Kurfürstentum Hessen

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Das Kurfürstentum Hessen (im wahrsten Sinne des Wortes) bestand lediglich drei Jahre, von 1803 bis 1806. Dass das Kurfürstentum Hessen auch nach dem Zerfall der napoleonischen Weltordnung, die von 1807 bis 1813 besonderen Einfluss auf Kassel hatte, von 1813 bis 1866 weiter als solches bezeichnet wurde, lag u.a. an der Eitelkeit der Kasseler Landesfürsten und hatte keine praktische Bedeutung.


Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Im Park von Schloss Beberbeck - Gedenkstein aus 1828

Ursprünglich gehörte ein Kurfürst (lat.: princeps elector imperii oder elector) zu der begrenzten Zahl jener sieben Reichsfürsten (später neun) des "Heiligen Römischen Reichs" (962 bis 1806, ab dem 15. Jahrhundert mit dem Zusatz "Deutscher Nation", die das Kollegium bildeten welches den Römischen König wählte (mittelhochdeutsch = kur oder kure, vgl. neuhochdeutsch küren), der anschließend vom Papst zum Deutschen Kaisers gekrönt wurde.

Nachdem Frankreich während der Napoleonischen Kriege das gesamte linke Rheinufer und damit weite Gebiete der vier rheinischen Kurfürsten annektiert hatte, wurde im Reichsdeputationshauptschluss die Entschädigung der weltlichen Fürsten festgesetzt, die im Rahmen der Revolutionskriege Besitz verloren hatten. Der Reichsdeputationshauptschluss war ein Beschluss der letzten Sitzung des Immerwährenden Reichstags am 25. Februar 1803 in Regensburg. Ihm lag ein im Juni 1802 zwischen Frankreich und Österreich vereinbarter Entschädigungsplan zugrunde, der auf dem Friedensvertrag von Lunéville fußte. Der Hauptschluss war das letzte große Gesetz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, es hob die beiden geistlichen Kuren von Köln und Trier sowie die pfälzische Kur auf und übertrug die Mainzer Kurwürde auf das neu geschaffene Fürstentum Regensburg-Aschaffenburg. Vier Reichsfürsten erhielten dagegen die Kurwürde neu. Dies waren der Erzbischof von Salzburg, der Herzog von Württemberg, der Markgraf von Baden sowie der Landgraf von Hessen-Kassel.

Lediglich drei Jahre, von 1803 bis 1806 gehörten die Landgrafen von Hessen-Kassel also mit dazu. Doch wie man es auch dreht und wendet, zum wahren Kurfürsten bzw. Elector des Königs wurde keiner der drei Kasseler Kurfürsten, da das Heilige Römische Reich Deutscher Nation 1806 aufhörte zu bestehen, als Kaiser Franz II. seine Krone niederlegte. In der Zwischenzeit war kein neuer König mehr zu wählen.

Obwohl die Kurwürde also ihre Bedeutung verloren hatte, behielten die Kasseler Fürsten auch nach der Auflösung des Königreichs Westphalen und dem Zerfall der napoleonischen Weltordnung, die von 1807 bis 1813 besonderen Einfluss auf Kassel hatte, ab dem Jahre 1813 die Bezeichnung Kurfürstentum bei.

Das Kurfürstentum Hessen gehörte ab 1815 dem neu geschaffenen Deutschen Bund an. Zum Gesamtstaat Kurhessen gehörten neben der ehemaligen Landgrafschaft Hessen-Kassel, das Großherzogtum Fulda, hervorgegangen aus dem Fürstbistum Fulda, die Fürstentümer Fritzlar, Hersfeld, Hanau sowie mehrere Exklaven wie beispielsweise die Grafschaft Schaumburg (um Rinteln) an der Weser und die Herrschaft Schmalkalden im heutigen Thüringen.

Zum Teil heftige Auseinandersetzungen mit dem wirtschaftlich erstarkenden Bürgertum fielen bereits in die Regierungszeit von Kurfürst Wilhelm I., vor allem aber der beiden Nachfolger, Kurfürst Wilhelm II. und Kurfürst Friedrich Wilhelm I..

Differenzen mit dem Kurfürsten zogen sich auch durch die Amtsjahre des ersten Kasseler Bürgermeisters Carl Schomburg. Vorangetrieben von Ludwig Hassenpflug, dem eifrigen Berater des Hofes versuchte der Kurfürst etwa die Kosten der Soldaten auf die Stadt abzuwälzen. Fürst, Hof und Regierung mussten letztlich einsehen, dass die Stadt ein nicht mehr zu ignorierender Faktor war. Carl Schomburgs Auffassung von Bürgerrecht und -freiheit fanden in dieser Zeit viel Zuspruch in der Bevölkerung.

