Kloster Breitenau

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Klosterkirche Breitenau

Das Kloster Breitenau liegt gegenüber dem hessischen Ort Guxhagen, von dem es durch die Fulda getrennt ist. Das ehemalige Benediktinerkloster gilt als "Keimzelle" Guxhagens und wurde im Jahr 1113 in der "breiten Aue" errichtet. Es entstand ein Kloster für Benediktinermönche, die aus Hirsau im Schwarzwald kamen. Um 1120 wurde mit dem Bau der dreischiffigen romanischen Klosterkirche begonnen.

Mehr als 400 Jahre hinweg bestand dann das Kloster, bevor es im Zuge der Reformation in Hessen aufgehoben wurde.

Gründung und Ausrichtung

Blick zum Kloster an der Fulda
Foto: Günther Pöpperl

Das Benediktinerkloster Breitenau wurde im Jahr 1113 von Graf Werner IV. von Grüningen gegründet. Der Name geht zurück auf die hier gelegene "breite Aue", wo die Eder sich mit der Fulda vereint.

Die Familie des Grafen Werner, die aus Markgröningen (seinerzeit "Grüningen") in Württemberg stammte, war bereits seit einigen Generationen in Holzhausen ansässig. Sie waren die Grafen von Maden. Aus dieser Grafschaft ging die spätere Landgrafschaft Hessen hervor.

Graf Werner wandte sich zur Gründung des Klosters an den Abt Bruno von Beutelsbach des Klosters Hirsau im Schwarzwald, der mit ihm verwandt war. Im Jahr 1119 entsandte der Abt dreizehn Benediktinermönche in die Breitenau. Erster Abt wurde bald darauf der Mönch Drutwin.

Das Kloster wurde Teil einer Reformbewegung. Seit dem Ende des 11. Jahrhunderts versuchten die Benediktiner, ausgehend vom Kloster Hirsau, zu den ursprünglichen Idealen (strengere Ordensregeln) des Heiligen Bendedikt zurückzukehren. Die Benediktiner stellten sich während des Investiturstreits auf die Seite des Papstes. Weitere Klöster, die zu dieser Bewegung zählten, waren in der Region Nordhessen das Kloster Hasungen und das Kloster Corvey.

Nach dem Tod von Graf Werner IV. übertrug seine Witwe Gisela (gestorben 1155) das Kloster im Jahr 1123 an das Erzbistum Mainz. Die Vogtei des Klosters hatten seit 1122 die Thüringer Landgrafen inne.

Die Klosterkirche

An der Klosterkirche in Breitenau

Zunächst wurde eine Kirche "Peter und Paul" unter Abt Drutwin errichtet. Nach dessen Tod im Jahr 1132 wurde an anderer Stelle durch seinen Nachfolger Abt Heinrich I. mit dem Bau der Klosterkirche begonnen. Die große Klosterkirche hat eine Länge von 54 Metern und ist 18 Meter breit. Es handelt sich um eine dreischiffige, flachgedeckte Basilika im romanischen Stil. Die Kirche hat fünf Apsiden, in den sich ein Hauptaltar und die Nebenaltare befanden. Die Klosterkirche war der Heiligen Maria geweiht. Chor und Querschiff wurden im Jahr 1145 fertiggestellt. Im Bereich des Mittelschiffes wurde die Kirche mit aufwändigen Ornamenten ausgestattet, die sich zum Teil bis heute erhalten haben. Die Klosterkirche ist das wichtigste Beispiel der Hirsauer Bauschule in Hessen.

Die Klosteranlage

Noch heute ist das ehemalige Klostergebäude von der alten Klostermauer kreisförmig umschlossen. Es gab in der Klostermauer zwei Tortürme, das "Fulda Tor" und das noch erhaltene "Grifter Tor". Die eigentlichen Klostergebäude lagen direkt nördlich der Klosterkirche. Dort befanden sich ein Klausurgebäude und der Kreuzgang.

