Louis Spohr

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Louis Spohr (1784-1859), Stich

Louis Spohr (* 5.4.1784 in Braunschweig, † 22.10.1859 in Kassel) ist einer der bekanntesten Komponisten und Dirigenten, vor allem aber neben Paganini der berühmteste Violinvirtuose des frühen 19. Jahrhunderts.

Louis Spohr in Kassel

1822 wird Louis Spohr – nach beruflichen Stationen in Gotha, Wien, Frankfurt und Dresden – Hofkapellmeister in Kassel, von 1848 bis 1857 ist er Generalmusikdirektor. Die Hofoper wird unter seiner Leitung eines der führenden Häuser in Deutschland. 1857 wird er, nicht zuletzt aufgrund politischer Konflikte mit dem Kurfürsten, von Friedrich Wilhelm I. zwangspensioniert.

Spohr-Denkmal auf dem Opernplatz

1883 wird direkt vor seiner Kasseler Wirkungsstätte, dem Hoftheater (heute Kaufhof), zu seinen Ehren das Spohr-Denkmal auf dem Opernplatz eingeweiht, das den Musiker mit seiner Geige zeigt. Bereits 1874 erscheint in der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ ein Spendenaufruf zur Finanzierung des geplanten Denkmals, in dem es heißt: „Der Name des grossen Meisters, seine genialen Tondichtungen, seine Verdienste und Leistungen als Lehrer und Künstler haben in der ganzen musikalischen Welt so unbestrittene Anerkennung gefunden, dass wir wohl hoffen dürfen, es werde uns gelingen, ein Ehrendenkmal zu schaffen, was den spätesten Geschlechtern ein bleibendes Zeugnis der Anerkennung und Verehrung sei, welche die Zeitgenossen dem Meister gewidmet haben.“ (Spohr-Denkmal 1874, 253) Obwohl das Denkmal bis heute ein zentraler Kasseler Treffpunkt ist, spricht Leonie Biehler zu Recht von einem „Phantom am Opernplatz“ (Biehler 2004, 51), das in seiner musikalischen Bedeutung nur wenigen bekannt ist. Außerdem ist die im Stadtzentrum gelegene Spohrstraße nach dem Musiker benannt, er wurde zum Ehrenbürger, der Stadt Kassel ernannt und sein Grab auf dem Hauptfriedhof ist ein Ehrengrab. Eine Louis Spohr-Gedenk- und Forschungsstätte verbunden mit einem Museum der Geschichte des Violinspiels befindet sich im Palais Bellevue an der Schönen Aussicht 2.

Kurfürst Wilhelm II. hat ehrgeizige Pläne, als er 1822 den 38-jährigen Louis Spohr als Hofkapellmeister nach Kassel holt, nachdem Verhandlungen mit Carl Maria von Weber vergeblich verlaufen waren. In seinen „Lebenserinnerungen“ schreibt Spohr: „Nachdem ich mich mit Weber und meiner Frau beraten hatte, forderte ich: 1) Anstellung mit Reskript auf Lebenszeit mit 2000 Talern Gehalt; 2) einen jährlichen Urlaub von 6-8 Wochen; und 3) die Zusicherung, daß mir die artistische Leitung der Oper ausschließlich übertragen werde. Sämtliche Bedingungen wurden genehmigt“. (Spohr 1968, II/124) Der Kurfürst ist bestrebt, die Kassler Oper auf höchstes Niveau zu bringen und berühmt zu machen, und gewährt den Künstlern dazu einen breiten Handlungsspielraum sowie eine jährliche Subvention von 60.000 Talern. „Mein Wirken in meinem Amte“, resümiert Spohr, „ist so meinen Wünschen angemessen, wie ich es in keiner anderen deutschen Stadt finden könnte.“ (Zit. nach Homburg 1964/65, 553)

