Louis Spohrs Opern

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Louis Spohr (1784-1859)

Louis Spohr hat zwischen 1810 und 1844 acht Opern komponiert: „Der Zweikampf mit der Geliebten“, „Zemire und Azor“, „Faust“, „Jessonda“, „Der Berggeist“, „Pietro von Abano“, „Der Alchymist“ und „Die Kreuzfahrer“, hinzu kommen die beiden frühen Stücke „Die Prüfung“ und „Alruna“. Als Komponist steht Spohr insgesamt zwischen den Epochen Klassik und Romantik, und auch anhand seiner Opern lässt sich eine allmähliche Entwicklung zur romantischen Oper erkennen, die sich etwa im Rezitativ vollzieht, das zum Accompagnato-Rezitativ geformt wird. Spohr entfernt sich dadurch langsam von der klassischen Nummernoper, in der die einzelnen Arien, Rezitative, Duette etc. erkennbar voneinander getrennt sind, und nähert sich der durchkomponierten Form an. Damit schafft Spohr – ähnlich wie der Komponistenkollege C. M. v. Weber – eine neue deutsche Opernform, die später durch Richard Wagner ihre Vollendung finden wird. Um eine romantische Oper zu komponieren, macht Spohr es sich zur Aufgabe, Arien und Ensembles mithilfe einer ausgefeilten Accompagnato-Technik in große Szenenkomplexe zu integrieren. Eine ausdrucksvolle Textdeklamation, die ebenfalls bereits einen Fortschritt gegenüber den Opern der Klassik darstellt, soll durch motivische Arbeit unterstützt werden. Richard Wagner hat diese Leitmotiv-Technik, die Erinnerungscharakter aufweist, später in seinen Opern perfektioniert. Als weiterer romantischer Zug in Spohrs Opern ist die reichliche Verwendung von Bläsern zur subtilen Zeichnung der lyrischen Charaktere zu verstehen. Plötzliche Stimmungsschwankungen hingegen sind häufig durch Wechsel von Tempo und Taktart gekennzeichnet. In den Opern ist auch die für Spohrs Kompositionen typische Chromatik wiederzufinden. Er verwendet überraschende harmonische Wendungen und ausgreifende Modulationen, aber auch für die chromatische Schärfung von Melodie und Harmonik ist Spohrs Musiktheater bekannt. Doch Spohr komponiert nicht nur selbst romantische Opern, sondern fordert auch die Kollegen dazu auf; in seinem „Aufruf an deutsche Komponisten“ von 1823 heißt es: „Daher auf! Ihr deutschen Komponisten, lasst uns thätig seyn; es ist der Zeitpunkt da, wo auch unser Bemühen durch günstigen Erfolg gekrönt werden kann!“ (Spohr 1823, 461)

Jessonda

„Bis jetzt habe ich noch nichts so gutes zustande gebracht“ (Spohr 1968, II/132), sagt Spohr selbst über seine erste Kasseler Oper „Jessonda“, auch Paul Katow bezeichnet sie als Spohrs „Meisterwerk auf dem Gebiet der Oper“. (Katow 1983, 119) Nur vier Monate dauert die Entstehung dieses Werkes, das am 28.07.1823, dem Geburtstag von Kurfürst Wilhelm II., im Kasseler Hoftheater uraufgeführt wird. In einem Brief an Wilhelm Speyer vom 26.01.1823 äußert sich Spohr erwartungsvoll: „Wenn ich von dieser Oper mehr erwarte als von den früheren, so stützt sich das auf meine vermehrte Erfahrung und auf die Begeisterung, mit der das wohlgeratene Buch mich fast bei jeder Nummer erfüllte.“ (Spohr 1968, II/131f) Spohr bezieht sich hier auf das Libretto von Heinrich Gehe, der dieses nach Antoine-Marin Lemierres Schauspiel „La veuve du Malabar“ verfasst hat. Laut Spohr entscheide „in der Regel das Buch“ über das Glück und den Erfolg der Oper, und Gehes Libretto scheint dem Komponisten optimal zu sein. (Spohr 1823, 461)