Im 15. Jahrhundert wurde die steinerne Zehntscheune errichtet, in der sich heute die Gedenkstätte Breitenau befindet. Im Süden des Klostergebäudes lag der Klosterfriedhof. Der Friedhof hatte eine eigene Kirche, die 1321 erstmals erwähnte Nikolauskirche.

Im Kloster wurden Obst, Gemüse und Wein angebaut und in der Fulda wurde gefischt. Am Westende gab es mehrere Stallungen und Scheunen und am Fuldaufer lag die Klostermühle.

Besitzungen des Klosters

Die höchste Blüte erlebte das Kloster von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zum Ende des 14. Jahrhunderts. Durch zahlreiche Schenkungen wurde das Kloster zu einem der reichsten in Hessen. Zum Besitz des Klosters gehörten nicht nur die damaligen Dörfer Guxhagen, Ellenberg und Büchenwerra, sondern auch Äcker, Wiesen, Wälder, Weinberge und Gewässer in über 100 weiteren Orten. Adelsfamilien aus der Umgebung gaben ihre jüngsten Sohne in die Obhut des Klosters. Hierfür leisteten sie an das Kloster nicht unerhebliche Zahlungen oder übereigneten Ländereien. Von 1314 bis 1444 stammten von den zehn Äbten des Klosters acht aus Adelsfamilien, so zum Beispiel Werner von Elben, Johann von Wolfershausen oder Hermann von Gilsa.

Letzter Umbau durch die Benediktinermönche

Im Jahr 1497 trat das Kloster der "Bursfelder Kongregation" bei. Die vom Kloster Bursfelde an der Weser ausgehende neuerliche Reformbewegung wollte zurück zu den Wurzeln der Lehre des Heiligen Benedikt. Als äußeren Ausdruck wurde der Ostteil der Klosterkirche (Chor und Querschiff) zwischen 1502 und 1509 im gotischen Stil umgebaut.

Auflösung und neue Nutzung als Folge der Reformation

Kloster Breitenau

1527 wurde das Kloster an der Fulda durch Landgraf Philipp I. im Zuge der Reformation wie alle anderen hessischen Klöster aufgehoben. Der Prior des Klosters, der Holländer Theobald Zabel, wurde der erste evangelische Pfarrer von Guxhagen. Das Kloster wurde fürstliches Hofgut und die Klosterkirche 1579 zu einem Fruchtspeicher und Pferdestall umgebaut. Die Seitenschiffe wurden abgebrochen, die Arkaden vermauert und die Kirche in fünf Geschosse aufgeteilt.

Landgraf Moritz ließ die Anlage dann zwischen 1607 und 1627 zu einem fürstlichen Sommersitz und Lustschloss umbauen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Klosteranlage 1626 durch die Truppen von Graf Tilly geplündert und 1640 wurde das Kloster bis auf die Klosterkirche, Zehntscheune und Nikolauskapelle zerstört. Danach wurde das Kloster dem Verfall preisgegeben. Lediglich die Klosterkirche wurde noch als Fruchtspeicher genutzt.

Von 1791 bis 1844 diente die Zehntscheune als Pfarrkirche. 1841 wurden dann Querschiff und Chorraum der Klosterkirche für den Gottesdienst wieder hergerichtet

Nutzung vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus

Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wurde die Klosterkirche zu einem Kriegsgefangenenlager umgebaut. Etwa 750 französische Kriegsgefangene waren hier interniert.

Von 1872 bis 1874 wurde die vernachlässigte Klosteranlage zur Korrektions- und Landesarmenanstalt umfunktioniert. Es handelte sich um eine Besserungsanstalt für so genannte "Bettler, Landstreicher, Prostituierte und verwahrloste Jugendliche".

Die Kirche wurde dann als "Anstaltskirche" genutzt und erhielt 1890 den heutigen Glockenturm im neuromanischen Stil.