Spohrstraße in Kassel

Der Wunsch nach einem repräsentativen Theater wird dem Kurfürsten erfüllt, die 35 Jahre, in denen Spohr das Hoftheater leitet, erweisen sich als das goldene Zeitalter der Kasseler Oper. In kurzer Zeit macht Spohr aus der 40-köpfigen Hofkapelle ein Spitzenensemble und urteilt selbst voller Stolz: „Auch ist es mir gelungen, unsere Oper wennicht zur ersten, doch zu einer der vorzüglichsten Deutschlands zu erheben“. Er fährt fort: „Dies wird vom Fürsten und vom Publikum anerkannt und ersterer hat mir schon vielfältige Beweise seiner Zufriedenheit mit meinem Streben gegeben.“ (Zit. nach Homburg 1964/65, 553) Der Erfolg ist zu großen Teilen auf Spohrs freie Gestaltungsmöglichkeiten zurückzuführen, so nimmt er beispielsweise bereits in den ersten Jahren seines Schaffens 40 neue Opern in den Spielplan auf. „Hier ist mir die Oper ganz übertragen und der Generaldirector unseres Theaters, der von Musik nichts versteht, zeigt mir dabey das größeste Zutraun.“ (Zit. nach Homburg 1964/65, 553) 1823, ein Jahr nach seinem Amtsantritt, feiert er mit der Uraufführung seiner Oper „Jessonda“ einen Riesenerfolg und verabschiedet sich mit demselben Werk 1857 auch vom Kasseler Publikum. Der 73-jährige Generalmusikdirektor, damals ein seltener Ehrentitel, geht allerdings nicht ganz freiwillig, sondern wird von Kurfürst Friedrich Wilhelm I. in Pension geschickt. Die Jahrzehnte nach dem Wiener Kongress sind auch in Hessen-Kassel von großen politischen Konflikten geprägt und so sieht sich Kurfürst Wilhelm II. 1831 genötigt Kassel zu verlassen und verliert in der Folgezeit schnell das Interesse an seiner Hofkapelle. Spohr ist somit in den kommenden Jahren von der Gunst des Kurprinzen abhängig. Dieser stellt deutlich weniger Geld zur Verfügung und Spohrs Bemühungen um höhere Subventionen schlagen fehl, wie ein auf den 9. November 1832 datierter Brief an Wilhelm Speyer verdeutlicht: „Nun mögte er gerne ein recht brillantes Theater haben, er weiß aber die Mittel dazu nicht anzuschaffen. Schon dreimal wurde ich zu ihm gerufen, um ihm wegen des künftigen Bestandes des Theaters Vorschläge zu machen, aber immer fehlen die nötigen Summen.“ (Zit. nach Homburg 1964/65, 558)

Spohr-Büste

Hinzu kommt, dass der Kurfürst viele Künstler abzieht, was die Schließung des Hoftheaters zur Folge hat. Zwar wird es am 10. November 1833 wiedereröffnet, kommt jedoch erst 1847, nach dem Amtsantritt Friedrich Wilhelms I., wieder zu vollen Mitteln.

Spohrs liberale Gesinnung und seine offenkundige Befürwortung der Märzrevolution von 1848 sorgen immer wieder für Dispute zwischen ihm und seinem Regenten, dennoch bezieht Spohr – auch in seinen Werken – aufrichtig Stellung und vermerkt etwa im Werkverzeichnis über das in jenen Tagen komponierten Streichsextetts C-Dur, op. 140: „Geschrieben im März und April zur Zeit der glorreichen Volksrevolution zur Wiedererweckung der Freiheit, Einheit und Größe Deutschlands“. Seine Ansicht über die politischen Entwicklungen in Deutschland wird auch in einem Brief an den Organisten Johann Friedrich Schwenke deutlich: „Seit ich lebe, habe ich noch kein traurigeres Neujahrsfest verlebt. Nach dem herrlichen Aufschwung, den die deutsche Nazion im Jahre 48 genommen hatte, ist dieses Niedertreten alles Gesetzes und Rechts, wie wir es hier in Hessen erleben, völlig unerträglich. Grade am Neujahrsmorgen während der Kirche wurde den 600 pflicht- und eidgetreuen Staatsdienern und Richtern die Executionseinquartierung eingelegt.“ (Zit. nach Homburg 1964/65, 564) Die Konfliktlage verhärtet sich derart, dass der Regent 1861 den Musikern seiner Hofkapelle verbietet, Spohrs zweiten Todestages in einer Feier an seinem Grab zu gedenken.

