Landgraf

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Landgraf ist ein Fürstentitel des Heiligen Römischen Reiches.

Landgrafen (comes regionis, comes provincialis) sind zunächst königliche bzw. kaiserliche Amtsträger, die ein Herrschaftsgebiet unmittelbar vom König bzw. Kaiser zum Lehen hatten. Da diese Gewalt dem Landgraf direkt vom König bzw. Kaiser als Reichslehen übertragen wird, zählen die Landgrafen spätestens ab dem Spätmittelalter zu den Reichsfürsten. Der Titel Reichsfürst zeigt nach außen deutlich, dass der Fürst, der ihn führte, sich lediglich dem König bzw. Kaiser gegenüber in der Pflicht sieht. Dies soll den Fürsten davor schützen, sich einem anderen mächtigen Fürsten unterwerfen zu müssen. Damit sind die Landgrafen den Herzögen, Bischöfen und Mark- sowie Pfalzgrafen gleichgestellt, die sonst zwingend die Belehnung mit königlichen bzw. kaiserlichen Gütern vermitteln.

Den Landgrafen obliegt die Durchsetzung der königlichen bzw. kaiserlichen Gewalt in ihrem Herrschaftsgebiet. Dies bedeutet, dass der Landgraf nicht zwingend die Herrschaft über den Grundbesitz seines Territoriums inne haben musste, sondern ihm lediglich die hoheitliche Gewalt (staatliche oder öffentliche Gewalt) innerhalb seines Territoriums zusteht. Die meisten Landgrafschaften wurden zur Abschwächung des Machteinflusses eines Herzoges errichtet.

Geschichte

Landgrafen tauchen erstmals im 12. Jahrhundert auf. Die erste Erwähnung erfolgt 1130 als König Lothar III. den Grafen Ludwig zum Landgraf von Thüringen ernennt, womit gleichzeitig Thüringen aus dem Herzogtum Sachsen herausgelöst wird und eine selbständige territoriale Einheit bildet. Die Landgrafschaft war nicht Eigentum des Landgrafen, sondern der König überließ sie ihm als Reichslehen. Weitere Landgrafen werden ebenfalls unter König Lothar III. 1135 im Sundgau und 1138 im elsässischen Nordgau ernannt. Der König will hier die Stellung des habsburger Geschlechtes stärken, indem er diese durch die Erhebung zum Landgrafen von den schwäbischen Herzögen unabhängig macht. Im Jahr 1169 tritt am Bodensee die staufische Landgrafschaft Heiligenberg auf.

Die Landgrafen sollten die königliche bzw. kaiserliche Macht im Heiligen Römischen Reich ausweiten und die Macht der Herzöge zurückdrängen. Da aber mit dem Ende der Staufer auch die Reichsgewalt erheblich geschwächt wird, bilden sich die Landgrafschaften allmählich zu selbständigen Territorien aus, so dass die Ziele, die ihrer Errichtung zu Grunde lagen, nicht erreicht werden konnten. Die Landgrafschaften bleiben auf wenige Territorien beschränkt. Die Landgrafschaft Hessen hatte den längsten Bestand, außer den genannten gab es noch Landgrafschaften im Aargau, Albgau, Breisgau, Linzgau und Thurgau. Die Landgrafschaften Baar, Leuchtenberg, Nellenburg und Stühlingen waren nur Titular-Grafschaften.

Landgrafschaft Hessen

Als Landgrafschaft Hessen wird das Fürstentum des Heiligen Römischen Reiches bezeichnet, dessen Kerngebiete im Norden und in der Mitte des heutigen Bundeslandes Hessen lagen. Residenzen waren zunächst Marburg und Kassel, später verlegten die Landgrafen sie jedoch gänzlich nach Kassel.

Nach dem Tod von Landgraf Philipp I. wird die Landgrafschaft Hessen nach den Erbregeln des Hauses Hessen aufgeteilt.

Landgraf Wilhelm IV. (1532 bis 1592), der älteste Sohn Philipps, erhält mit Niederhessen etwa die Hälfte des Landesterritoriums einschließlich der Residenz Kassel. Wilhelm IV. ist damit der erste Landgraf von Hessen-Kassel. Die Linie Hessen-Kassel teilt sich später in weitere Linien auf. Die Hauptlinie stellt ab 1803 die hessischen Kurfürsten.

Landgraf Ludwig IV. (1537 bis 1604), der zweitgeborene Sohn, erhält mit Oberhessen etwa ein Viertel der Landgrafschaft Hessen. Residenz wird Marburg, wonach auch die Landgrafschaft sodann Hessen-Marburg genannt wird. Ludwig IV. bleibt der einzig Landgraf von Hessen-Marburg, da er kinderlos verstirbt und sein Land auf die verbliebenen Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt im Erbgang aufgeteilt wird.

Landgraf Philipp II. (1541 bis 1583), der dritte Sohn, erhält mit der Niedergrafschaft Katzenelnbogen, dem Gebiet um St. Goar sowie Reichenberg, Hohenstein und Braubach etwa ein Viertel der Landgrafschaft Hessen. Nach dem bei St. Goar gelegenen Schloss nennt sich Philipp II. Landgraf von Hessen-Rheinfels. Philipp stirbt kinderlos und sein Territorium fällt im Erbgang an die Landgrafschaften Hessen-Kassel, Hessen-Marburg und Hessen-Darmstadt

Landgraf Georg I. (1547 bis 1596), der jüngste Sohn Philipps, erhält mit der Obergrafschaft Katzenelnbogen ebenfalls etwa ein Viertel der Landgrafschaft Hessen. Nach seiner Residenz Darmstadt nennt sich Georg I. Landgraf von Hessen-Darmstadt. Die Linie Hessen-Darmstadt unterteilt sich im Laufe der Jahrhunderte in weitere Linien. Die Hauptlinie stellt ab 1806 die Großherzöge von Hessen.

Durch diese Erbteilung wird die Position der zuvor bedeutenden Landgrafschaft Hessen erheblich geschwächt. Den hessischen Teilfürstentümern gelingt es nicht mehr im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation eine so herausragende Rolle zu spielen, wie es unter Landgraf Philipp I. der Fall gewesen ist.

Die hessischen Landgrafschaften

Landgraf Philipp I. - Relief am ehemaligen Kloster Merxhausen

Die hessischen Landgrafschaften im Einzelnen (Auflistung nicht abschließend):

  • Landgrafschaft Hessen-Rheinfels



Landgrafen von Hessen (bis 1568)

Heinrich I. | Johann I. | Otto I. | Heinrich II. | Hermann II. | Ludwig I. | Ludwig II. | Wilhelm I. | Wilhelm II. | Philipp I.

Landgrafen von Hessen-Kassel (ab 1568)

Wilhelm IV. | Moritz | Wilhelm V. | Wilhelm VI. | Wilhelm VII. | Karl | Friedrich I. | Wilhelm VIII. | Friedrich II. | Wilhelm IX.

Kurfürsten von Hessen (ab 1803)

Wilhelm I. | Wilhelm II. | Friedrich Wilhelm I.