1927 bis 1929 wurden an den Klosteranlagen und der Klosterkirche Sicherungs- und Restaurierungsarbeiten durchgeführt. Unter anderem wurden die gotischen Malereien aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts freigelegt. Am 23. März 1930 wurde die Kirche feierlich neu geweiht.

Konzentrations- und Arbeitserziehungslager im Nationalsozialismus

Blick auf das Klostergelände

Konzentrationslager von 1933 bis 1934

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933, setzte bald im ganzen Deutschen Reich eine Verhaftungswelle ein. Innerhalb kürzester Zeit wurden Zehntausende politische Gegner festgenommen und in so genannte "Schutzhaft" genommen. Die Verhafteten wurden weder verurteilt, noch wurden Haftbefehle gegen sie erlassen.

Bereits im Frühjahr 1933 wurden erste Konzentrationslager eingerichtet, um die "Schutzhäftlinge" unterbringen zu können. Insgesamt entstanden siebzig solcher "frühen Konzentrationslager". Für die Gefangenen aus dem Bereich des Regierungsbezirks Kassel entstand das Lager in Breitenau am 15. Juni 1933.

Zunächst wurden Unterkünfte im Mittelschiff der ehemaligen Klosterkirche eingerichtet. Die Gefangenen waren unmittelbar hinter der Orgelwand der Gemeindekirche auf Strohlagern und Holzbetten in großen Schlafsälen untergebracht. Außerdem gab es Unterkunftsräume für die Wachmannschaften, die zunächst SA-Männer, später SS-Männer waren. Als das Kirchenmittelschiff für die Unterbringung nicht mehr ausreichte, wurde das so genannte "Landarmenhaus" hinzugenommen und als Block II bezeichnet. Von Juni 1933 bis März 1934 waren in Breitenau nachweislich 470 politische Gefangene aus 139 hessischen Gemeinden inhaftiert.

Breitenau war nie ein Vernichtungslager, sondern diente dazu politische Gegner zu demütigen, zu quälen und einzuschüchtern. Durch harte Arbeit, Essensentzug, Schikanen und Misshandlungen sollten die Gefangenen dazu gebracht werden, sich nach ihrer Entlassung im Nazi-Staat unterzuordnen. Die meisten Gefangenen wurden nach einigen Wochen wieder entlassen, für andere war Breitenau jedoch die erste Station eines langen Leidensweges. Das Konzentrationslager Breitenau wurde im März 1934 wieder aufgelöst.

Arbeitserziehungslager von 1940 bis 1945

Grifter Tor

Die Nationalsozialisten errichteten im Sommer des Jahres 1940 erneut ein Lager für "Schutzhäftlinge". Es wurde als "Arbeitserziehungslager" bezeichnet, stellte aber tatsächlich eine Vorstufe der Konzentrationslager dar.

Die Funktion des Lagers war im Grunde dieselbe, wie in der Zeit von 1933 bis 1934. Es war wiederum kein Vernichtungslager, sondern sollte die Gefangenen zu angepassten Bürgern erziehen. Hierbei waren hier nunmehr nicht mehr bloß politische Gefangene untergebracht, sondern auch Menschen, die in irgendeiner Form gegen die Anordnungen des NS-Regimes verstoßen hatten. Hierzu gehörten beispielsweise Beziehungen zwischen Deutschen und ausländischen Zwangsarbeitern oder Kriegsgefangenen.

Das Arbeitslager unterstand der Kasseler Gestapo. Vom Sommer 1940 bis zum Kriegsende waren hier etwa 8.300 "Schutzhäftlinge" inhaftiert. Die Haftdauer betrug durchschnittlich ein bis zwei Monate. Der überwiegende Teil der Gefangenen waren ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die sich nicht mehr in ihre Zwangsarbeit fügen wollten oder durch gesundheitliche Gebrechen fügen konnten. Haftgründe waren häufig "Arbeitsverweigerung", "unberechtigtes Verlassen der Arbeitsstätte", "Arbeitsvertragsbruch" oder auch "Arbeitssabotage". In Breitenau wurden etwa 7.000 ausländische Gefangene aus 20 Nationen interniert. Viele von ihnen waren sehr jung, die jüngste Gefangene war bei ihrer Einweisung gerade 12 Jahre alt.