Briefmarke der Deutschen Bundespost vom 08. Sept. 1959

Trotz des gespannten Verhältnisses zur lokalen Obrigkeit geht Spohrs Ruhm weit über Kassel hinaus; er ist einer der angesehensten Musiker seiner Zeit. Viele berühmte Kollegen besuchen ihn in Kassel und geben hier Konzerte. Franz Liszt gehört zu diesen Stars von damals, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Clara Schumann, Johannes Brahms und der „Teufelsgeiger“ Niccolò Paganini. Als Geigenlehrer begründet Spohr die so genannte „Kasseler Schule“; 145 Schüler tragen ihren Ruf in alle Welt - wie etwa Ureli Corelli Hill, der Gründer der New York Philharmonic Society. Auch Kassels Wagner-Tradition geht auf Spohr zurück, 1843 bringt er in Kassel den „Fliegenden Holländer“ heraus, nur fünf Monate nach der Dresdener Uraufführung. Und nicht zuletzt gelten seine Bemühungen um den Chorgesang als Meilensteine der Kassler Musikkultur. So gründet Spohr schon 1822 den Cäcilienverein, in dem er Adlige und Angehörige des höheren Bürgertums zum Chorgesang heranzieht. Doch Spohrs Bemühungen gehen über die reine Förderung der Musik hinaus. So geht es ihm bei den Konzerten der Hofkapellmitglieder nicht nur um eine vom Hofe unabhängige Musikpflege, sondern auch um soziale Verantwortung: Er sorgt dafür, dass Einnahme-Gewinne zur Bildung eines Fonds dienen, aus dem die damals noch unversorgten Witwen und Waisen verstorbener Orchestermitglieder Zuwendungen erhalten. Spohr geht bei seinen Bemühungen sogar ein eigenes Risiko ein, wie ein Brief an einen Bekannten über das Pensionsrecht für Hofmusiker dokumentiert. Da die Pension so niedrig ausfalle, schreibt Spohr, „habe ich jede weitere Pensionierung zu verhindern gewusst, indem ich die für die Oper Dienstunfähigen so lange bey den Schauspielmusiken, wenn auch oft nur scheinbar, mitwirken ließ, bis sie der Tod von der Pensionierung befreite.“ (Zit. nach Homburg 1964/65, 568) Trotz der häufigen Konflikte mit seinen fürstlichen Arbeitgebern und der Trauer über den frühen Tod seiner ersten Frau Dorette 1834 verlebt der gebürtige Braunschweiger in Kassel eine glückliche Zeit. Er wohnt in einem repräsentativen Haus vor dem Kölnischen Tor (heute Spohrstraße) und als er am 22. Oktober 1859 in Kassel stirbt, trauert die ganze Stadt um ihren großen Bürger.

Werk

Spohr-Denkmal mit Palais Waitz von Eschen, heute C&A

Louis Spohrs kompositorisches Œuvre ist ausgesprochen vielfältig, er hat mehr als 200 Werke hinterlassen. Robert Schumann lobt, dass Spohr „fast in allen musikalischen Formen gearbeitet vom Oratorium bis zum Lied, von der Sinfonie bis zum Rondo für ein Instrument, und diese Vielseitigkeit ist nicht das Geringste, was ihn uns verehrungswürdig macht.“ (Schumann 1914, 92) In dieser Würdigung sind wesentliche Gattungen jedoch noch gar nicht genannt. So schreibt Spohr 15 Violinkonzerte, vier Klarinettenkonzerte, zehn Opern, 36 Streichquartette, fünf Klaviertrios und darüber hinaus Duette für zwei Violinen, Streichquintette, Doppelquartette sowie Kammermusik für Violine und Harfe, die Spohr in Konzerten gemeinsam mit seiner Frau Dorette aufführt. Besonderer Beliebtheit erfreut sich bis heute Spohrs Nonett, das erste Werk in dieser ungewöhnlichen aus Streichern und Bläsern bestehenden Besetzung.

Spohrs Musik einer Epoche zuzuordnen, ist schwierig, er steht gleichsam zwischen der Formenwelt der Klassik und der Tonsprache der Romantik. Was aus der Sicht der Musikwissenschaft zu komplizierten Rubrizierungen führt und ihn oft zu einem Musiker des Biedermeier degradiert, wird zu seinen Lebzeiten anders gesehen: „Spohrs Werke“, schreibt Helmut Peters, „wurden zu der Zeit ihrer Entstehung als ausgesprochen modern und fortschrittlich empfunden. [...] Sein kompositorisches Œuvre sollte eine Fundgrube für Chopin oder Brahms werden, revolutionäre Neuerungen Wagners sind zum Teil schon vorgebildet und gerade im Bereich der Oper wies nicht zuletzt Spohr eine neue Richtung.“ (Peters 1987, 29) Spohrs musikalische Handschrift hat einen hohen Wiedererkennungswert, bereits Schumann sagt: „Spohr könnte alles ohne seinen Namen herausgeben, man würde ihn auf den Augenblick erkennen.“ (Schumann 1914, 92) Was jedoch oft als ein verweichlichter Stil dargestellt wird, nennt Peter Rummenhöller zu Recht eine Mischung aus „weltmännische[r] Eleganz und ausgeprägte[r] Sensibilität.“ (Rummenhöller 1989, 141). Ein zentrales Element seiner Kompositionen ist die Chromatik, die Spohrs harmonisches und melodisches Denken bestimmt.