Der Inhalt der Oper lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Nach alter indischer Tradition muss die Frau nach dem Tod des Gatten diesem ins Jenseits folgen. So soll es auch mit Jessonda geschehen, deren Ehemann, ein Radscha, verstorben ist. Nadori, der nicht freiwillig Bramin ist, bekommt vom Oberpriester die Aufgabe, Jessonda, die einst mit ihrer Schwester Amazili und ihrem Vater in die Stadt Goa kam, ihren baldigen Tod zu verkünden. Nadori beginnt sich in Amazili zu verlieben, während Tristan d’Acunha, der Feldherr der Portugiesen, die die Stadt umstellt haben, durch einen Zufall seine Jugendliebe Jessonda wiedertrifft. Nachdem er erfahren hat, dass sie geopfert werden soll, beschließt er, sie zu retten und kommt rechtzeitig, um den Oberpriester daran zu hindern, Jessonda zu töten. Das Stück endet damit, dass beide Paare, Tristan und Jessonda sowie Nadori und Amazili, in Tristans Heimat ziehen. Als Oper mit Tanz in drei Akten soll „Jessonda“ als Gesamtkunstwerk mit gleichbedeutenden Teilen an Sprache, Musik und Theater aufgefasst werden. Wiederum versucht Louis Spohr seinem „Aufruf an deutsche Komponisten“ nachzukommen; dort heißt es, der Komponist solle sich seinem Gefühl überlassen und eine „ächt dramatische Musik“ schreiben, die nicht, wie die Opern italienischer Komponisten, aus „süsslichen Melodien und Kehlseiltänzereyen“ besteht. (Spohr 1823, 463)

Die Uraufführung der „Jessonda“ wird in Kassel zu einem großen Erfolg, schon „vor Ende des ersten Aktes brach ein stürmischer Beifall los“, schreibt Spohr. „Mich hat diese Arbeit sehr glücklich gemacht, und ich darf hoffen, dass die Oper auch an anderen Orten großen Beifall haben wird, da sie viel leichter wie meine früheren ist, ein interessantes Sujet und weit einfachere und größtenteils lieblichere Musik hat“. (Spohr 1968, II/132) In der Tat war „Jessonda“ hauptverantwortlich für Spohrs Durchbruch auf der Opernbühne. Über die Leipziger Erstaufführung berichtet der Komponist in einem Brief an Wilhelm Speyer: „Beim Eintritt ins Orchester wurde ich schon mit allgemeinem Jubel begrüßt […]. Jede Nummer wird mit lebhaftem Beifall aufgenommen“. (Spohr, Louis, II/135f) Auch wird die Oper mit wachsendem Erfolg an vielen europäischen Bühnen, unter anderem in Wien und Prag, gespielt. Später erwähnt Spohr stolz, dass sich gleich nach dem ersten Akt in einer Loge des ersten Ranges ein Sprecher erhebt, „mich als einen wahren Meister deutscher Kunst bezeichnet[]“ und die Anwesenden auffordert, „mir ein dreimaliges Lebehoch zu bringen.“ (Spohr 1968, II/136) In Kassel gibt es über hundert Aufführungen, unter anderem dirigiert Spohr „Jessonda“, als er 1857 zum letzten Mal am Pult steht. Außerdem wird das alte Kasseler Hoftheater 1909 mit diesem Stück geschlossen. Trotz des großen Erfolges gerät „Jessonda“ im 20. Jahrhundert in Vergessenheit, es wird „zum Museumsstück des deutschen Musiktheaters“, wie es Jürgen Schläder treffend formuliert. (Schläder 1991, 10) Auch die Komponistenkollegen äußern sich unterschiedlich über Spohrs Oper. Während Richard Wagner eine offensichtliche Abneigung empfindet, „die Oper erfüllt mich wieder mit einem großen Ekel“, schreibt er (zit. nach Peters 1984, 55), bemüht sich Johannes Brahms um die Herausgabe der Partitur. Die einstige Popularität findet ihren Ausdruck auch in einem Deckengemälde in der Wiener Staatsoper, das eine Szene aus „Jessonda“ zeigt und von dem berühmten österreichischen Maler und Zeichner Moritz von Schwind entworfen wurde.

Die Ouvertüre zu „Jessonda“ beginnt mit einer langsamen Einleitung im pianissimo, die Moderato überschrieben ist. Ganz nach dem klassischen Schema beginnt Spohr langsam und endet schnell. Die Holzbläser und die Hörner festigen die Tonart zunächst mit einer Kadenz in es-moll, worauf in T. 4 der Einsatz des ersten, traurig-ernst klingenden Themas folgt, das elf Takte später von einem kontrastiven zweiten Thema, das spielerisch-fröhlich klingt, abgelöst wird. Ein langes Wechselspiel dieser Themen beginnt. „Besondere Vorzüge sind meisterhafte Instrumentation und eine brillante Coda. Als überzeugendes Beispiel aus Spohrs Reifejahren zählt diese Ouvertüre noch immer zu den besten der deutschen Frühromantik“, lobt Dietrich Greiner. (Greiner 1992, 7f) Auch Spohr selbst erlebt, welchen Anklang seine Ouvertüre im Publikum findet; während der Leipziger Erstaufführung wird sie „stürmisch und anhaltend da capo verlangt“. (Spohr 1968, 135f) Das von Leitmotiven geprägte, in sich geschlossene Werk enthält bereits wesentliche romantische Elemente, die die spätere Entwicklung vorbereiten und beispielsweise, wie schon erwähnt, bei Richard Wagner wiederzufinden sind. Bekannt sind Spohrs Opern für ihre Chromatik, die sich als Zeichen der Sehnsucht auch in Jessondas erstem Auftritt wiederfindet. Jessonda denkt über ihre Heimat nach und sehnt sich nach ihrem Freund Tristan, sie gibt die Hoffnung beinahe auf, als sie mit dem Ausruf „Nie wieder! nie wieder!“ in Amazilis Arme sinkt. Kurz darauf ertönt folgende chromatische Passage in der Flöte, die das Gefühl des Leides deutlich hervorhebt:

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„Eine andere Frage ist aber, ob wir Deutsche nicht auch endlich die Oper als Kunstwerk zu grösserer Einheit dadurch erheben sollten, dass wir die Dialoge in Recitative verwandeln.“ Spohr fordert in seinem „Aufruf“ eine Oper, „in der alles gesungen wird“. Ein solches Stück müsse allerdings „1) eine, vom Anfang bis zu Ende poetische Handlung haben, 2) eine so einfache, dass der Zuschauer durch das was geschieht, auch ohne den Text zu verstehen, den Inhalt errathen kann“. „Jessonda, eine neue grosse Oper, die ich vor einigen Monaten vollendet habe“, so ergänzt Spohr in einer Fußnote, „entspricht diesen Anforderungen und ist daher durchaus in Recitativen geschrieben.“ (Spohr 1823, 463f) „Jessonda“ enthält einige Accompagnato-Rezitative, doch an Stellen, an denen der Handlungsfluss gefördert werden soll, stehen Secco-Rezitative, also solche, die statt mit dem Orchester nur von der Continuo-Gruppe begleitet werden. Außerdem ist die Form des Sprechgesangs vorbildlich für die romantische Oper. Da der Rezitativstil allerdings noch uneinheitlich ist und extreme Formen des Sprechgesangs übergangslos nebeneinander stehen, zögert man „Jessonda“ als durchkomponierte Oper anzuerkennen. (Vgl. Greiner 1984, 43) Doch nicht nur der uneinheitliche Rezitativstil wird als Kritikpunkt herangezogen, es lassen sich durchaus weitere Schwachstellen finden. Richard Wagner kritisiert die Charakterzeichnung der Figuren, die ihm eindeutig zu ungenau erscheint und für die er „das mangelnde Selbstvertrauen des Komponisten verantwortlich macht“. (Schreiber 2002, 85) Eine dramaturgische Schwäche der Oper könnte man darin sehen, dass in der gesamten Oper lediglich ein Liebesduett vorhanden ist und dieses für die beiden Nebencharaktere komponiert ist; Tristan und Jessonda hingegen haben kein gemeinsames Duett. Und gerade das Duett von Amazili und Nadori war es, das „den größten, wirklich wütenden Enthusiasmus“ bei der Leipziger Erstaufführung hervorrief und aus diesem Grund als Höhepunkt der Oper bezeichnet wird. (Spohr 1968, II/136) Inhaltlich geht es um das Liebesgeständnis Nadoris gegenüber Amazili vor der gemeinsamen Flucht. Anhand dieses Duetts lassen sich typische Elemente Spohr’scher Komposition zeigen. Es steht in As-Dur und ist Andantino überschrieben. Dass es sich um ein Liebesduett handelt, lässt sich eindeutig am Verhältnis von Wort und Ton erkennen. Die Stimmen von Nadori und Amazili werden im Laufe der Szene gleichsam ineinander geführt. Zunächst beginnen sie nacheinander zu singen, bis sie im späteren Verlauf immer häufiger gleichzeitig singen, sodass die Annäherung und das Verschmelzen deutlich dargestellt werden. Die gegenseitige Liebe wird außerdem durch ein zweitaktiges Melisma auf das Wort „Herzen“ betont. Die dynamische Entwicklung beginnt im pianissimo und endet in fortissimo, Spohr steigert also die Leidenschaft der beiden Liebenden. Die romantische Atmosphäre wird mit den Streichern erzeugt, zur Charakterzeichnung verwendet Spohr allerdings auch Holzblasinstrumente, so zum Beispiel die Klarinette während des Leitmotivs der Liebe Nadoris. Die Klarinette als Instrument mit durchdringendem Klang im Orchester soll die eindringliche Bitte Amazilis an Nadori hervorheben: „rettest du die Schwester mir…“ Somit ist ein weiteres Merkmal Spohr’scher Opernkomposition angesprochen, die Leitmotiv-Technik. Das erwähnte Leitmotiv, das Wolfram Boder als „Thema der Liebe Nadoris“ bezeichnet (Boder 2007, 132f), taucht im ersten Gespräch zwischen Nadori und Amazili, das von der Rettung der Schwester und dem damit verbundenen Lohn handelt, im Finale Nr. 9 zum ersten Mal auf. Amazili bittet Nadori zunächst, ihre Schwester zu retten und verspricht ihm eine Rosenkette. Im Rezitativ und Rondo Nr. 16 äußert Nadori: „Ich will sie retten“. Da Nadori der Bitte nachkommen möchte und dafür die Rosenkette, das Symbol der Liebe, bekommen soll, wird Nadoris Liebe zu Amazili deutlich, die auch durch folgendes Motiv zum Ausdruck gebracht wird:

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Das Motiv in as-Moll kann in zwei Abschnitte, jeweils bestehend aus einer melodischen Abwärtsbewegung, unterteilt werden, durch diese Wiederholung wird ihm ein gewisser Aufforderungscharakter verliehen, der zusätzlich durch den Auftakt und die Achtelnoten auf den betonten Zählzeiten unterstützt wird. Das abschließende aufwärts gerichtete Quintintervall fordert nochmals Nadori zur Rettung Jessondas auf und die Begleitung durch Streichinstrumente und Klarinette untermalt den Gedanke der Liebe Nadoris.

Spohrs Opern bilden, wie eingangs erwähnt, das Bindeglied zwischen Klassik und Romantik, auch für „Jessonda“ trifft dieser Übergangsstatus zu. Es bleibt die Frage, ob sie wirklich als erste romantisch durchkomponierte Oper bezeichnet werden kann. Paul Katow spricht sich für diese Bezeichnung aus (Vgl. Katow 1983, 120), wohingegen Ulrich Schreiber „Jessonda“ eher der klassischen Oper zuordnen würde. „So hat Spohr zwar eine Oper geschrieben, in der alles gesungen wird, das aber nach dem herkömmlichen Typus der Nummernoper.“ Er sei nicht der Mann gewesen, aus dem Libretto „die prototypisch deutsch-romantische Oper zu machen.“ (Schreiber 2002, 86) Dennoch bezeichne Spohrs „Jessonda“, die „eigentlich als Antwort auf Webers Freischütz konzipiert, stilistisch jedoch eher mit Euryanthe“, Webers einziger durchkomponierter Oper, „vergleichbar“ ist, „den Beginn einer eigenständig deutsch romantischen Oper“, kommentiert Jürgen Schläder. (Schläder 1991, 12) Auf ganz anderem Wege rettet sich „Jessonda“ ins 20. Jahrhundert; die Titelfigur gibt einem Asteroiden, der 1904 entdeckt wird, ihren Namen.

Literatur

  • Boder, Wolfram: Die Kasseler Opern Louis Spohrs. Musikdramaturgie im sozialen Kontext. 2 Bd. (Text- und Notenband). Kassel 2007.
  • Greiner, Dietrich: Die Rolle des Rezitativs in den Opern Spohrs. In: Louis Spohr. Festschrift und Ausstellungskatalog zum 200. Geburtstag. Hg. v. Hartmut Becker und Rainer Krempien. Kassel 1984. S. 35-52.
  • Greiner, Dietrich: Louis Spohr. Acht Ouvertüren zu Bühnenwerken. In: Booklet zur CD Louis Spohr, Ouvertures. cpo 999 093-2. 1992. S. 4-9.
  • Katow, Paul: Louis Spohr. Persönlichkeit und Werk. Luxembourg 1983.
  • Peters, Helmut: Der Komponist, Geiger, Dirigent und Pädagoge Louis Spohr (1784-1859). Braunschweig 1987.
  • Schläder, Jürgen: Romantische Oper zwischen Tradition und Erneuerung. In: Booklet zur CD Louis Spohr, Jessonda. ORFEO C 240 912 H. 1991. S. 9-12.
  • Schreiber, Ulrich: Opernführer für Fortgeschrittene. Die Geschichte des Musiktheaters. Das 19. und 20. Jahrhundert. 3. Aufl. Kassel 2002.
  • Spohr, Louis: Aufruf an deutsche Komponisten. In: Allgemeine Musikalische Zeitung vom 16.7.1823. Sp. 457-464.
  • Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. 2. Bd. Hg. v. Folker Göthel. Tutzing 1968.
  • Wagner, Johannes: „Vor Ende des ersten Aktes brach ein stürmischer Beifall los“. Louis Spohrs Oper „Jessonda“. In: Kasseler Musikgeschichte. Hg. v. Andreas Wicke. Gudensberg 2004. S. 57-62.