Die Zwangarbeiter waren aus ihrem Heimatland in das Deutsche Reich verschleppt worden und wurden dort in der Industrie und Landwirtschaft eingesetzt. Sie wurden durch die Arbeitsämter auf die Betriebe verteilt und waren in so genannten "Fremdarbeiterlagern" untergebracht, allein in Kassel gab ca. 200 solcher Lager. Die Arbeitszeit der Zwangsarbeiter betrug durchschnittlich etwa 12 Stunden, wobei sie meist unzureichend ernährt, bekleidet und medizinisch versorgt wurden. Wer sich gegen die Zwangsarbeit zur Wehr setzte, landete in Lagern wie Breitenau, wo ihnen dann "das Arbeiten beigebracht wurde".

Im Lager Breitenau befanden sich auch Deutsche, die durch Nichteinhaltung der von den Nazis aufgestellten Regeln aufgefallen und zu "Volksfeinden" erklärt worden waren (z. B. Pfarrer, die sich in ihren Predigten kritisch gegenüber dem Nazi-Regime geäußert hatten).

Die Gefangenen mussten tagsüber in Arbeitskolonnen, bestehend aus 12 Gefangenen, arbeiten. Sie wurden von einem bewaffneten Aufseher begleitet und mussten Feld-, Wald- oder Industriearbeiten verrichten. Die Arbeit begann meist früh am Morgen und endete erst spät am Abend. Dazu gab es meist nur eine dürftige Mahlzeit am Tag. Ab 1943 mussten die Gefangenen teilweise barfuss gehen, da die Schuhbestände des Lagers für die vielen Gefangenen nicht ausreichten. Viele Gefangene erkrankten auf Grund der widrigen Bedingungen und des dürftigen Essens. Nicht selten kam es in der zweimonatigen Haftzeit zu Gewichtsabnahmen von bis zu 30 Pfund. Schläge und Tritte waren an der Tagesordnung, die körperlichen und seelischen Grausamkeiten wirkten bei den Gefangenen lebenslang nach. Einige Gefangene waren derart geschwächt, dass sie das Lager nicht überlebten.

Nicht zuletzt wurden von hier aus Juden weiter in die Lager nach Dachau oder Auschwitz deportiert. Breitenau war hierbei für diese Konzentrationslager als Sammellager eingerichtet. Noch während der Haftzeit wurde entschieden, ob ein Gefangener entlassen oder in ein SS-Konzentrationslager weiter deportiert wird. Jeder fünfte Gefangene wurde von Breitenau aus in Sammeltransporten in die SS-Konzentrations- und Vernichtungslager gebracht.

Das "Arbeitserziehungslager" wurde am Gründonnerstag, dem 29. März 1945 von der Gestapo aufgelöst. Die Gefangenen wurden in großen Gruppen aus dem Lager fortgebracht. Bevor die Gestapo- und SS-Männer Breitenau verließen wurden von ihnen 28 Gefangene am Fuldaberg erschossen. Am Ostersamstag erreichten die amerikanischen Truppen das Lager Breitenau und befreiten einige verbliebene Gefangene. Wenige Aufseher waren noch verblieben, sie wurden festgenommen. Drei Wochen später entdeckten die Amerikaner das Massengrab am Fuldaberg. Die Leichen wurden auf dem Anstaltsfriedhof am 25. April 1945 feierlich beerdigt.

