Louis Spohrs Streichquartette

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Louis Spohr (1784-1859)

Kammermusik für Streicher nimmt im Schaffen Louis Spohrs einen exponierten Platz ein und die 36 Streichquartetten bilden hier die umfangreichste Gruppe, Spohr hat selbst als Geiger Zeit seines Lebens in Quartetten mitgespielt. Während er Duette als Lehrstücke für seine Schüler schreibt, verfasst er die Quartette zu seiner Unterhaltung und der seiner Mitmenschen. Bereits 1804/05 komponiert er seine ersten beiden Streichquartetten, diese lassen jedoch noch deutlich den Einfluss Beethovens, Mozarts und Haydns erkennen, weswegen Spohr diese frühen Werke kurze Zeit später selbst nicht mehr gefallen. Während seiner Tätigkeit in Wien 1813-1815 schreibt Louis Spohr drei seiner wichtigsten Quartette op. 29; die letzten Werke für diese Besetzung entstehen zwei Jahre vor Spohrs Tod. Neben den traditionellen Quartetten in der Besetzung für zwei Geigen, Bratsche und Cello komponiert Spohr noch sechs sogenannte „Quatuors brillants“. Bei diesem Genre, das aus Frankreich stammt, handelt es sich um Soloquartette, in denen die erste Geige dominiert, die übrigen Instrumente haben eher begleitende Funktion. Ein möglicher Grund, warum sich Spohr für diese Gattung entschieden hat, ist die große Publikumswirksamkeit, außerdem komponiert Spohr diese Stück natürlich, um darin selbst den virtuosen Part der Primgeige zu übernehmen. Darüber hinaus schreibt er sogenannte Doppelquartette, also Stücke für zwei Quartettbesetzungen; im Unterschied zu Streichoktetten werden hier die beiden Quartette als eigene Klangkörper behandelt. Eine ähnliche doppelchörige Wirkung erzielt Spohr etwa auch in seiner 7. Sinfonie, im Nonett oder in Chören seiner Oratorien. Er selbst sagt in den „Lebenserinnerungen“, er habe sich die Aufgabe gestellt, „zwei Quartetten nebeneinander sitzend ein Musikstück ausführen zu lassen, dabei aber die beiden Quartetten nach Art von Doppelchören häufig abwechseln und konzertieren zu lassen und das achtstimmige nur für die Hauptstellen der Komposition aufzusparen.“ (Spohr 1968, II/133f) Mit dieser Besetzung steht Spohr nahezu allein, er wurde von seinem Freund Andreas Romberg auf die Idee gebracht, ein Doppelquartett zu verfassen, dieser hat ihm kurz vor seinem Tod erzählt, dass er sich schon lange gewünscht hatte, ein solches zu spielen. Insgesamt komponiert Spohr zwischen 1823 und 1847 vier Doppelquartette in d-moll, Es-dur, e-moll und B-Dur.

Streichquartett in Es-Dur, op. 29/I

Das Streichquartett in Es-Dur op. 29/I komponiert Louis Spohr 1814 während seiner Zeit als Dirigent am Theater an der Wien; es hat insgesamt vier Sätze: Allegro, Andante con variazioni, Scherzo. Moderato und Finale. Vivace. Der Aufbau orientiert sich also an einer klassischen Struktur, während die Tonsprache gleich zu Beginn des ersten Satzes chromatisch gefärbt ist und durchaus romantische Züge trägt.

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1. Thema in der 1. Geige

Auffällig ist der Beginn mit der verminderten Quarte es – h, an die sich ein aufsteigender As-Dur-Akkord anschließt, dieses Motiv wird noch zweimal auf anderen Tonstufen wiederholt, bis das Thema am Ende des vierten Takts schließlich wieder auf es endet. Der verminderte Intervallsprung sticht besonders stark hervor, weil er unisono gespielt wird, sodass man ihn klanglich zunächst nicht von der großen Terz unterscheiden kann, man also in H-Dur denkt und dann in das harmonisch weit entfernte As-Dur gelenkt wird; hinzu kommt, dass vor der Auflösung zum c von As-Dur eine Pause steht. Hans Glenewinkel kommentiert in seiner Dissertation über Spohrs Kammermusik: „Der zweite Takt eignet sich, wie alle aus dem Dreiklang gebildeten Motive, vorzüglich für die Verwendung im Baß, und kommt so, teils separatim, teils auch in neuartigen Verbindungen mit dem Quartenmotiv ungezählte Male vor.“ (Glenewinkel 1912, 32) Der Anfangstakt dieses Streichquartetts ist deswegen so berühmt geworden, weil Spohr hier versucht, seinen Namen zu vertonen. Die Entstehungsgeschichte erzählt er in den „Lebenserinnerungen“: Während der Zeit des Wiener Kongresses wurden in Wien viele Konzerte organisiert und Spohr berichtet von einem Wiedersehen mit seinen Freunden Weber, Hermstedt und Fesca. „Fesca, der seit der Zeit, daß ich ihn in Magdeburg gekannt hatte, Mitglied der westfälischen Kapelle in Kassel geworden und nun nach deren Auflösung als Konzertmeister in Karlsruhe angestellt war, hatte sowohl als Komponist wie als Geiger große Fortschritte gemacht. Seine Quartetten und Quintetten, von ihm rein, fertig und mit Geschmack vorgetragen, gefielen sehr in Wien und fanden bei den dortigen Verlegern guten Absatz. Eins derselben begann in einem seiner Sätze mit den Tönen, die des Komponisten Namen enthalten:

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Die Zuhörer fanden das sehr hübsch und verspotteten die andern anwesenden Komponisten Hummel, Pixis und mich wegen unsrer unmusikalischen Namen. Dies brachte mich auf den Gedanken, mit Hilfe der ehemals gebräuchlichen Abbreviatur des piano in po. und einer Viertelpause, die in der Notenschrift wie ein r aussieht, doch etwas Musikalisches aus meinem Namen zustande zu bringen. Es nahm folgende Gestalt an:

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und wurde nun sogleich als Thema zu einem neuen Violinquartett benutzt, welches das erste von den drei Quartetten ist, die in Wien bei Mecchetti als op. 29 gestochen und Andreas Romberg gewidmet sind. Als ich es zum ersten Male bei meinem Freunde Zizius vortrug, fand es großen Beifall, und man rühmte besonders das originelle Thema mit seiner herabfallenden verminderten Quarte. Ich rief nun die, welche mich früher wegen meines unmusikalischen Namens verspottet hatten, herbei und zeigte ihnen (denn gehört hatten sie es natürlich nicht), daß das gerühmte Thema aus meinem Namen gemacht sei. Man lachte sehr über meinen Kunstgriff und verspottete nun um so mehr Hummel und Pixis, die mit allem Aufwande von Kunst nichts Musikalisches aus ihrem Namen zustande bringen konnten!“ (Spohr 1968, I/184)

Auch das zweite Thema des Kopfsatzes ist von Chromatik geprägt, hinzu kommt die rhythmische Schärfung durch den Wechsel von Punktierung und Triole. Glenewinkel spricht von „einer sich in Halbtönen heraufschiebenden sehnsüchtigen Melodie“, die nur „bescheidenen Raum“ einnehme. (Glenewinkel 1912, 32)

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Zweites Thema

Spohrs Quartett op. 29/I gehört bis heute zu den beliebtesten Stücken des Komponisten, wozu die Anekdote um den komponierten Namenszug nicht unwesentlich beigetragen habe dürfte. Hans Glenewinkels Urteil aus dem Jahr 1912 fällt euphorisch aus: „In diesem Werk erreicht Spohr den Höhepunkt seiner in Wien komponierten Quartette; ja, ich stehe nicht an, es für das hervorragendste seines ganzen Schaffens auf diesem Kunstgebiete zu erklären. Nach jeder Richtung zeigt es einen erstaunlichen Fortschritt; die Kompositionstechnik hat eine Reife erlangt, welche von späteren erreicht, aber nicht übertroffen worden ist. Den größten Wert indes verleiht ihm [...] die eminente geistige Potenz in Erfindung und Ausbau seiner Ideen. Aus unscheinbarem Kern entwickelt des Autors fruchtbare Phantasie ein Wunderwerk von kühnen und ergreifenden Gedanken.“ (Glenewinkel 1912, 35) Aber bereits in einer Rezension in der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ vom 26.2.1817 heißt es über die komplexe Anlage der drei Quartette op. 29: „In Hinsicht auf die Hörer bemerkt Rec[ensent], dass sie in diesen Quartetten eine ernsthafte Unterhaltung finden werden, die, wenn sie zugleich erfreulich werden soll, wie sie es kann, mit offenem Sinne und einem thätigen Geiste aufgefasst werden muss. Daher wird der Genuss immer mehr sich erhöhen, je öfter sie dieselben hören werden; was dem Werk zu keiner geringen Empfehlung dient.“ (Fröhlich 1817, 153)

Literatur

  • Fröhlich: Recensionen. In: Allgemeine Musikalische Zeitung vom 26.2.1817. Sp. 153-156.
  • Glenewinkel, Hans: Spohrs Kammermusik für Streichinstrumente. Ein Beitrag zur Geschichte des Streichquartetts im 19. Jahrhundert. München 1912.
  • Krummacher, Friedhelm: Das Streichquartett. Teilbd. 1: Von Haydn bis Schubert (= Handbuch der musikalischen Gattungen Band 6,1). Laaber 2001.
  • Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. 2 Bd. Hg. v. Folker Göthel. Tutzing 1968.