Louis Spohrs Kirchenmusik

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Louis Spohr (1784-1859)

Louis Spohr ist auch als Komponist kirchenmusikalischer Werke hervorgetreten, darunter befinden sich sowohl eine Messe und drei Psalmvertonungen als auch vier große Oratorien. Sein erstes Oratorium, „Das jüngste Gericht“, verfasst Spohr 1812, darauf folgen 1825/26 „Die letzten Dinge“, 1834/35 „Des Heilands letzte Stunde“ und 1839/40 „Der Fall Babylons“. Bereits zweieinhalb Monate nach seiner Ankunft in Kassel 1822 ruft Spohr zur Gründung eines Gesangsvereines, des sogenannten Cäcilien-Vereins, auf. Hier investiert er viel Kraft und Mühen, sodass er es schafft, den Chor durch die Aufführung ganz unterschiedlicher Werke zu Höchstleistungen zu bringen. Neben Kompositionen Johann Sebastian Bachs werden auch Spohrs eigene Oratorien aufgeführt. Wirft man einen Blick auf Spohrs Leben vor seiner Kassler Zeit, so kann man eine Erklärung dafür finden, woher Spohrs Interesse an Oratorien und Kirchenmusik rührt. J. S. Bachs Werke sind zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten und auch Spohr lernt Bach in seiner Braunschweiger Zeit nicht kennen. Durch seine Mozart-Begeisterung erfährt er jedoch, welchen Respekt Mozart Bach entgegengebracht hat und beginnt sich ebenfalls für Bachs Werke zu interessieren. 1809 lernt er Christian Friedrich Gottlieb Schwenke auf einer Konzertreise nach Hamburg kennen, der dort als Nachfolger des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel arbeitet. Während der Gespräche mit Schwenke erfährt Spohr so viel über die Werke Johann Sebastian Bachs, dass er Bachs Inventionen und Sinfonien für Klavier in seinem Besitz bringen möchte. Hiermit ist Spohrs Interesse für die Bach’sche Musik endgültig geweckt worden. Aus einem Briefwechsel mit seinem Freund Lueder von 1827 geht hervor, dass er schon damals eine Kopie der Partitur der Matthäuspassion besitzt und eine Aufführung in Kassel plant. Dass diese Aufführung erst 1832 erfolgt, liegt daran, dass der Kurfürst von Hessen-Kassel die Darbietung verhindert. Daraufhin wird Felix Mendelssohn-Bartholdy, der die Matthäuspassion 1829 in Berlin und Leipzig wiederaufführt, als Auslöser der Bach-Renaissance betrachtet. Spohr hat jedoch durch seine Tätigkeit einen großen Teil zur Bach-Renaissance in Kassel beigetragen. Eigene Oratorien komponiert Spohr, weil es nur wenige große Chorwerke gab, die man mit Laienchören wie dem Cäcilien-Verein singen kann. Das Oratorium rückt im 19. Jahrhundert aus dem kirchlichen Rahmen in das bürgerliche Konzertwesen und wird dort als Gegenstück der Sinfonie angesehen. Diese Säkularisierung kommt durch die zunehmende Bedeutung bürgerlicher Singvereine und Musikakademien und durch die Abkehr der Bevölkerung vom Hof und von konfessionellen Bindungen. Nachdem Spohr zunächst unzufrieden mit seinem ersten Oratorium, „Das Jüngste Gericht“, ist, beginnt er nach 13 Jahren erneut mit „Studien des Kontrapunktes und des Kirchenstils“ (Spohr1968, II/141). Sein nächste Oratorium, „Die letzten Dinge“, basiert auf einer Textvorlage von Friedrich Rochlitz, der als Musikkritiker und Schriftsteller arbeitet und Spohr zum Schreiben eines weiteren Oratoriums anregt. Dieser arbeitet mit großem Eifer an dem neuen Stück, sodass der erste Teil nach der Fertigstellung sofort vom Cäcilien-Verein mit Klavierbegleitung aufgeführt wird, obwohl der komplette zweite Teil noch fehlt. 1826 vollendet Spohr das Oratorium mit der Absicht, dass das Werk einen würdevollen Tonfall hat und es einfach und fromm in kontrapunktischem Satz und gebundenem Stil geschrieben wird. Spohr möchte mit seinem neuen Oratorium einen Stil entwickeln, der sich vom Opernstil deutlich absetzt. In seinem ersten Oratorium gibt es Arien mit virtuosen Koloraturen, die neben einfachen, nur von der Orgel begleiteten Secco-Rezitativen stehen. Die Wirkung, die der Wechsel von virtuoser Arie und schlichtem Rezitativ hervorruft, ist Spohr zu kontrastreich und disparat. In „Die letzten Dinge“ hat er auf solche Kontraste verzichtet, damit sein Werk einheitlicher und besinnlicher klingt und dem Lobpreis Gottes ein größeres Gewicht beigemessen wird.