Nutzung nach dem Zweiten Weltkrieg

Ehemalige Zehntscheune, heute Gedenkstätte

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde über die Nazizeit weitestgehend der Mantel des Schweigens gehüllt. In der Festschrift zur 600-Jahrfeier Guxhagens wurde die Funktion Breitenaus während der Nazi-Zeit mit keinem Wort erwähnt. Erst Mitte der 1960er Jahre wurde das Thema durch den Fund einer Gefangenenakte wieder aufgenommen.

Zunächst wurden in den Jahren 1949 bis 1950 Restaurierungsarbeiten durchgeführt. Das Arbeitshaus wurde endgültig geschlossen und im März 1952 richtete der Landeswohlfahrtsverband das Mädchenerziehungsheim "Fuldatal" ein. Im Laufe der Jahre wurden dann viele Um- und Ausbauten am Anstaltsgebäude vorgenommen. So entstand die Klosteranlage, wie sie sich noch heute weitgehend präsentiert.

In dem Fürsorgeheim waren ein Jugendheim für die eingewiesenen Fürsorgezöglinge, eine Gruppe für minderjährige Mütter und ein Altersheim untergebracht. Die Fürsorgezöglinge waren Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis 21 Jahren. Sie stammen zumeist aus "sozial schwachen Familien", waren oftmals schon in anderen Heimen gewesen und galten als verhaltensauffällig und gefährdet. Im Jahr 1956 waren etwa 150 Mädchen in Breitenau untergebracht.

Im Hauptgebäude, also dem Mittelschiff der Klosterkirche, erfolgte ein Umbau der oberen beiden Etagen in kleinere Zimmer für die Mädchen. Außerdem wurden am Ende jeder Etagen zwei so genannte "Beruhigungszellen" eingerichtet. Im ersten Stock wurden ein Veranstaltungsraum eingerichtet. Die Fenstergitter wurden größtenteils entfernt und durch Sicherheitsfenster ersetzt. Zum Heim gehörte eine Landwirtschaft mit 50 Kühen und 200 Schweinen, zwei Wälder, eine Gärtnerei, eine Schneiderei, eine Bäckerei und eine Wäscherei. Ab Ende der 1960er Jahre gab es noch eine Puppenwerkstatt, eine Spielwarenherstellung, eine Kartonage und eine Lehrküche.

Im Jahr 1969 befanden sich in Breitenau etwa 80 Mädchen. Zu dieser Zeit geriet das Heim in die Kritik der Öffentlichkeit. Bei einer Untersuchung des Marburger Instituts für Sonderschulpädagogik in Breitenau wurde festgestellt, dass viele der Mädchen erhebliche Lese- und Schreibschwächen hatten. Außerdem wurden massive Vorwürfe gegen die Verhältnisse im Mädchenheim "Fuldatal" erhoben. Der untersuchende Lehrer stellte teilweise stärkste psychische Störungen bei den Mädchen fest. Um ihnen zu helfen und sie zu rehabilitieren, seien gezielte erzieherische und therapeutische Behandlungen von enormer Wichtigkeit. Hierfür stünden in Breitenau aber weder die erforderlichen Heilpädagogen, noch die nötigen Psychologen zur Verfügung. Das Personal sei mit der Behandlung der Jugendlichen völlig überfordert und eine Erziehung fände dort nicht statt. Fehlverhalten der Mädchen würde mit Härten und Schikanen belegt und die Höchstwerte der Erziehung in Breitenau seien "Ordnung und sinnlose Arbeit". Es gebe keine Erziehung, Berufsbildung, Information oder Therapie sowie keine Schulung in sozialem Verhalten. Dies führe dazu, dass die bereits geschädigten Jugendlichen weiter desozialisiert würden.

Klosterkirche in Breitenau

Der Untersuchungsbericht gelangte im Oktober 1969 an die Öffentlichkeit und führt zu teilweise sehr emotionalen Pressereaktionen. Es erschienen in der nordhessischen Presse, aber auch in der "Frankfurter Rundschau" und dem "Spiegel" Berichte. Die Kritik dehnte sich auf andere Erziehungsheime in Hessen aus und mündete in der so genannten Heimbewegung. Vor diversen Heimen fanden Demonstrationen statt und Schüler und Studenten organisierten Informationsveranstaltungen.

