Landgraf als Herr des Karussells

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Andreas Siekmann lässt zur documenta 12 ein rotierendes Kunstwerk erbauen - Politische Anspielungen

KASSEL. Immer wieder erweist sich die Kasseler documenta als ein Ausnahmeereignis. Sie lässt Projekte möglich werden, die andernorts nicht gestattet werden.

Ein gutes Beispiel dafür liefert der in Berlin lebende Künstler Andreas Siekmann (Jahrgang 1961), der vor fünf Jahren mit seinen grell bunten Bildern zur Jeans und zur Arbeitswelt in der Documenta 11 zu Gast war. Siekmann hatte 2002 die Idee zum Bau eines altmodischen Karussells für Brüssel entwickelt, das er um das Denkmal für Heinrich von Bouillon herumfahren ließ. In das Karussell konnte allerdings niemand einsteigen. Mitfahren dürfen allein Bilder und Figuren, die Siekmann in Anspielung auf gesellschaftliche Konflikte und politische Ereignisse gestaltet hat. In der Arbeit unter dem Titel "Die Exklusive - Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten" geht es um Ausgrenzung und Globalisierung.

Polizisten sind zu sehen, die Demonstranten bei einem G8-Gipfel abwehren, eine flüchtende Frau, die einen Pass erwischen will, Weltbank-Präsident Paul Wolfowitz und sein Vorgänger James Wolfensohn und Arbeiterinnen aus Niedriglohn-Fabriken. Es geht um die Konfrontation von Kapital und Macht auf der einen Seite und der Rechtlosen auf der anderen. Das lustig scheinende Karussell entpuppt sich als ein spielerisch verpackter Frontalangriff auf die Verhältnisse. Eben dieser harte Kern war den sächsischen Behörden zu suspekt. Als Siekmann das Karussell in Dresden rund um das Denkmal August des Starken realisieren wollte (die Finanzierung war gesichert), verweigerten die Behörden die Genehmigung. Begründung: Die Autorität des Fürsten würde dadurch angezweifelt.

Zur documenta gab es diese Bedenken nicht, obwohl Siekmann sich hier ebenfalls als Mittelpunkt und Krönung des Karussells ein Herrscher-Denkmal (Landgraf Friedrich II.) auf dem Friedrichsplatz ausgesucht hat. Das Denkmal scheint für diesen Standort wie gemacht zu sein. Und eben als Herrscherfigur steht Friedrich II. für die Staatsmacht und Autorität. Auch gehört zur Geschichte des aufgeklärten Fürsten, dem wir das Museum Fridericianum zu verdanken haben, die Tatsache, dass er Soldaten für den Krieg der Engländer in Amerika verkaufte.

Andreas Siekmann hat das Karussell mit beweglichen und festen lebensgroßen Figuren, deren Bilder doppelseitig auf ausgeschnittene Holzplatten geklebt sind, ausgestattet. Dazu kommen noch 41 sechseckige Bilder mit illustrativen Szenen. Für die Aufstellung in Kassel sind neue Bilder und Figuren, darunter der Landgraf, dabei.

HNA 10.5.2007