Lilli Jahn

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Dr. Lilli Jahn geb. Schlüchterer (* 5. März 1900 in Köln), Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie, studierte Medizin und heiratete 1926 den jungen Arzt Ernst Jahn, mit dem sie in Immenhausen im Landkreis Kassel eine gemeinsame Hausarztpraxis eröffnet. Sie kam als Opfer des Nationalsozialismus am 17. oder 19. Juni 1944 im KZ Auschwitz zu Tode.

Leben und Erinnerung

Lilli Jahn lebte als deutsch-jüdische Ärztin mit ihrer Familie von 1926 bis 1943 in Immenhausen. Mit ihrem evangelischen Ehemann hatte sie fünf Kinder - darunter der spätere Bundesjustizminister Gerhard Jahn - die evangelisch getauft wurden.

Mit den Folgen von Hitlers "Machtergreifung" wurden die Jahns erstmals Ende März 1933 konfrontiert. SA-Leute verhaften in Immenhausen Sozialdemokraten und Kommunisten. Die übel zugerichteten Leute werden am nächsten Tag in der Praxis von Ernst Jahn medizinisch versorgt. Aber auch der eben noch geachteten Arztfamilie geht man zunehmend aus dem Wege.

Im Juli 1943 wurde Lilli Jahn letztlich auf Betreiben des stellvertretenden Ortsgruppenleiters der NSDAP und Bürgermeisters aus Immenhausen vertrieben. Nach der Scheidung - ihr Ehemann heiratete eine jüngere Kollegin - lebte Lilli Jahn vorübergehend mit ihren fünf Kindern in einer Etagenwohnung in Kassel, musste später Zwangsarbeit im Lager Breitenau leisten und wurde über Dresden nach Ausschwitz deportiert. Im September 1944 erhielten die Kinder in Immenhausen die Nachricht vom Tod ihrer Mutter.

An das Schicksal der im Zweiten Weltkrieg verfolgten Ärztin Lilli Jahn erinnert das von ihrem Enkel Martin Doerry editierte und kommentierte Buch über ihr Leben mit zahlreichen Briefen der Verfolgten. Nach dem Tod des ältesten Sohns, Gerhard Jahn im Jahre 1998, fanden dessen Erben Kartons mit Briefen, die in Verbindung mit kommentierenden und ergänzenden Textpassagen im Jahre 2002 als vielbeachtete Lebenszeugnisse unter dem Titel „Mein verwundetes Herz“ erschienen und inzwischen auch in andere Sprachen übersetzt worden sind.

Zum Gedenken an Lilli Jahn pflanzte Sohn Gerhard Jahn bereits im Jahre 1962 zwei Bäume zu Ehren seiner Mutter in Yad Vashem in Jerusalem. Ihre Großcousine und enge Freundin Lotte Paepcke überlebte die Nazizeit, wurde Schriftstellerin und erinnerte an sie im Jahre 1952 in ihrer Autobiografie „Unter einem fremden Stern“.

In der Gedenkstätte Breitenau erinnert seit 1992 eine Vitrine mit Briefen und weiteren Erinnerungsstücken an Lilli Jahn.

In Immenhausen wurden 1995 eine Straße und 1999 die örtliche „Grundschule“ nach ihr benannt. Eine Gedenktafel am Haus Lindenstr. 11 in Immenhausen erinnert ebenfalls an die jüdische Ärztin sowie ein Stolperstein vor dem Haus.

In Kassel trägt seit 2014 der Platz vor der Adventskirche den Namen der jüdischen Ärztin. 1943 verhaftete die Gestapo Lilli Jahn, weil sie auf dem Klingelschild ihren für Juden verbotenen Doktortitel führte. Ihr Platz ist Kassels der einzige Straßenname mit Doktortitel. Lilli Jahn starb 1944 in Auschwitz.

Im Stadtmuseum Hofgeismar wird an 453 jüdische Opfer der Nazi-Zeit erinnert, die aus den Städten und Gemeinden der früheren Landkreise Hofgeismar, Kassel und Wolfhagen stammen.

Literatur

siehe auch

Weblinks