Mitte Novemer 1969 wurde auf einer Pressekonferenz seitens des Mädchenheims zwar die Kritik zunächst energisch zurückgewiesen, aber zahlreiche Kritikpunkte konnten nicht entkräftet werden. Die Mädchen wurden zu Arbeiten für die Industrie, im angeschlossenen landwirtschaftlichen Betrieb, auf dem Feld oder in der Küche herangezogen. Daneben gingen sie auf eine Heimberufsschule mit praxisbezogenen Fächern. Im Heim war es verboten zu rauchen, eigene Sachen zu verschenken oder zu tauschen, sich zu schminken, zu pfeifen, zu tanzen oder laut zu reden. Es gab keine Tageszeitung. An jedem zweiten Sonntag durften Briefe geschrieben werden und eingehende Post wurde generell kontrolliert. Pakete durften nur im Beisein eines Erziehers geöffnet werden. Weiter gab es Strafen, wie Abzüge vom Taschengeld und das "Besinnungsstübchen". Dieser Raum war eine mit einem Holzbretterbett ohne Matraze, Kopfkissen oder Decke ausgestattete Einzelkammer, mit Klo- und Waschschüssel. Nach Aussage von ehemals dort untergebrachten Zöglingen wurden manche Mädchen dort mehrere Tage eingesperrt. Weiterhin wurden als Strafe Besuchszeiten gestrichen, das Essen entzogen oder der Heimaufenthalt verlängert. Konfrontiert mit diesen Tatsachen wurden die Mängel schlussendlich durch den anwesenden Landesrat des Landeswohlfahrtsverbandes teilweise eingestanden.

Am 16. Dezember 1969 wurde durch das Hessische Sozialministerium eine grundsätzliche Überprüfung der Erziehungsheime eingeleitet. Dies führte schließlich zur Schließung des Mädchenheims "Fuldatal" in Breitenau. Im Dezember 1973 wurde das Heim endgültig aufgelöst. Damit endete auch die Tradition einer geschlossenen Anstalt im Kloster Breitenau.


Ergänzung: 1952 bis mindestens 1962 wurde das freistehende mittlere Gebäude als Kinderheim genutzt, in dem Kinder lebten, die keine Eltern hatten auch nicht mit den Mädchen des Erziehungsheimes verwandt waren. Ihr Leben wurde durch die Zeit dort auch sehr geprägt. Sie besuchten, wenn sie schulpflichtig wurden die örtliche öffentliche Volksschule.


Im Januar 1974 wurde auf dem Klostergelände ein offenes psychiatrisches Krankenhaus eingerichtet. Hier konnten etwa 80 Patienten untergebracht werden. Zunächst war Breitenau hierbei eine Außenstelle des Psychiatrischen Krankenhauses in Haina, ab 1982 von Merxhausen. Seither wird in Breitenau versucht psychisch kranke Menschen zu unterstützen und zu integrieren.

Im August 1984 wurde durch die damalige Gesamthochschule Kassel unter Unterstützung des Landeswohlfahrtsverbandes die Gedenkstätte Breitenau eingerichtet, die an das Schicksal der hier während der NS-Zeit internierten Menschen erinnert. Die Gedenkstätte befindet sich in der ehemaligen Zehntscheune. Vom ehemaligen Lager sind heute noch wichtige Teile erhalten. Es existieren noch Dusch- und Waschräume, Isolierzellen sowie mehrere Gebäude, in den weibliche und männliche Gefangene untergebracht waren.

Seit 1999 befindet sich im Kirchenraum der Klosterkirche eine Dauerausstellung über die Geschichte des Klosters. Die Ausstellung, die von Dr. Gunnar Richter gestaltet wurde, gibt anhand von zahlreichen Fotos, Dokumenten und einem Modell der Klosterkirche einen Überblick über die Entwicklung des Klosters von der Gründung bis in die Gegenwart.

