Kernkraftwerk Würgassen

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Das Kernkraftwerk Würgassen (KWW) war ein Siedewasserreaktor der ersten Generation mit einem Kraftwerksblock. Es liegt im Stadtteil Würgassen der Stadt Beverungen im Kreis Höxter.

Kernkraftwerk Würgassen vor Rückbau

Das Kernkraftwerk war von 1975 bis 1994 in Betriebe. Wegen Haarrisse im Stahlmantel des Reaktorkerns, die bei einer Routinekontrolle entdeckt wurden, wurde der Reaktor abgeschaltet. Am 14. April 1997 wurde das Kraftwerk endgültig stillgelegt. Seitdem wird es zurückgebaut. Der Rückbau soll bis 2014 dauern. Während seiner Laufzeit hatte das Kraftwerk eine elektrische Bruttoleistung von 670 MW und eine elektrische Nettoleistung von 640 MW.

Einrichtung und Inbetriebnahme

Der steigende Energiebedarf der Region Ostwestfalen, Südniedersachsen und Nordhessen sowie die günstige Lage an der Weser und damit direkten Zugriff auf Kühlwasser, waren Gründe für die Standortwahl.

Kernkraftwerk Würgassen vor Rückbau

Der Bau des Reaktors begann am 26. Januar 1968. Der Bau kostete 400 Millionen DM. Am 20. Oktober 1971 wurde der Reaktor zum ersten Mal kritisch und ging damit als erstes in Deutschland vollständig kommerziell genutztes KKW in Betrieb. Am 11. November 1975 begann der reguläre Betrieb mit der Übergabe an den Betreiber PreussenElektra Nachfolgegesellschaft war ab 2000 die Energiegesellschaft E.ON.

Doch bereits in der Planungsphase gab es Proteste örtlicher Bürgerinitiativen. Dabei hatte der Kraftwerkbau in der strukturschwachen Region auch positive Auswirkungen. Es wurden Arbeitsplätze geschaffen. Familien mit Kindern, Ingenieure, Maschinenbauer, Elektrotechniker zogen nach Würgassen. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich von 600 auf 1200. Neben dem historisch langsam gewachsenen Dorfkern entstand eine neue Werkssiedlung. Zur Kraftwerkszeit gab es einen Bäcker, einen Fleischer, eine Post, einen Elektroladen, einen Bahnhof, eine Schule, einen Kindergarten mit zwei Gruppen und mehr als 50 Kindern, Niederlassungen von Sparkasse und Volksbank. [1]

Zwischenfälle / Störfälle

Flugzeugabsturz

Acht Kilometer von Kernkraftwerk Würgassen entfernt stürzte 1978 ein Kampfflugzeug vom Typ Phantom im Tiefflug ab und zerschellte. Das löste eine Diskussion über die Sicherheit von kernkraftwerke im Falle eines Flugzeugabsturzes aus. Der Betreiber Preußen Elektra musste anschließend zugeben, dass das KKW Würgassen nur gegen eine "Aufprallgeschwindigkeit von 350 bis 450 km/h gesichert sei". [2]

Radioaktivitätsfreisetzung 1982

Am 20. August 1982 trat beim Auswechseln eines Sandfilters radioaktiver Staub aus, der nach Angaben des nordrhein-westfälischen Arbeitsministeriums unter der zulässigen Strahlendosis lag und bei der keine Personen durch den Austritt betroffen waren.

Uran im Nachbarort gefunden

Radioaktives Material wurde 2007 in Lauenförde, einem Nachbarort von Würgassen, gefunden. Dort wurde nach Hinweisen eines Mannes im Vorgarten seines Hauses 110 Gramm schwach angereichertes Uran entdeckt. Der Fall, der oft mit dem Kernkraftwerk Würgassen in Verbindung gebracht wurde, hatte aber nach Erkenntnis der Ermittlungsbehörden nichts mit dem Kraftwerk zu tun. Der Besitzer hatte nach eigenen Angaben 1992 das Uran selbst vergraben. [3]