Das Oratorium „Die letzten Dinge“

Die Einleitung seines Oratoriums schreibt Spohr nach barocken Gestaltungsprinzipien. Die Ouvertüre, die den ersten Teil eröffnet, ist in der Form einer traditionellen französischen Ouvertüre gehalten. Im ersten Teil, dem Andante grave, herrscht ein typisches punktiertes bzw. doppelt punktiertes Motiv vor, das sich im zweiten Teil in ein absteigendes Skalenmotiv wandelt und im letzten Teil der Ouvertüre wieder aufgenommen wird.

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Motiv der Ouvertüre


Auch die Sinfonia zum zweiten Teil des Oratoriums ist klar gegliedert und verläuft nach den Regeln einer italienischen Ouvertüre. Im ersten Teil der Sinfonia, der im Allegro steht, erklingt eine Forstspinnungsmotiv, das sich auf eine barocke Eröffnungsgeste bezieht. Im zweiten Teil, dem Andante grave, tritt das Thema des ersten Teils leicht verändert in Form einer Fuge wieder auf. Nach einer 13-maligen Durchführung (elfmal auf der Tonika e-moll und der Dominante H-Dur, einmal auf der Subdominante a-moll und einmal auf der Tonikaparallele G-Dur) endet der zweite Teil der Sinfonia. Auch hier greift Spohr im dritten Teil auf den Anfang zurück und verzahnt die einzelnen Teile somit motivisch. Diese beiden Stücke, die zur Eröffnung des ersten bzw. zweiten Teils dienen, sind, ganz im Gegenteil zum Rest des romantischen Werkes, nach traditionellen barocken Vorbildern geschrieben. Das Oratorium lässt sich textlich in sieben Abschnitte gliedern. Es beginnt mit „Anbetung und Mahnung“ (Offenbarung 1-4), es folgen „Das Erlösungswerk Christi“ (Offenbarung 5, 7); „Vorboten des Jüngsten Gerichts“ (Offenbarung 8-11), Zwischenteile aus Jeremia (29, 13-14) und Hesekiel (37, 27), „Das Endgericht über Lebende und Tote“ (Offenbarung 14-20) und „Die neue Welt Gottes“ (Offenbarung 21-22). Diese Thematik, die vom Tod, vom jüngsten Gericht, der Erlösung und dem Reich Gottes handelt, vertont Spohr auf eine für ein Oratorium neue Weise. Ein Unterschied zu älteren Oratorium ist, dass es in „Die letzten Dinge“ keinen Erzähler gibt, wie er bei Bach zum Beispiel als Evangelist auftritt. Es gibt somit keine Person, die durch das Stückt führt, und der Text wird hauptsächlich vom Chor wiedergegeben, was ein wesentliches Anliegen Spohrs ist. Da er auch keinen Handlungsablauf vertont, sondern sich dem eschatologischen Thema auf ganz unterschiedliche Weise annähert, ist das Ziel weniger deutlich zu erkennen als etwa bei Passionsmusiken, die die Leidensgeschichte Jesu erzählen. Spohr setzt also die Solisten nicht als Figuren ein, sondern schreibt ihnen eine neue Rolle zu. Während beispielsweise Bach und Händel die Solisten vom Chor isoliert durch eigene Nummern zur Geltung kommen lassen, setzt Spohr sie anders ein: Im ersten Chorstück, „Preis und Ehre ihm“, komponiert er solistische Zwischenteile, auf die der Chor direkt mit dem Thema des Stücks antwortet. Zwischenzeitig singen Solisten und Chor auch gemeinsam, wie z. B. in Nr. 10: „Betet an! Betet an! Lob und Preis“. Diese Art der Anlage bringt Spohr dahin, dass er im letzten Stück des ersten Teils, „Heil dem Erbarmer“, die Solisten als Quartett gegen den Chor singen lässt und somit eine Art Doppelchörigkeit schafft. Dieses Phänomen ist auch in seiner Instrumentalmusik zu finden, sodass er beispielsweise Doppelquartette und Doppelsinfonien schreibt. In dem vielleicht bekanntesten Stück seines Oratoriums, dem „Heilig, heilig, heilig“, lässt Spohr den Solotenor das Thema zunächst vorstellen, das dann vom Chor übernommen und im vierstimmigen Satz wiederholt wird. Dabei wird Harmonisierung immer komplexer, am Schluss erweitert er die Harmonik durch Septakkorde und Vorhalte und kadenziert schließlich über die moll-Subdominante in die Dur-Tonika; hier zeigt sich der romantische und mit Chromatik durchsetzte Stil Spohrs sehr deutlich:

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„Heilig, heilig, heilig“, Schluss


Ein weiteres Merkmal der romantischen Chormusik ist das dynamische An- und Abschwellen des Chores. Die folgende Chorphrase beginnt im Piano und steigert sich innerhalb eines Taktes bis ins Forte, was die Betonung des Wortes „Erbarmer“ bewirkt; anschließend geht die Lautstärke wieder zurück, um sich dann erneut zu steigern.