900 Jahre Klosterkirche Guxhagen Breitenau

In der Zeit vom vom 6. Januar bis zum 20.September 2013 feierte die Ev. Kirchengemeinde Guxhagen das Jubiläum 900 Jahre Klosterkirche Guxhagen Breitenau.

Historische Zeittafel:

  • Das Benediktiner-Kloster Breitenau wurde 1123 von Graf Werner von Grüningen gestiftet. Im Laufe der nächsten drei Jahrhunderte entwickelte es sich zu einem der reichsten und angesehensten Klöster in Nordhessen. Nach der Auflösung in 1527 (Reformation) wurde es landgräfliches Hofgut. Ende des 16. Jahrhunderts erfolgte der Abriss der Seitenschiffe der Kirche und deren Umbau zu Pferdestall und Scheune. Im 30jährigen Krieg (1618-1648) wurden unter anderem die drei Glocken und die wertvolle Bücherei geraubt.
  • Der Gottesdienst fand in der jetzt nicht mehr vorhandenen Nikolauskapelle auf dem Breitenauer Friedhof und danach in der Zehntscheune, erkennbar am Treppengiebel, statt. 1870/1871 (dt.-frz. Krieg) diente die Klosteranlage als Gefangenenlager für ca. 700 Franzosen.
  • 1874 erfolgte neben anderen Umbauten auch der des Ostteils der Klosterkirche wieder zu einem Gotteshaus. Das Längsschiff und die noch bestehenden Gebäude wurden seitdem als Korrektionsanstalt und Landarmenheim, ab 1933/1934 als Konzentrations- und in den Kriegsjahren als Arbeitserziehungslager benutzt. Nach dem Krieg wurde ein Mädchenerziehungsheim untergebracht. Seit 1974 blieb der Westteil der Kirche ungenutzt, andere Gebäude sind zu einer psychiatrischen Wohnanlage und zu einer Reha-Einrichtung umgebaut worden.
  • In der Zehntscheune befindet sich seit 1984 die "Gedenkstätte Breitenau", die an das Geschehen in der NS-Zeit erinnert. Der Ostteil der Klosterkirche wird zum Teil für Kultur- und Informationsveranstaltungen genutzt, vor allem aber feiert hier die Evangelische Kirchengemeinde ihre Gottesdienste.

siehe auch

Standort der documenta 13

Das Kloster Breitenau aus dem 12. Jahrhundert war unmittelbar in die documenta 13 eingebunden: Das Gelände mit seiner wechselvollen Geschichte wurde zur Quelle der Inspiration und zugleich zum traurigsten documenta-Ort.

Mehr als 100 documenta-Künstler aus der ganzen Welt hatten das Kloster Breitenau von 2010 bis 2012 bereits besucht. Das bestätigte die dort angesiedelte Gedenkstätte auf Anfrage. Gedenkstättenleiter Dr. Gunnar Richter und die pädagogische Mitarbeiterin Annika Hanke führten die Künstler durch die historische Anlage. Zur Sprache kam dabei laut Gedenkstätte die wechselvolle Geschichte des Ortes im 20. Jahrhundert. Sie reicht vom Konzentrationslager über ein Straflager der Geheimen Staatspolizei bis hin zur Nachkriegsnutzung als Erziehungsanstalt für angeblich böse Mädchen.

Die Geschichte der Klosteranlage ist auch eine des Einsperrens und Ausgrenzens. Das aber ist laut Richter ein Thema, das in allen Teilen der Welt eine große Rolle spielt. In Breitenau könne Kunst dazu beitragen, Bezüge zur Gegenwart herzustellen und Menschen mit der Geschichte zu konfrontieren. „Ich unterstütze das sehr“, sagte Richter, der in der Gedenkstätte bereits seit 1992 eine historisch gestaltete Dauerausstellung mitbetreut.

Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev hatte die Gedenkstätte Breitenau vor den Toren Kassels den Künstlern ans Herz gelegt. Die Berliner Künstlerin Judith Hopf nannte ihn im Kultur-Spiegel den traurigsten Ort der documenta. Sie hatte in der Gendenkstätte einen Raum künstlerisch gestaltet. Andere Künstler haben die Geschichte des Klosters mit Arbeiten in Kassel aufgegriffen. Mit dabei: Gedenkstättenleiter Dr. Gunnar Richter, der neben Geschichte auch Kunst studierte. Der documenta-Künstler hat eine vor 30 Jahren erstellte Ton-Dia-Reihe zur NS-Geschichte Breitenaus gezeigt. Sie stellte unter anderem einen Forschungsprozess dar und war seinerzeit ein Baustein bei der Gründung der Gedenkstätte. [1]

Weblinks und Quellen

Kirchenfest 2013

Ausstellung

  • Gunnar Richter: Kloster Breitenau - Eine Benediktinerabtei im Wandel der Zeit. Eine Ausstellung auf 25 Bild-Text-Tafeln mit einem Modell der ehemaligen Klosterkirche Breitenau, Dauerausstellung in der ehem. Klosterkirche und heutigen ev. Gemeindekirche, Guxhagen seit 1999.

dOCUMENTA (13)-Beitrag

  • Ton-Dia-Reihe: Gunnar Richter: Der Umgang mit der nationalsozialistischen Zeit - Eine lokale Studie über ein Verbrechen der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Methoden des Recherchierens, Kassel 1981/dOCUMENTA (13) 2012, 100 Dias, 35 Minuten - kann auf Wunsch in der Gedenkstätte angesehen werden.

Internet

Literatur

  • Gunnar Richter: Die Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen bei Kassel. Ein Leseheft, Kassel 2002.

Auch als PDF zum downloaden: http://www.gedenkstaette-breitenau.de/publikat-Dateien/blaues%20Leseheft_pdf.pdf

  • Gunnar Richter (Hrsg.): Breitenau. Zur Geschichte eines nationalsozialistischen Konzentrations- und Arbeitserziehungslagers, Kassel 1993.
  • Gunnar Richter: Das Arbeitserziehungslager Breitenau (1940-1945). Ein Beitrag zum nationalsozialistischen Lagersystem. Kassel 2009.

Auch als PDF-Datei zum downloaden: http://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-1189/1/DIS2513_05.PDF

  • Gunnar Richter: Der öffentliche Umgang mit der NS-Vergangenheit am Beispiel des ehemaligen Konzentrations- und Arbeitserzeihungslager Breitenau, in: Bussiek, Dagmar / Göbel, Simona (Hrsg.): Kultur, Politik und Öffentlichkeit. Festschrift für Jens Flemming, Kassel 2009.
  • Dietfrid Krause-Vilmar: Das Konzentrationslager Breitenau. Ein staatliches Schutzhaftlager 1933/34, 2. Aufl., Marburg 2000.

Auch als PDF-Volltext unter: http://www.uni-kassel.de/upress/online/frei/978-3-89958-688-6.volltext.frei.pdf

  • Dietfrid Krause-Vilmar, Stephan von Borstel, Breitenau 1933-1945. Bilder - texte - dokumente – images - texts - documents. Zweisprachig (deutsch/englisch). University Press, Kassel 2008 University Press, ISBN 978-3-89958-357-1
  • Jutta Dillmann, Dietfrid Krause-Vilmar, Gunnar Richter (Hrsg.): Mauern des Schweigens durchbrechen. Die Gedenkstätte Breitenau, Kassel 1986.

Auch als PDF-Datei zum downloaden: https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2008051921618/1/MauernDesSchweigensDurchbrechen.pdf

Video


Weitere Quellen
  1. HNA vom 6.6.2012: Traurigster documenta-Ort: Künstler besuchten Kloster Breitenau