Das 1836 errichtete Ständehaus in Kassel
(LWV Hessen-Archivbild)

Im Jahre 1830 brach in Frankreich die Juli-Revolution aus, die sich durch ganz Europa zog und die auch in Kassel ihre Spuren hinterliess. Die äußeren und inneren Umstände dieser Umwälzung führten zur bekannten Überreichung der Petition an den Kurfürsten am 15. September 1830 durch Carl Schomburg, Kassels erstem Bürgermeister, an der Spitze der Bürgerdelegation. Sie führten dann in der Folgezeit zur demokratischen Kurhessischen Verfassung von 1831.

Begünstigt wurde der fast revolutionäre Akt der Kurhessischen Verfassung auch durch die Schwäche des damaligen Kurfürsten. Die wirtschaftliche Krise und soziale Not im Lande hatten für Unruhe gesorgt. Außerdem hatten schon die französischen Besatzer zur Zeit des Königreichs Westphalen revolutionär-liberale Gedanken mit nach Hessen gebracht. So kam es 1830 dazu, dass eine gewählte Abordnung der Bürgerschaft unter Carl Schomburg dem Kurfürsten eine Petition überreichte, in der die Einberufung der Stände und die Erarbeitung einer Verfassung gefordert wurden.

In dem Abschnitt der Verfassung, in dem von den „allgemeinen Rechten und Pflichten der Unterthanen” die Rede ist, wurden Freiheitsrechte verbrieft, die mit einigen heutigen Grundrechten vergleichbar sind: gleiche Rechte für alle, Freiheit der Berufswahl, Glaubens- und Gewissensfreiheit und Freiheit der Person und des Eigentums.

Aber diese Errungenschaft hatte nicht automatisch ein liberales Hessen zur Folge. Zu stark waren die Kräfte, die diese Bestimmungen als für den Staat gefährlich empfanden. Außerdem machte sich schnell bemerkbar, dass ab 1831 der Sohn des Kurfürsten (Friedrich Wilhelm I.), der die Verfassung ablehnte, Mitregent geworden war.

Friedrich Wilhelm I.

Friedrich Wilhelm I. ging offensiv gegen die Verfassung von 1831 vor und berief Ludwig Hassenpflug zum leitenden Minister, den er aus früheren Jahren aus dem Schönfelder Kreis seiner Mutter, Kurfürstin Auguste kannte; dieser nannte die Verfassung "in politischer Beziehung ein Werk der Revolution und in religiöser ein Werk des Teufels, dessen weiterer Entwicklung man überall entgegentreten müsse".

Es folgten heftige politische Auseinandersetzungen mit den mehrheitlich liberal gesinnten Ständen im Land.

Die Märzrevolution in Hessen im Jahre 1848 endete damit, dass Bürgerdeputationen aus dem ganzen Land dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. ihre Forderungen überbrachten. Etwa fünfzig Reformgesetze wurden bis zum Herbst 1848 im Kurfürstentum verabschiedet. Es war die Zeit, als zwischen Juni und September 1848 die "Grundrechte des deutschen Volkes" in der Nationalversammlung der Frankfurter Paulskirche leidenschaftlich diskutiert wurden.

Letztlich wurden auch die Errungenschaften der Märzrevolution in Kurhessen, ebenso wie in anderen deutschen Staaten, in den Folgejahren weitgehend rückgängig gemacht. Zwar hatte die Revolution von 1848 noch einmal die liberalen Kräfte gestärkt, doch ab 1850 setzte sich die Restauration durch und bereits im Jahre 1852 wurde die Verfassung außer Kraft gesetzt.

Nach der Revolution von 1848 kam es im Herbst 1850 zur offenen Auflehnung in Kurhessen. Als die Ständeversammlung der Regierung sogar die Steuern verweigerte, löste Friedrich Wilhelm I. die Ständeversammlung am 12. Juni 1850 auf und verhängte den Kriegszustand über sein Land.

