Kassel zur Zeit des Nationalsozialismus

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Bei Hitler und dem Nationalsozialismus handelt es sich offenbar um ein Ereignis, das alle bekannten Maßstäbe sprengt, um das plötzliche Hervortreten der Barbarei mitten im scheinbar gefestigten zivilisierten Rechtsstaat, um ein Ereignis mithin, das nicht einmal mit anderen historischen Großereignissen der Neuesten Zeit vergleichbar ist.

Dass solche verbrecherischen Untaten nicht im fernen Kurdistan oder in Tschetschenien, nicht in Zaire oder Bosnien, sondern mitten unter uns geschahen, bleibt als Stachel der Herausforderung auch für nachfolgende Generationen bestehen. Wir können hier keine gesicherten Antworten geben, sondern uns nur stets von neuem einer Antwort annähern ‑ und sind gehalten dies zu versuchen.

aus: Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar, Die nationalsozialistische Machtergreifung 1933 in der Stadt Kassel (Vortrag 1999) [1]

Geschichte

Zum Kriegsbeginn in Kassel im Jahre 1939 gibt es durchaus unterschiedliche Sichtweisen: Einerseits gab es nach Zeitzeugenberichten keine Begeisterung wie zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Das Leid von damals und die Folgen des Krieges waren noch in wacher Erinnerung.

Aber es gibt auch andere Bilder: So treffen sich fast 300.000 Soldaten im Juni 1939 in Kassel zum 1. Großdeutschen Reichskriegertag. Adolf Hitler fliegt in die Stadt und nimmt die Parade ab. Er greift in seiner Rede England an. Die Euphorie kennt zumindest in diesen ersten Junitagen keine Grenzen.

Pressemeldung aus den NNN am Mittag des 30. Januar 1933: "Hitler zum Reichskanzler" ernannt.

In den Jahren zwischen 1933 und 1945 war Kassel die „Gauhauptstadt“ der damaligen Provinz Kurhessen. Wirtschaftlich war die Stadt besonders aufgrund Ihrer Industrie von Interesse. Die Stadt war nicht nur ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt sondern beherbergte auch wichtige Rüstungsbetriebe. Die größten der insgesamt 21 Standorte waren die Fieseler-Werke, das Henschel - Flugmotorenwerk Altenbauna und das 1940 errichtete Zweigwerk der Firma Junkers in Bettenhausen.

Ab Mitte 1942 wurden in Kassel die von Henschel und Porsche entwickelten schweren Kampfpanzer Tiger I und Tiger II gebaut. Damit gehörte Henschel zu den drei größten Panzerherstellern des Reichs. Der wichtigste Zulieferer war die als Waggonfabrik gegründete Kasseler Firma Wegmann, die die Türme für den "Tiger" herstellte. Allein bei Henschel wurden 1942 in der Rüstungsproduktion über 6000 Zwangsarbeiter eingesetzt (siehe dazu auch den Regiowiki-Artikel Zweiter Weltkrieg).

Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) hatte ihren Sitz in der Straße Königstor. Von dort aus wurden in großem Umfang die taktischen Säuberungen, die Pogrome sowie Verfolgung und Deportation politischer, religiöser und rassischer Gegner der NS-Ideologie geplant und organisiert.

Am Abend des 7. November 1938 wurden die Kasseler Synagoge und andere jüdische Einrichtungen von Angehörigen der SA und SA verwüstet, zwei Tage vor der Novemberpogromen. Vor den Augen der Öffentlichkeit wurde in Kassel am 7. November 1938 die Große Synagoge gestürmt. Von einem "aufgehetzten Mob" war in Nachkriegsberichten die Rede, aber trifft das die Tatsachen? Und hunderte sahen damals dabei zu, wie die Große Synagoge gestürmt wurde. Gebetsrollen, Kultgegenstände und Gestühl wurden auf die Straße geschleppt und angezündet. Anschließend zog die Menschenmenge in die Große Rosenstraße, wo das gleiche im Schul- und Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde geschah.

Dies war der vorläufige Höhepunkt in einer Welle menschenverachtender Judenverfolgung, die sich gegen das jüdische Leben in Kassel richtete. Zwei Tage später kam es in Kassel und anderen Orten der Region in der Nacht des 9. auf den 10. November zu erheblichen antijüdischen Ausschreitungen, zu Synagogenschändungen und der Zerstörung jüdischer Geschäfte, was lange Zeit als "Reichskristallnacht" verharmlost wurde.

