Lesen, Schreiben, Sex - Die Homberger Theodor Heuss - Schule im Jahre 1968

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Lesen, Schreiben, Sex

1968: Die Homberger THS stand als „Pornoschule“ bundesweit im Rampenlicht Homberg. Um ein Haar wäre die THS 1968 in John-Lennon-Schule umbenannt worden. Wenn die Schüler ihren Willen bekommen hätten, wäre nicht ein Bundespräsident, sondern ein Beatle Namensgeber des Gymnasiums geworden.

Vor 40 Jahren ging es an der THS hoch her. Die Schule sollte zur Gegenschule werden, auf dem Stundenplan sollte vor allem eines stehen: Sex. Die Forderung von Dieter Bott und Hans-Peter Bernhardt, zwei ehemaligen THS-Schülern und damaligen Frankfurter Soziologiestudenten, stieß bei den Schülern auf offene Ohren. Die Euphorie der 68er-Bewegung schwappte in einer großen Welle von Berlin direkt nach Homberg. Die Schüler der THS sorgten mit ihren Aktionen dafür, dass sich die Reporter der Bild-Zeitung und des Magazins „Der Spiegel“ gegenseitig auf die Füße traten. Sie alle berichteten über die erste bundesweite Gegenschule, die statt Mathe und Chemie Sex unterrichten wollte.

Zehn Monate Ferien im Jahr

Außerdem rief die Gegenschule zur „Revolution gegen das spießbürgerliche Kleinstadt-Establishment“ aus. Bott und Bernhardt waren beide Mitglieder des Sozialistischen Studentenbundes (SDS). Beide studierten bei Theodor W. Adorno, einer der Ikonen der 68er-Bewegung. Ihr Ziel: Die Gegenschule war als Gegenpol zur traditionellen Schule gedacht. Denn die, so Bott, erfülle ihre Funktion als „Komplize und Handlanger einer autoritären und faschistischen Gesellschaft“.

Überhaupt sollte es an der Gegenschule locker zugehen. So stand in der Schülerzeitung: „Regelmäßiges Erscheinen ist keine Pflicht: Die Veranstalter empfehlen, sich lieber mit der Freundin oder dem Freund zu beschäftigen.“ Weiterhin sollte die Schulzeit nach einem Flugblatt auf zwei Monate im Jahr verkürzt werden, die restlichen zehn Monate waren für die Ferien reserviert. Schulleiter Dr. Horst Clement sprach von „einem gefährlichen Experiment“. Der damalige Bürgermeister Horst Gunkel sagte: „Ich kann die Gegenschule nicht verhindern, aber wir werden ein wachsames Auge haben“. Dazu passt auch die Position der Polizei: „Solange nichts Unzüchtiges passiert, können wir nicht einschreiten.“

Doch Gründe zum Einschreiten gab es schon bald, denn die Gegenschule entwickelte noch ganz andere Aktivitäten: Am ersten Tag nach den Osterferien waren die Wände mit obszönen Sprüchen beschrieben. Am Haupteingang stand der Name John Lennon. Die Polizei nahm die Ermittlungen auf.

Nun war das Maß voll. Bott und Bernhardt, die sich selbst für die größten Schmierfinken aller Zeiten hielten, erhielten vom Regierungspräsidenten in Kassel Hausverbot an der THS. Das Kultusministerium erstattete Strafantrag. Ein Treysaer Gericht verurteilte Bott zu drei Monaten Gefängnis auf Bewährung, Bernhardts Strafe von eineinhalb Jahren wurde ausgesetzt.

von Thomas Schattner

Unterricht am Schlossberg

Erstmals trafen sich selbst ernannte "Lehrer" und Schüler am 16. Februar 1968 im Nebenzimmer der Gastwirtschaft Jütte. Danach traf man sich dort immer zweimal in der Woche.

Später fand der Unterricht mit 20 bis 40 Schülern auf dem Schlossberg statt. Dabei herrschte wohl einerseits bei einigen Teilnehmern große Unsicherheit, bei anderen große Wissbegierde. Aber auch Schüler von anderen Schulen nahmen an dem „neuen“ Unterricht teil.

So sagte eine 16 Jahre alte Mittelschülerin aus Raboldshausen: „Ich bin zwar aufgeklärt, aber ich weiß noch nicht genug.“ (red)

Der Lehrplan

Der Lehrplan der Homberger Gegenschule forderte folgende Veränderungen im Lehr- und Stundenplan:

• Liebe soll in der Schule nicht mehr wie ein unkeuscher biologischer Vorgang, sondern als Akt der Freude dargestellt werden. • Vollkommene Aufklärung schon für Vierjährige. • Offene Aussprachen mit den Lehrern über Sexualthemen und über Liebestechniken. • Liebeszimmer für Schüler, denn 17-Jährige wollen nicht immer in dunklen Ecken knutschen. • Verhütungsmittel auch für Schüler. Der Stundenplan sah vor: • Sexuelle Abirrungen • Sexuelle Aufklärung der Kinder • Sexualkriminalität und Erziehung • Sittlichkeitsdelikte aus der Sicht der Polizei • Die sexuelle Revolution • Infantile Sexualtheorien.

Pressestimmen

„ Eines schönen Morgens diente das Bundespräsident-Theodor-Heuss-Gymnasium selber als Werbeträger: In großen Lettern waren auf seinen Mauern Parolen zu lesen wie: „Ab heute John-Lennon-Schule“, „Vögeln ist schön“ und „Love“. Die Treppenstufen des Hintereingangs waren mit Slogans [...] „Alle Lehrer sind Papiertiger“ und „All you need is love“ bemalt. Die Turnhalle ward zum „Free Love Center“ erklärt. Motto: „Vögeln statt turnen.“ Frankfurter Rundschau „ Bisher gab es in dem nordhessischen Städtchen Homberg an der Efze 7100 Einwohner, 115 Rinder und 4511 Hühner - jetzt gibt es dort auch zwei schwarze Schafe: Zwischen den Fachwerkgiebeln biederer Bürgerhäuser provozieren die beiden Soziologie-Studenten Dieter Bott (24) und Hans-Peter Bernhardt (19) die Lehrer und Eltern ihrer Heimatstadt mit ihrem Gegenschulunterricht , in dem es keine „Sechs“, dafür aber umso mehr „Sex“ gibt.“ Bild-Zeitung „Homberg: Pornoeinbruch in die Schule.“ Der Spiegel


siehe auch

Weblinks