Michael Fischer-Art: Louis Spohr (2006)

Außerdem sind es „enharmonische Verwechselungen, polyphone Mittelstimmen im musikalischen Satz, überraschende Übergänge von Moll- zu Durtonarten und umgekehrt, kühnes Modulieren, melodische Sprünge und auffällige Verwendung von Nonenakkorden“ (Becker 1987, 29), die die Fortschrittlichkeit Spohr'scher Musik ausmachen.

Während Spohrs Beliebtheit zu Lebzeiten – sowohl von den Musikerkollegen, die sein Werk geradezu panegyrisch besingen, als auch von einem Publikum, das sich gern eine Porzellan-Büste ins Wohnzimmer und ein Denkmal auf den Opernplatz stellt – kaum überschätzt werden kann, ist Spohr im momentanen kulturellen Bewusstsein eher von musikhistorischer Bedeutung, kaum findet man seine Musik auf den Spielplänen der Opern- und Konzerthäuser. Um an die einstige Prominenz zu erinnern, hat Spohrs Geburtsstadt Braunschweig 2006 die Aktion „Spohrwurm“ gestartet, bei der insgesamt 256 Komponisten – Laien und Profis – an einer Komposition von 3287 Takten mitgearbeitet haben. Dieses Projekt, das den Weg ins Buch der Rekorde versucht, wurde mittlerweile vom Musikverlag Doblinger in Wien übernommen und soll auch weitere Wirkungsstätten Spohrs – Gotha, Frankfurt, Dresden und natürlich Kassel – erreichen. Ein aktuelles Porträt Spohrs stammt von dem Leipziger Künstler Michael Fischer-Art, der 2006 für seine Aktion „999 Köpfe“ Spohr – wohl aus Versehen – zweimal gemalt hat, einmal als Louis und einmal als Ludwig.

Literatur

Spohrs Grabstein auf dem Kasseler Hauptfriedhof
  • Biehler, Leonie: Das Phantom am Opernplatz. Auf den Spuren von Louis Spohr. In: Kasseler Musikgeschichte. Hg. v. Andreas Wicke. Gudensberg 2004. S. 51-56.
  • Boder, Wolfram: Louis Spohr und die Musikpädagogik. Hg. v. Wolfram Boder. Spohr-Schriften Heft 1. Kassel 2006.
  • Boder, Wolfram: Die Kasseler Opern Louis Spohrs. Musikdramaturgie im sozialen Kontext. Textband und Notenband. Kassel 2007.
  • Heussner, Horst: Der Hofkapellmeister Ludwig Spohr: ein sozialgeschichtliches Porträt. In: Festschrift Hans Engel zum 70. Geburtstag. Kassel 1964. S. 134-154.
  • Homburg, Herfried: Louis Spohr. Bilder und Dokumente seiner Zeit. Kassel 1968.
  • Homburg, Herfried: Politische Äußerungen Louis Spohrs. Ein Beitrag zur Opposition Kasseler Künstler während der kurhessischen Verfassungskämpfe. In: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 75/76 (1964/65). S. 545-568.
  • Katow, Paul: Louis Spohr. Persönlichkeit und Werk. Luxembourg 1983.
  • Louis Spohr. Avantgardist des Musiklebens seiner Zeit. Kassel 1979.
  • Louis Spohr. Festschrift und Ausstellungskatalog zum 200. Geburtstag. Hg. v. Hartmut Becker und Rainer Krempien. Kassel 1984.
  • Peters, Helmut: Der Komponist, Geiger, Dirigent und Pädagoge Louis Spohr (1784-1859). Braunschweig 1987.
  • Rummenhöller, Peter: Louis Spohr – Ruhm und Vergessenheit eines Komponisten zwischen Romantik und Biedermeier. In: ders.: Romantik in der Musik. Kassel 1989. S. 140-148.
  • Schumann, Robert: Gesammelte Schriften über Musik und Musiker. 5. Aufl. Hg. v. Martin Kreisig. 2 Bd. Leipzig 1914.
  • Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. Hg. v. Folker Göthel. 2 Bd. Tutzing 1968.
  • Spohr-Denkmal. In: Allgemeine Musikalische Zeitung vom 22. April 1874. Sp. 253.
  • Theater in Kassel. Aus der Geschichte des Staatstheaters Kassel von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hg. v. Christiane Engelbrecht u.a. Kassel 1959.

siehe auch

Spohr-Denkmal, alte Postkarte

Weblinks