Koloss von Martinhagen

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Aus einem Sandsteinblock sollte ursprünglich der Kasseler Herkules gehauen werden. Als die Pläne scheiterten, blieb der Stein in einer Wiese liegen.

1770 erregte ein gewaltiger Sandsteinblock von über sechs Meter Länge und 1,80 Metern im Quadrat, der sich in der Gemarkung Martinhagen fand, die Aufmerksamkeit des Landgrafen in Kassel. Der Koloss war grob behauen und stammte keineswegs von seiner jetzigen Fundstelle. Nach einer in Martinhagen und Balhorn bekannten Erzählung stammte dieser riesige Steinklotz aus den Balhorner Sandsteinbrüchen und war um 1710 für das im Bau befindliche Herkulesmonument als steinerne Statue vorgesehen.

Bereits 1696 wurden oberhalb des Schlosses Weißenstein, am sogenannten Winterkasten, die ersten Arbeiten an Grotten und Katakomben begonnen. Geplant war, eine "Wassertreppe" nach italienischem Vorbild am Osthang des Karlsbergs auszuführen. Dazu hatte Landgraf Karl den berühmten italienischen Baumeister Giovanni Francesco Guerniero verpflichtet. Wenngleich 1707 noch kein Gedanke an ein großes Heldenmonument in dem Bauvorhaben war, begann der Baumeister 1708 mit dem Bau des Oktogons, auf dem der Herkules ruht.

Offensichtlich steht der Martinhagener Steinkoloss mit dem Herkules-Monument in Zusammenhang. Allerdings war er wegen seiner Größe und Schwere nicht weiter transportabel und man kann sich vorstellen, dass die Aufstellung einer steinernen Statue dieser Größe auf der Pyramide technisch und statisch problematisch geworden wäre. Jedenfalls entschloss man sich 1710, auf den gewaltigen Klotz zu verzichten. Schon bald war nämlich klar geworden, dass das Oktogon statische Mängel aufwies und das gewählte Baumaterial, Basalttuff, Probleme machte. Die großen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Landgrafen und dem Italiener über die Bauqualität führten schließlich dazu, dass Guerniero 1715 Kassel fluchtartig verließ.


1713 stellte auf Bestellung des fürstlichen Hofes der Augsburger Gold- und Kupferschmied Anthonie die heute allen bekannte Herkulesstatue aus getriebenem Kupferblech her. Ihre Höhe beträgt acht Meter, sie hat einen Leibesumfang von 4,60 Metern. Das Oktogon, auf dem der Herkules ruht, hat einen Durchmesser von 73,50 Metern.


Im Jahre 1770 wurde der Enkel des damaligen Landgrafen Karl, Landgraf Friedrich II., auf den nicht gerade alltäglichen Sandsteinkoloss aufmerksam gemacht. Er plante, ein Steinmonument genau in dieser Größe für seinen Vorgänger und Onkel, den Schwedenkönig Friedrich I., zu errichten. Des weiteren war ein ebenso großes Standbild des griechischen Gottes Apollo in der Karlsaue vorgesehen. Größe und Form des Martinhagener Steins paßten nun exakt in diese Vorhaben. Auf Veranlassung des Landgrafen wurden Pläne entwickelt, den riesigen Brocken nach Kassel zu schaffen. Die sehr schlechten Straßenverhältnisse und die ungenügenden Transport- und Hebemöglichkeiten ließen dieses jedoch nicht ohne weiteres zu. Wer die Akten dazu liest, stellt verwundert fest, daß dieses Vorhaben ein enormes landesweites Echo und Interesse hervorrief.

  • Viele Vorschläge

Ingenieure, solche, die es waren, solche, die es werden und solche, die es sein wollten, Abenteurer, Luftikusse und Wichtigtuer unterbreiteten dem Hof in Kassel Vorschläge und Ideen ohne Ende. Aus aller Herren Länder kamen auch ernst zu nehmende Vorschläge für die geeignetste Methode für den Transport bis Kassel.

Martinhagen war von 1770 bis 1774 ein viel besuchtes Dorf. Die veranschlagten Kosten beliefen sich auf 900 bis 2000 Reichsthaler, nach heutigem Geld umgerechnet etwa 75000 Euro. Da der Stein in einer tiefen Talsohle, einer abschüssigen Wiese, lag, wo er vermutlich 1709 oder 1710 vom Transportschlitten abgerollt war, war ein Heben nicht möglich. Die Wiese, in der der Stein lag, war über Jahrzehnte von etwa 1710 bis 1820 steuerfrei. 1867, also 160 Jahre nach seinem ersten Auftauchen, wurde der gewaltige Sandsteinbrocken versteigert. Ein Martinhagener Bürger, der ihn erwarb, zerschlug ihn und verkaufte die Mauersteine nach Kassel zum Bau eines Eisenbahndepots.