Die ersten Zwangsarbeiter kamen 1940 nach Kassel. Sie lebten in Barackenlagern und mußten in Industrie und Landwirtschaft schwerste Arbeit leisten.

Im Sommer 1940 ließ die Geheime Staatspolizei Kassel ein Arbeitserziehungslager für Schutzhäftlinge in der Landesarbeitsanstalt Breitenau einrichten. Das Lager war als Vorstufe eines Konzentrationslagers anzusehen. Die Häftlinge waren zum größten Teil Polen und Juden, aber auch Russen, Franzosen, Holländer, Belgier, Tschechen und Italiener waren unter den Gefangenen. Es handelte sich um Zwangsarbeiter, die seit Beginn des Krieges nach Deutschland geschafft und in der Industrie und Landwirtschaft eingesetzt wurden.

1941 begannen vom Kasseler Hauptbahnhof aus die Deportationen der Juden aus der Stadt und dem Umland. Sie wurden in Lager abgeschoben, in denen die meisten umkamen.

Der erste Transport, so wird es in dem Werk "Volksgemeinschaft und Volksfeinde - Kassel 1933 bis 1945" von Jörg Kammler und Dietfrid Krause-Vilmar dokumentiert, ging am 9. Dezember 1941 nach Riga. Andere nach Theresienstadt und Lubin/Majdanek folgten 1942. Dies war, wie sich später herausstellte, das Ende der jüdischen Gemeinde in Kassel. Niemand weiß, wieviele Kasseler Juden den Endlösungs-Wahn der Nazis überlebten.

Das zerstörte Kasseler Staatstheater

In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 wurde die Kasseler Innenstadt durch einen Luftangriff der RAF nahezu komplett zerstört. Etwa 10.000 Menschen kamen in den Flammen und Trümmern ums Leben, über 80 Prozent der Stadt wurden zerstört, darunter fast die komplette Altstadt mit ihren aus dem Mittelalter stammenden gotischen Fachwerkhäusern. Bomben im Gesamtgewicht von 1500 Tonnen wurden über Kassel abgeworfen. Rund 10.000 Menschen kamen ums Leben (mehr zum Thema im Artikel: Luftangriffe auf Kassel).

Am 4. April 1945 kapitulierten die in Kassel befindlichen Einheiten der Wehrmacht, als Truppen der US-Armee von Süden her kommend in die Frankfurter Straße einmarschierten und bis zum 5. April auch Bettenhausen als letzten Stadtteil eroberten. Und die Tätigkeit des damaligen Kasseler Oberbürgermeisters endete mit dessen Verhaftung am 6. April 1945 durch die in Kassel einmarschierenden US-Truppen.

Mahnung und Gedenken

Stadtrundgang

Das Königstor, der Friedrichsplatz oder der Hauptbahnhof in Kassel – das alles waren Orte des Verbrechens im sog. Dritten Reich. Heute sind es Stationen eines Stadtrundgangs, der an die Zeit des Nationalsozialismus in Kassel erinnern soll.

Die kleine Führung beginnt am ehemaligen Polizeipräsidium am Königstor, früher war es das Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei, kurz Gestapo.

Danach geht es zum Aschrottbrunnen vor dem Rathaus, der von dem jüdischen Unternehmer Sigmund Aschrott gestiftet wurde.

Anschließend vorbei am Friedrichsplatz, den Adolf Hitler mehrfach besuchte und auf dem 1933 Bücher jüdischer, marxistischer und pazifistischer Autoren verbrannt wurden.

Weiter geht es an die Untere Königsstraße zur ehemaligen Synagoge und zur Walter-Hecker-Schule an der Schillerstraße. Dort befand sich damals das Sammellager für Juden, bevor sie vom Hauptbahnhof aus deportiert wurden.