Nachdem fast alle Offiziere daraufhin den Dienst quittierten, bat er den Bundestag in Frankfurt (das oberste Organ des Deutschen Bundes) um Hilfe und floh. Denn die kurhessischen Offiziere hatten ihren Eid nicht nur auf den Kurfürsten, sondern auch auf die Verfassung geleistet. Etwa 80 Prozent der Offiziere reichten zwischen dem 9. und 12. Oktober 1850 ihre Entlassungsgesuche ein und machten damit das kurhessische Militär handlungsunfähig.

Österreich entsandte im Auftrag des Deutschen Bundes bayerische Truppen, die sogenannten Strafbayern, nach Kurhessen, danach marschierten auch preussische Truppen ein, was die Rückkehr von Kurfürst Friedrich Wilhelm I. sicherte.

Der kurhessische Staat erlosch im Jahre 1866, nachdem er von Preußen in Folge des "Deutschen Kriegs" (auch: preußisch-deutscher Krieg), in dem Kurhessen auf der Seite von Österreich gestanden hatte, annektiert worden war.

Der Krieg endete mit einem Sieg Preußens und seiner Verbündeten über den Deutschen Bund, der unter der Führung der Präsidialmacht Österreich stand. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst und Preußen übernahm die politische Vormachtstellung.

Ausgerechnet der Vetter des letzten hessischen Kurfürsten, König Wilhelm von Preußen, unterzeichnete das Gesetz über die Vereinigung Kurhessens mit Preußen vom 20. September 1866. Mit dem ebenfalls annektierten Herzogtum Nassau und der durch preußische Truppen besetzten ehemals Freien Reichsstadt Frankfurt am Main wurde Kurhessen zur preußischen Provinz Hessen-Nassau vereinigt. Fortan gehörten das ehemalige Kurfürstentum Hessen mit der Residenzstadt Cassel zu Preußen.

Die Kasseler Kurfürsten

Bedeutende Bauwerke

Kassel - Schloss Wilhelmshöhe
Schlösschen Schönburg in Hofgeismar - Sommer-Wohnsitz des Landgrafen Wilhelm IX. (ab 1803: Kurfürst Wilhelm I.)

Schloss Wilhelmshöhe in Kassel

Unter Landgraf Wilhelm IX. (später Kurfürst Wilhelm I.) entstand Schloss Wilhelmshöhe in den Jahren 1786 bis 1798 wobei nach Entwürfen des Architekten Simon Louis du Ry der Weißensteinflügel des heutigen Schlosses und nach den Entwürfen von Heinrich Christoph Jussow der Mittelteil und der Kirchflügel errichtet worden sind.

Schlösschen Schönburg in Hofgeismar

Ebenfalls nach den Plänen von Simon Louis du Ry entstand Schlösschen Schönburg in den Jahren 1787 - 1789, ein Wohnsitz des Kurfürsten in den Sommermonaten am Hofgeismarer Gesundbrunnen in Hofgeismar.

Residenzgebäude in Kassel

Nach der Regierungsübernahme Wilhelms II. im Jahre 1821 wurde der von seinem Vater begonnene Neubau eines großen Residenzschlosses, der Chattenburg eingestellt und statt dessen das kurprinzliche Palais nach den Plänen von Johann Conrad Bromeis um weitere Repräsentationsräume erweitert: die ehemalige landgräfliche Stadtresidenz in Kassel.

Residenzpalais mit Blick über die Nordseite des Friedrichsplatzes

Das Residenzpalais war ab 1814 schrittweise durch die Erweiterung eines älteren Adelspalais (links im Bild) entstanden.

Da das alte Stadtschloss an der Fulda 1811 abgebrannt war, musste die kurfürstliche Familie nach ihrer Rückkehr 1813 auf verschiedene Provisorien zurückgreifen. Deshalb überließen die Landstände das Haus 1814 dem Kurprinzen Wilhelm, der erste Um- und Anbauten in Auftrag gab und es nach seinem Regierungsantritt 1821 zum „Residenzpalais“ erweiterte. Den großen, von seinem Vater begonnenen Schlossneubau an der Stelle des abgebrannten Stammsitzes ließ Wilhelm als Bauruine liegen; dieser „Chattenburg“ genannte Palast wäre viermal so groß wie das alte Schloss geworden. Das neue Residenzpalais, zwischen den Bürgerhäusern der Oberneustadt gelegen, nahm sich dagegen geradezu bescheiden aus.