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„Heil! dem Erbarmer“, Beginn des Chorsoprans


Die Rezitative in seinen Oratorien lässt Spohr nicht wie in der Barockzeit mit Generalbass, sondern ausschließlich durch einen schlichten Orchestersatz begleiten. Er verwendet das Accompagnato-Rezitativ, das im Barock seltener auftrat, und verwirft das Secco-Rezitativ. Beispiele für diesen Begleitstil sind die Rezitative Nr. 20 „ Sieh’ einen neuen Himmel“ und Nr. 5 „Und siehe, ein Lamm, das war verwundet“. In den Chorsätzen tauchen bei Spohr immer wieder polyphone Stellen auf, die den Beginn einer Fuge erahnen lassen. Dieser Beginn wird jedoch fast nie nach den strengen barocken Regeln der Fuge zu Ende geführt, sondern reißt nach kurzer Zeit ab und wird wieder zum homophonen Satz. Spohr benutzt hier barocke Elemente, aber er wandelt sie ab und benutzt sie lediglich als Stilelement. An wenigen Stellen nur singt der Chor eine ausgedehnte Fuge im kontrapunktischen Satz, wie es in Nr. 10, „ Betet an! Betet an! Lob und Preis!“ zu dem Text „Lob und Preis und Gewalt“ der Fall ist.

Spohr hat mit „Die letzten Dinge“ ein Chorwerk geschrieben, das als eines der ersten romantischen Oratorien eingeordnet werden kann. Er stützt sich nur in seinen Ouvertüren auf barocke Vorbilder, innerhalb der textgebundenen Musik deutet er barocke Elemente wie die Fuge an, benutzt allerdings keinen Generalbass. Seine Harmonik, die auf tonalen Verschleierungen, der Vermischung der Tongeschlechter, Septakkorden, Chromatik und Vorhalten basiert, zeigt deutlich, dass „Die letzten Dinge“ ein romantisches Oratorium ist. Durch die Studien des Kontrapunktes und des Kirchenstils hat er seine eigene Kompositionsweise für geistliche Werke entwickelt und diese von der Oper deutlich abgegrenzt. „Die letzten Dinge“ bringt Spohr 1826 an Karfreitag in der Kasseler Martinskirche zum ersten Mal zur Aufführung. „Wolff, mein Schwiegersohn, der Architekt, der lange in Rom war, machte den Vorschlag, die Kirche wie am Karfreitage in Rom durch Kreuzbeleuchtung zu erhellen, und führte die Sache auch aus“, berichtet Spohr in seinen „Lebenserinnerungen“. „Ein vierzehn Fuß langes, mit 600 Glaslampen behängtes Kreuz, schwebte in der Mitte der Kirche und verbreitete ein so helles Licht, daß man allenthalben die Textbücher lesen konnte, das Orchester- und Sängerpersonal, beinahe 200 Personen stark, war auf der Emporkirche terassenförmig aufgestellt und den Zuhörern unsichtbar.“(Spohr 1968 II/142 ). So groß wie der Aufwand, den Spohr hier beschreibt, ist auch der Erfolg des Werkes, bis zu Mendelssohns „Paulus“ ist es in Deutschland das bekannteste Oratorium und sogar in England, befindet sich im 19. Jahrhundert in vielen Haushalten ein Klavierauszug von Spohrs „Die letzten Dinge“.

Literatur

  • Homburg, Herfried: Louis Spohr und die Bach-Renaissance. In: Bach-Jahrbuch 47 (1960). S. 65-82.
  • Homburg, Herfried: Louis Spohrs erste Aufführung der Matthäus-Passion in Kassel. Ein Beitrag zur Geschichte der Bachbewegung im 19. Jahrhundert. In: Musik und Kirche 28 (1958). S. 49-60.
  • Katow, Paul: Louis Spohr. Persönlichkeit und Werk. Luxembourg 1983.
  • Massenkeil, Günther: Oratorium und Passion. Bd. 2 (= Handbuch der musikalischen Gattungen Bd. 10.2). Laaber 1999.
  • Oratorienführer. Hg. v. Silke Leopold und Ullrich Scheideler. Weimar/Kassel 2000.
  • Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. 2 Bd. Hg. v. Folker Göthel. Tutzing 1968.

siehe auch