Kernkraftwerk Würgassen vor Rückbau

Stilllegung

Geplant war ursprünglich ein Betrieb des Kraftwerkes bis ins Jahr 2010. Im Oktober 1994 entdeckte der TÜV bei einer Routineinspektion Haarrisse in einem Stahlzylinder (Kernmantel) am Reaktorkern die eine Länge bis zu 60 mm hatten.[4] Die Frage, ob diese Risse beim Bau des Kraftwerks oder erst während des Betriebs entstanden sind, konnte nicht geklärt werden. [5]

Deutsche Behörden forderten, den defekten Zylinder auszutauschen. Das war PreussenElektra zu teuer. Eine Grundsanierung der Kerneinbauten würde mindestens 200 Millionen Mark kosten und einen zweijährigen Stillstand bedeuten. [6] Aus wirtschaftlichen Gründen wurde das Kraftwerk stillgelegt. Für die Gemeinde Würgassen war das ein großer finanzieller Verlust, da sie während des Betriebs des Kraftwerkes Gewerbesteuereinnahmen in Millionenhöhe erhalten hatte.

Mit Rot-Grün kam die Stilllegung

Acht Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl wurde das Atomkraftwerk Würgassen abgeschaltet

aus HNA-online vom 22.04.11

Würgassen. Als das Akw Würgassen 1973 als erstes kommerziell betriebenes Atomkraftwerk der Bundesrepublik ans Netz ging, da regte sich kein Widerstand in der Bevölkerung. Der entwickelte sich erst im Laufe der Jahre und ging mit dem Erstarken der Umweltbewegung einher.

1986, nach dem Super-GAU von Tschernobyl, kam es zum Massenprotest am drei Kilometer vor der hessischen Landesgrenze liegenden Kraftwerk. An die 2000 Menschen kamen zur Kundgebung ins nordrhein-westfälische Beverungen, marschierten anschließend durchs niedersächsische Lauenförde bis vor die Tore des Atomkraftwerks. Mit dabei auch Atomkraftgegner aus Kassel, Göttingen und Paderborn. Sie fanden sich zusammen zu der größten Demo, die das Dreiländereck jemals erlebt hatte.

Dennoch war der politische Druck noch nicht so groß, dass der Reaktor vom Netz genommen wurde. Die PreußenElektra als Vorläufer des Eon-Konzerns sollte noch einige Jahre weiter Millionen mit dem von vielen als „Schrottreaktor“ bezeichneten Kraftwerk verdienen können. Der Name war nicht aus der Luft gegriffen, denn bis zum endgültigen Abschalten gab es hunderte meldepflichtiger Störfälle in dem 640-Megawatt-Siedewasserreaktor. Der dramatischste Störfall datiert aus den 70er Jahren. Die Kühlung des Reaktorkerns setzte aus und die Notstrom-Aggregate sprangen erst im letzten Augenblick an. Der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher musste im Bundestag einräumen, dass das Akw nur knapp der Katastrophe entgangen war.

Das Ende von Würgassen kam erst 1994, acht Jahre nach Tschernobyl. Bei einer der reglemäßigen Revisionen wurden Risse im Kernmantel des Reaktors festgestellt. Ein Weiterbetrieb war nicht mehr möglich - er hätte unabsehbare Folgen gehabt. Politisch nicht vertretbar

Nach monatelangen Begutachtungen und Überlegungen fasste die PreußenElektra schließlich den Entschluss, das Akw stillzulegen. Pläne, die brüchigen Teile des Kernmantels auszutauschen, wurden fallengelassen. Es wäre weltweit sozusagen die erste Operation am „offenen Herzen“ eines Atomreaktors gewesen. Es seien die enormen Kosten einer solchen Reparatur gewesen, die die Aktiengesellschaft damals scheute, hieß es. Doch wahrscheinlicher ist, dass die politischen Verhältnisse in NRW keinen Weiterbetrieb mehr opportun erscheinen ließen, denn 1995 kam die erste rot-grüne Landesregierung in NRW an die Macht. Da hätten sich die Grünen das Aus für Würgassen nicht mehr abringen lassen. Im April 1997 entsprach dann folgerichtig das Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Verkehr in Düsseldorf dem Stillegungsantrag der PreußenElektra.

Für den Rückbau des Kraftwerks hatte die Gesellschaft damals eine Milliarde DM veranschlagt. Die Summe wird aus den zu Betriebszeiten getätigten Rückstellungen finanziert.