Das ältere „Weiße Palais“ enthielt die privaten Wohn- und Arbeitsräume sowie einzelne Audienzräume; Höhepunkt war ein 1816-21 angebauter, über 9 m hoher Tanzsaal. Das angrenzende, 1821 begonnene „Rote Palais“ mit Fassaden aus rotem und gelblichem Sandstein nahm die prächtigen staatlichen Empfangs- und Festsäle auf. Bemerkenswert waren die Parkettböden im Tanzsaal und im Roten Palais sowie die großen Bergkristall-Leuchter im Tanzsaal, deren größter fast 3 m im Durchmesser aufwies.

Ständehaus in Kassel

Das Ständehaus in Kassel - LWV Hessen-Archivbild

Bereits 1831 rang Hessens Bürgerschaft dem Kurfürsten Wilhelm II. eine für die damalige Zeit außerordentlich liberale und fortschrittliche Kurhessische Verfassung ab. Eine weitere Forderung der demokratischen Bewegung, die mit dem Namen des ersten Kasseler Oberbürgermeister Karl Schomburg verbunden ist, war die nach einem eigenen Parlamentsgebäude. Auch diesem mit Nachdruck vorgebrachten Wunsch konnte sich der Monarch nicht verschließen.

1836 wurde das Ständehaus in Kassel als erstes hessisches Parlamentsgebäude errichtet, die Abgeordneten des Kurhessischen Landtages nahmen das auch in seiner architektonischen Gestaltung bewusst als Palais für die Bürger errichtete Gebäude voller Enthusiasmus in Besitz.

Die Annexion des Kurfürstentums Hessen durch Preußen im Jahre 1866 wandelte dann auch die Rolle und Aufgabe des dort tätigen Parlaments. Fortan tagten Kommunal- und Provinziallandtage im Ständehaus.

Friedrich-Wilhelms-Nordbahn

Die Friedrich-Wilhelms-Nordbahn war die erste kurhessische Eisenbahnlinie. Sie führte von Kassel über Bebra bis kurz vor Gerstungen mit Anschluss an die Thüringische Eisenbahn. Nach Norden führte die Eisenbahnlinie von Kassel über Hümme bis zum Anschluss an die königlich-westfälische Eisenbahn bei Warburg.

In ihrer Gesamtheit entstand die „Friedrich-Wilhelms Nordbahn“ ab 1844. An der Finanzierung waren u. a. die Bankhäuser Gebr. Bethmann in Frankfurt am Main und Bernus du Fay in Hanau beteiligt. Ziel war die Kombination mehrerer Streckenprojekte, wobei das wichtigste Projekt die Verbindung von Berlin nach Kassel (durch Thüringen) und weiter zur westfälischen Grenze bei Haueda in Richtung Warburg war.

Der erste im Kurfürstentum Hessen eröffnete Abschnitt der Eisenbahnlinie war die Strecke GrebensteinHümmeKarlshafen am 30. März 1848. Von Hümme verlief eine Teilstrecke, die Carlsbahn bis nach Karlshafen, wobei der Streckenverlauf der Carlsbahn fast genau dem Verlauf des ehemaligen Landgraf-Carl-Kanals folgte.

Kurfürstengrab auf dem Altstädter Friedhof

Im Kurfürstengrab auf dem Kasseler Altstädter Friedhof sind Kurfürstin Wilhelmine Karoline von Hessen, Gattin des Kurfürsten von Hessen, Wilhelm I., Auguste Friederike Christine von Hessen, Frau von Wilhelm II., ihre Tochter Karoline Friederike Wilhelmine und Gräfin Luise von Hessenstein begraben.

Das Grab liegt an der Südseite des Altstädter Friedhofs.Es ist umgittert und nur durch ein separates Tor zu betreten.

siehe auch

Gedenkstein des Kurfürsten Wilhelm II. ("WK II" - Wilhelm Kurfürst) aus 1827 auf der Sababurg

Personen:

Sonstiges:

Weblinks/ Quellen


Landgrafen von Hessen (bis 1568)

Heinrich I. | Johann I. | Otto I. | Heinrich II. | Hermann II. | Ludwig I. | Ludwig II. | Wilhelm I. | Wilhelm II. | Philipp I.

Landgrafen von Hessen-Kassel (ab 1568)

Wilhelm IV. | Moritz | Wilhelm V. | Wilhelm VI. | Wilhelm VII. | Karl | Friedrich I. | Wilhelm VIII. | Friedrich II. | Wilhelm IX.

Kurfürsten von Hessen (ab 1803)

Wilhelm I. | Wilhelm II. | Friedrich Wilhelm I.

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