicht mehr angewählt. Der Macht des Faktischen konnte sich der Schulträger 1994 nicht länger entziehen: Am 27. 1. 1994 bat die Stadt nach Beschluss der Stadtverordnetenversammlung und dem Votum der Schulkonferenz das Hessische Kultusministerium um Zustimmung zur Schulorganisationsänderung.

1995: Wieder selbstständige Realschule

1995 war die Luisenschule de facto wieder selbständige Realschule, Kultusminister Holzapfel lehnte jedoch den Wunsch nach Organisationsänderung ab, da die verbundene Haupt- und Realschule gesetzliche Regelform sei. Erst am 31. Juli 1997 kam das erlösende Schreiben aus dem Kultusministerium: Die Luisenschule war nun auch de jure wieder Realschule.

Bombenfund

Am 25. April 2004 wurde die Luisenschule evakuiert. Eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg wurde bei Erdarbeiten gefunden.

Galerie - historische Bilder

siehe auch

Weblinks und Quellen