Kassel in den 1950er-Jahren

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Der Eingangsbereich des Schlosshotels im Kasseler Schlosspark.
(Archivfoto: © HNA/Fischer)

Anfang der 1950er-Jahre war Kassel noch deutlich von den Wunden des Krieges gezeichnet, doch zunehmend zeigte die Stadt auch einigen neuen Glanz. Daran war nicht zuletzt der Architekt Paul Bode (1903 - 1978) beteiligt. 1952 – Kassel zählte damals 176.000 Einwohner – entstand etwa das modernste Kino der Region, die Kaskade am Königsplatz, drei Jahre später empfing das Schlosshotel Bad Wilhelmshöhe die ersten Gäste und im September 1959 eröffnete das neue Staatstheater. Auch das Hotel Reiss entstand nach Plänen von Paul Bode (und Ernst Brundig). Schon bald fanden dort neben Modenschauen und Miss-Kassel-Wahlen auch Gesellschaftstanz-Veranstaltungen statt. Kassel machte sich in den frühen Wirtschaftswunderjahren wieder "schick" (vgl. dazu auch den Artikel in der HNA vom 25.11.17 von Ullrich Riedler).

Chronik

Plakat von Henschel: Oberleitungsbus aus den 1950er-Jahren

documenta 1955 - Beginn einer Ausstellungskarriere

Als die Bundesgartenschau am 29. April 1955 in Kassel eröffnet wurde, waren noch tausende Menschen in Behelfsquartieren untergebracht, die Stadt glich noch immer einem Trümmerfeld. Doch mit der Bepflanzung zur Bundesgartenschau verwandelten sich Trümmer in eine neue Parklandschaft. Drei Millionen Menschen zog die Bundesgartenschau im Sommer 1955 in die Stadt. Große Attraktionen waren der Sessellift über dem Gelände und beleuchtete Wasserspiele. Rund 5,5 Millionen Besucher wurden in der Zeit vom 30. April bis zum 18. Oktober 1955 gezählt.

Die documenta war damals nur als kulturelle Ergänzung zur Bundesgartenschau 1955 geplant. Aber sie trat rasch aus dem Schatten des Großereignisses hinaus und wurde zur weltweit anerkannten Institution. "Allein die documenta wird die Stadt für Jahrzehnte in die europäische Kulturdiskussion einschalten." Als Friedrich Herbordt dies in seinem Rückblick auf das Jahr 1955 schrieb, konnte er allerdings noch nicht ahnen, daß die Kunstausstellung, die im Sommer 134.850 Besucher in das Fridericianum gelockt hatte, einmal zur festen Adresse im internationalen Ausstellungskalender werden sollte.

Kasseler Bauwerke

Bekannte Bauwerke der Zeit

Objekt Jahr Planung
Bahnhofsgaststätte Henkel , Ausstattung 1948 Paul Bode und Arnold Bode
Capitol-Kino, Wilhelmsstraße 1949/1952 Paul Bode
Kaskade-Kino, Königsplatz (Wiederaufbau) 1949 Paul Bode
Belgiersiedlung 1952 Paul und Theo Bode
Hotel Hessenland 1953 Paul und Arnold Bode
Wohnhochhaus Sophienstraße 1953 Paul Bode
Gestaltung an der Schlagd 1953 Catta und Groth, Brahm und Kasteleiner, Paul und Theo Bode, Hasper und v. Wild
Wohnhäuser Nebelthaustraße/ Westerburgstraße 1953 Paul Bode und Ernst Brundig, Grüning
Hotel Reiss am Kasseler Hauptbahnhof 1954–1955 Paul Bode
Centrum-Garagen 1955 Paul Bode und Ernst Brundig
Schloßhotel Wilhelmshöhe 1955 Paul Bode
Staatstheater 1959 Paul Bode und Ernst Brundig

Erste Hochhäuser

Das erste Hochhaus in Kassel wurde 1953 fertiggestellt. Arnold Bode, Architekt und Initiator der documenta hatte den Bau an der Sophienstraße entworfen, von dem die Hessischen Nachrichten anlässlich der Übergabe an die Mieter im März 1953 schrieben: "Mit dem Bau ist nicht nur eine dringende Bedarfsfrage gelöst worden, er wird auch als ein Wahrzeichen des fortschrittlichen Aufbauwillens der Stadt Kassel weit in die Umgebung grüßen und auf einem der schönsten Hänge des Wohngebietes entscheidend die Silhouette des westlichen Stadtbildes bestimmen." 50 Wohnungen hatte die Gewobag (Gemeinnützige Wohnungsbau Gesellschaft) hier erstellt, mit "Domotherm"-Warmluftheizung, Müllschlucker, öffentlichem Fernsprecher im Haus, Aufzug und Kantine im Dachrestaurant galt der zehngeschossige Bau als sehr modern.

