Kohlenstraße

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Über die Kohlenstraße kam die Kohle aus dem Wald in die Stadt

Sie hatte zwar eine große Aufgabe -­ Kohletransport aus dem Habichtswald in die Stadt. Aber auf Fotos sieht man: Sie konnte auch eine Straße zum Bummeln sein. Eine Landstraße, die zum Wald hinaufführt, vorbei an Wiesen mit knorrigen Apfelbäumen; links neben der Straße Schienen von einem Bähnchen. Jetzt heißt sie auf jedem Abschnitt anders: Kohlenstraße, Druseltalstraße und Im Druseltal.

Vor 1940 reichte sie von der Stadt bis in den Habichtswald hinein. Von den dortigen Zechen wurde Braunkohle über die Kohlenstraße, genau deshalb heißt sie auch so, in die Stadt transportiert. Zunächst mit Pferd und Wagen; später ­- seit 1917 - mit Güterwagen der Herkulesbahn.

Kohle im Habichtswald wurde seit dem 16. Jahrhundert abgebaut. Die Mengen waren nicht großartig, aber immerhin deckten sie den Bedarf der Kasseler Industriewerke, die im 19. Jahrhundert entstanden",­ so beschreibt es Wilhelm Steckhan in seinem Buch über „Braunkohlenbergbau im Habichtswald”. Zeche Herkules, Zeche Marie, Zeche Hohes Gras, Zeche Roter Stollen, Zeche Drusel, Schlüsselstollen oder Schacht Großer Steinhaufen, so hießen die Braunkohlefelder im Habichtswald.

Die Bergleute fuhren dort hinauf die Kohlenstraße entlang mit der Herkulesbahn; der Fahrplan passte sich dem Wechsel von Früh- und Spätschicht an: 5.30 und 21 Uhr. Ab 1920 waren die anfallende Kohlenmenge so groß, dass sie nur noch mit Nachtfahrten zu bewältigen waren. Der Güterzugfahrplan vom Jahr 1922 verzeichnet: 17 Abfahren von der Zeche Roter Stollen, sieben Abfahrten von der Zeche Herkules, zehn Abfahrten von der Zeche Drusel und 14 Abfahrten vom Steinbruch ­ laut Georg Adam Stör in seinem Buch „Die Herkulesbahn in Kassel”.

Die Kohlenstraße war um 1920 noch dünn besiedelt, da fühlte sich vom Zuglärm kaum einer gestört. Es gibt allerdings einen Briefwechsel zwischen Heinrich Goßmann und der Eisenbahndirektion: Goßmann hatte 1894 am oberen Bereich der Kohlenstraße ­ dort wo heute die Seniorenresidenz ist ­ eine Naturheilanstalt mit 125 Betten gebaut. „Goßmanns Sanatorium” hatte einen guten Ruf, dem besonders der nächtliche Güterverkehrslärm schaden könnte. Die Bahndirektion vertröstete Goßmann, bei den Nachtfahrten handle es sich um einen sechswöchigen Notbehelf. Aus den sechs Wochen wurden mehrere Jahre.

Die Zechen Herkules, Roter Stollen und Hohes Gras wurden 1940 stillgelegt. 1961 wurde der Güterverkehr entlang der Kohlenstraße eingestellt. Bis 1966 wurde die Personenbeförderung auf Omnibusse verlagert, dann wurden alle Bahnanlagen entlang der Kohlenstraße abgebaut.

Die Straße, die in den Wald führt, wurde neuen Bedürfnissen angepasst: Mitte der Sechzigerjahre wurde sie als Zufahrtsstraße zum Truppenübungsplatz Ehlen ausgebaut, breit genug auch für schweres Gerät und Panzer.

(Von Sabine Wilms | HNA vom 20.12.2005)

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