2014 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein und am Weserufer auf dem heutigen Kraftwerksgelände wieder Gras wachsen. Die radioaktiven Hinterlassenschaften des Akw aber werden noch Jahrhunderte weiter strahlen - in einem atomaren Endlager. In Schacht Konrad, in Gorleben oder doch anderswo. Und an der französischen Kanalküste bei La Hague. Dort, wo auch die abgebrannten Brennelemente aus Würgassen aufgearbeitet wurden.

von Gerd Henke

Rückbau

Das Kernkraftwerk soll bis 2014 komplett rückgebaut werden. Von der gesamten Rückbaumasse von 26.000 Tonnen wurden seit Beginn 1997 bis Juli 2008 rund 16.380 Tonnen (63 Prozent) abgebaut. Abgeschlossen sind die Demontage des Reaktordruckgefäßes, des Flutkompensators, die Zerlegung der Brennelemente sowie der Abbau der Kondensationskammer des Sicherheitsbehälters. Nach vielen aufwändigen Kontrollen, die sicherstellen, dass das Material, wie Stahl, Beton und Kabel, nicht radioaktiv belastet ist, gelangen 97 Prozent der Rückbau-Masse wieder in den Umlauf. Der Beton beispielsweise wird häufig beim Bau von Straßen genutzt. Wirklich radioaktiver Abfall sind lediglich knapp zwei Prozent. [7] Bis 2013 werden diese Teile in Würgassen zwischengelagert, danach soll der radioaktive Abfall im Schacht Konrad, ein stillgelegtes Eisenerz-Bergwerk im Stadtgebiet Salzgitter, endgelagert werden. 90  E.ON-Beschäftigte sowie weitere knapp 400 Mitarbeiter von rund 50 Fremdfirmen sind mit dem Rückbau des früheren Atommeilers beschäftigt.[8] Für den Rückbau wurden bisher 700 Millionen Euro zurückgestellt. Vermutlich werden die Kosten bei einer Milliarde Euro liegen. [9]

Rückbau Würgassen

Kritik

Erhöhte Krebsraten in der Umgebung

1980 gelangten Studien, an denen auch die Universität Bremen mitarbeitete, zum Schluss, dass in einem Bereich von 15 bis 20 km um das Kraftwerk eine signifikant erhöhte Zahl von Krebs bei Kindern auftrat. Die Studie wurde dann von der Universität Göttingen für den Zeitraum 1980 bis 88 fortgeführt, wobei zwar eine Erhöhung gefunden wurde, die aber diesmal nicht signifikant war.[10]

Kikk-Studie: Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, sagte zur Kikk-Studie, es gebe „Hinweise, aber keine Beweise“ für mögliche Zusammenhänge zwischen Krebs und der Wohnortnähe zum AKW. Diskutiert wird das Thema schon seit Jahrzehnten: So hat der Kasseler Kinderarzt Matthias Demuth schon Ende der 80er-Jahre ein erhöhtes Kinderkrebs-Risiko rund um das 1994 stillgelegte AKW Würgassen an der Weser nachgewiesen. [11]

siehe auch

Anhang

Belege

  1. HNA-Printausgabe, 19. Juli 2008, Noch immer unter Strom
  2. Der Spiegel 38/1978 abgerufen Mai 2010
  3. Spiegel Online vom 2. März 2007: Uran im Garten - Herr der Pellets
  4. Udo Leuschner - Oktober 1994 - Risse im Reaktor-Kernmantel des KKW Würgassen entdeckt
  5. http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2003/0701/wissenschaft/0001/index.html Berliner Zeitung, Wissenschaften, vom 1. Juli 2003] abgerufen Mai 2010
  6. Energie Chronik Udo Leuschner abgerufen Mai 2010
  7. HNA Printausgabe 19. Juli 2008, „Hier braucht man keinen Schiss mehr haben“
  8. HNA Printausgabe 26. März 2010, Ein AKW wird demontiert
  9. HNA 26. März 2010, AKW-Abbau für Milliarden
  10. IPPNW-Artikel
  11. HNA Printaussage vom 27. November 2010, Experte: Zufall und anderes denkbar

Weblinks