Der Rundgang endet am Hauptbahnhof mit dem Gepäckwagen zur Erinnerung an die deportierten Juden. [2]

Zur Erinnerung an die Gewaltherrschaft 1933 - 1945

Im Gedenken an die Opfer von Rassismus und Nationalismus und in Ausführung des Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung, die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus in Kassel wachzuhalten, hat die Stadt Kassel zehn historische Stätten ausgewählt und dort Gedenktafeln anbringen lassen. [3]

  • Zur Mahnung - am ehemaligen Sitz der Gestapo am Königstor | Link
  • Das Haus der Arbeiterwassersportler (heute WVC-Vereinsheim am Auedamm 23 - nach dem Krieg erhielt die "Wassersportvereinigung Cassel" ihr Haus zurück) | Link
  • Das Kasseler Gewerkschaftshaus an der Spohrstraße | Link
  • Das Zuchthaus Wehlheiden | Link
  • Die Synagoge (sie stand einst an der Unteren Königsstrasse) | Link
  • Das Auffanglager für Juden - die Turnhalle der Bürgerschule (heute: Walter-Hecker-Schule) in der Schillerstraße wurde während der NS-Zeit als Sammellager für Juden vor deren Deportation genutzt | Link
  • Der Aschrottbrunnen (er stand einst vor dem Rathaus) | Link
  • Die Bürgersäle an der Oberen Karlsstrasse (einstiger NS-Treffpunkt) | Link
  • Der Massenmord an den italienischen Kriegsgefangenen und ausländischen Zwangsarbeitern (die Gedenktafel befindet sich in der Saarlandstraße, Ecke Wilhelm-Schmidt-Straße, in Kassel-Bad Wilhelmshöhe) | Link
  • Zum Gedenken an die Kasseler Sinti und Roma (diese Gedenktafel befindet sich im Ehrenhof an der Vorderseite des Rathauses in der Oberen Königsstraße 8) | Link

Wegweiser:


Zur Mahnung an die Lebenden, dem Faschismus rechtzeitig entgegenzutreten, sind weiterhin Gedenkstätten in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen worden:

  1. Gedenkstätte für die Opfer der Bombennacht vom 22./23. Oktober 1943, am Steinweg vor der Brüderkirche.
  2. Gedenktafel auf dem Friedhof in Wehlheiden für zwölf Menschen, die am 30. März 1945 von der Gestapo ermordet wurden.
  3. Mahnmal »Die Rampe« an der Moritzstraße.
  4. Mahnmal für die Opfer des Faschismus, an der Weinbergstraße, »Den Vernichteten 1933–1945« gewidmet.
  5. Ehrenmal, an der Schönen Aussicht, für die umgekommenen Soldaten beider Weltkriege; darunter eine Gedenktafel für die, die den Kriegsdienst für die NS-Gewaltherrschaft verweigerten.

Literatur

Am Tag nach der Kasseler Pogromnacht entstand diese Aufnahme an der Großen Rosenstraße.
  • Frenz, Wilhelm, Der Aufstieg des Nationalsozialismus in Kassel 1922 bis 1933, in: Hessen unterm Hakenkreuz: Studien zur Durchsetzung der NSDAP in Hessen, hrsg. von Eike Hennig, Frankfurt am Main 1983, S. 63 ff.

Die nachfolgenden Publikationen beschäftigen sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus in Kassel und Nordhessen und sind überwiegend aus Forschungsarbeiten an der Universität Kassel hervorgegangen:

  • Flemming, Jens/ Krause-Vilmar, Dietfrid (Hrsg.), Kassel in der Moderne, Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, Marburg 2013 [4]
  • Groeneveld, Alfred F., Im Außenkommando Kassel des KZ Buchenwald, Kassel 1991 (= Nationalsozialismus in Nordhessen - Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Dietfrid Krause-Vilmar, Heft 13)
  • Heither, Dietfrid/ Matthäus, Wolfgang/ Pieper, Bernd: Als jüdische Schülerin entlassen - Erinnerungen und Dokumente zur Geschichte der Heinrich-Schütz-Schule in Kassel, Kassel 1984 (= Nationalsozialismus in Nordhessen - Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Dietfrid Krause-Vilmar und Wolfgang Prinz, Heft 5)
  • Jörg Kammler, Ich habe die Metzelei satt und laufe über ... - Kasseler Soldaten zwischen Verweigerung und Widerstand, Mitarbeit Marc Poulain, 3. erweiterte Auflage, Fuldabrück 1997
  • Kammler, Jörg/ Krause-Vilmar, Dietfrid, Volksgemeinschaft und Volksfeinde - Kassel 1933 bis 1945, Kassel 1984
  • Kammler, Jörg/ Krause-Vilmar, Dietfrid/ Kujawski, S./ Pfaff, N./ Wilmsmeier, R., Die Zerschlagung der Freien Gewerkschaften in Kassel im Jahre 1933, Kassel 1983
  • Klüppel, Manfred: „Euthanasie“ und Lebensvernichtung am Beispiel der Landesheilanstalten Haina und Merxhausen. Chronik der Ereignisse 1933 – 1945, Kassel 1984 (= Nationalsozialismus in Nordhessen - Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Jörg Kammler und Dietfrid Krause-Vilmar, Heft 4).
  • König, Wolfram/ Schneider, Ulrich, Sprengstoff aus Hirschhagen - Vergangenheit und Gegenwart einer Munitionsfabrik, Kassel 1985 (= Nationalsozialismus in Nordhessen - Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Dietfrid Krause-Vilmar, Heft 8)
  • Krause-Vilmar, Dietfrid, Hitlers Machtergreifung in der Stadt Kassel, in: Wilhelm Frenz, Jörg Kammler, Dietfrid Krause-Vilmar (Hg.): Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 - 1945. Band 2: Studien, Fuldabrück 1987, 13 - 36.
  • Krause-Vilmar, Dietfrid, Ausländische Zwangsarbeiter in der Kasseler Rüstungsindustrie (1940 - 1945), in: Leben in Ruinen. Kassel 1943 - 1948 im Gedenkjahr der Stadt Kassel zur Erinnerung an ihre Zerstörung am 22.10.1943, bearbeitet von Chr. Coers-Dittmar u. A. Link. Marburg 1993, 57 - 72
  • Krause-Vilmar, Dietfrid, Die nationalsozialistische Machtergreifung 1933 in der Stadt Kassel - Vortrag in der Volkshochschule Kassel am 27. Oktober 1999 (pdf)
  • Krause-Vilmar, Dietfrid, Das Konzentrationslager Breitenau. Ein staatliches Schutzhaftlager 1933/34, Marburg 1998 (= Nationalsozialismus in Nordhessen - Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Dietfrid Krause-Vilmar, Heft 18). 2. Auflage 2000
  • Mosch, Klaus, Schäferberg - Ein Henschel-Lager für ausländische Zwangsarbeiter, Kassel 1983 (= Nationalsozialismus in Nordhessen - Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Jörg Kammler und Dietfrid Krause-Vilmar, Heft 1).
  • Schmeling, Anke, Josias Erbprinz zu Waldeck und Pyrmont - Der politische Weg eines hohen SS-Führers, Kassel 1993 (= Nationalsozialismus in Nordhessen - Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Dietfrid Krause-Vilmar, Heft 16)
  • Vaupel, Dieter, Das Außenkommando Hessisch Lichtenau des Konzentrationslagers Buchenwald 1944/1945, Kassel 1984 (= Nationalsozialismus in Nordhessen - Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Jörg Kammler und Dietfrid Krause-Vilmar, Heft 3)
  • Wiederhold, Thorsten, Gerhard Fieseler – eine Karriere - Ein Wirtschaftsführer im Dienste des Nationalsozialismus, Kassel 2003 (= Nationalsozialismus in Nordhessen - Schriften zur regionalen Zeitgeschichte, hrsg. von Dietfrid Krause-Vilmar, Heft 20)

siehe auch

Jahre der NS-Diktatur

1933| 1934| 1935| 1936| 1937| 1938| 1939| 1940| 1941| 1942| 1943| 1944| 1945|

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. Die nationalsozialistische Machtergreifung 1933 in der Stadt Kassel (der urspr. Vortrag an der Volkshochschule Kassel aus dem Jahr 1999 wurde später mehrfach veröffentlicht, u.a. in: Arbeitsgemeinschaft Arbeit und Leben Kassel (Hrsg.): Kassel und Nordhessen in der Zeit des Nationalsozialismus. Dokumentation einer Vortragsreihe. Kassel 2003, S. 7-18)
  2. HNA-online vom 6.5.2010: Lehrer erinnert an die NS-Zeit
  3. Informationen zu Kasseler Gedenktafeln auf www.kassel.de
  4. HNA-online vom 18.9.2013: Herkules sollte weg - Architekt Albert Speer wollte Glockenmal

Weblinks