Das zweite Kasseler Hochhaus war das ab 1954 gebaute und 35 Meter hohe EAM-Hochhaus an der Treppenstraße. Ein Jahr später folgte das Wohnhochhaus an der Goethestraße 15 mit 36 Metern, ebenfalls nach den Plänen von Bode, bevor dann 1957 die Firma Wintershall ihr 46 Meter hohes Verwaltungsgebäude an der Friedrich-Ebert-Straße baute.

Kasseler Treppenstraße

Blick entlang der oberen Treppenstrasse Richtung Scheidemannplatz

"Mit dieser Treppenstrasse hat sich, so glaube ich, die Stadt Kassel ein bleibendes Denkmal gesetzt und bewiesen, dass sie auch in städtebaulicher Hinsicht jedem Fortschritt zugetan ist", lobte Oberbürgermeister Willi Seidel, bevor er 1953 das weiße Band zerschnitt und die erste Kasseler Fußgängerzone zum Bummeln freigab. 200.000 DM waren in knapp sechs Monaten verbaut worden, um die 104 Stufen und die Bahnen für Kinderwagen anzulegen.

Von einer "wahrhaft idealen Verbindung der Kasseler Innenstadt mit der Welt", schwärmte Stadtbaurat Dr. Bangert angesichts der Verbindung zwischen Hauptbahnhof und City. Auch unter Kasseler Geschäftsleuten galt die Treppenstraße als gute Adresse. Das erste Geschäftshaus wurde kurz nach Fertigstellung der Straße eröffnet, CVJM, EAM und Handwerkskammer planten, sich hier niederzulassen.

Millionen für den Wiederaufbau

Schon in den frühen 1950-er Jahren gibt es kaum eine Kasseler Straße, in der nicht gebaut wird. Die Bilanz 1952: Vier neue Volksschulen, drei neue Turnhallen, zwei Aulen; die Frauenbildungsanstalt ist wiederaufgebaut und der Rohbau der Gewerblichen Schule fertiggestellt. Am Tannenwäldchen erstehen "Hessens größte Jugendherberge" mit 200 Betten und daneben ein zweites Wohnheim für 50 Jungen. An der Fuldabrücke ist Richtfest für das Haus der Jugend, und der Stadionbau für 35.000 Zuschauer an der Frankfurter Straße wird abgeschlossen, der Tribünenbau begonnen. Besonders gefördert wird der Wiederaufbau des Stadtkrankenhauses am Möncheberg. Neben dem Hörsaal mit Speiseraum für 200 Schwestern wird noch ein Schwesternhaus mit 130 Betten errichtet und der erste Bauabschnitt zu dem großen Gebäude für die Chirurgie mit Operationssaal ist im Rohbau fertiggestellt.

Das Rathaus mit Stadtverordneten- und Magistratssaal, dem Kommissionszimmer und den Verwaltungsräumen ist wieder voll benutzbar. Die Friedhofskapelle ist wiederaufgebaut, und auch die Brüderkirche und das Ottoneum "präsentieren sich heute in freierer Umgebung vorteilhafter denn je", so ein HN-Kommentar. Für all diese Bauvorhaben hat die Stadt 6 Millionen Mark ausgegeben.

OB Willi Seidel

Dem Wohnungsbau allerdings - so räumt Oberbürgermeister Willi Seidel in einer Ansprache ein - müsse die "größte Aufmerksamkeit zugewendet werden, und zwar nicht nur hinsichtlich der Quantität sondern auch der Qualität". Die Statistik des Jahres ’52 verzeichnet 2500 neue Wohnungen, davon die Hälfte in der Innenstadt.

In den Straßenbau steckt die Stadt 2,2 Millionen Mark; davon wurden 150 Straßen ausgebaut oder instandgesetzt .

Doch nicht nur die Stadt klemmt sich hinter den Wiederaufbau. Die Landeskreditkasse baut, die Sparkasse baut, der Hessische Rundfunk weiht das Studio Kassel ein. Die erste Hessische Gartenbauschule wird eröffnet. An der Eugen-Richter-Straße sind 1000 Bauarbeiter an Kassels größtem Bauprojekt, den Belgierkasernen, beschäftigt. Und der "Hauptbahnhof bekommt wieder Großstadtformat" melden die HN am 20. Dezember 1952. Mit dem Wiederaufbau des Gebäudes war zwar schon 1950 begonnen worden, aber Finanzschwierigkeiten bei der Reichsbahn hatten zu einer anderthalbjährigen Baupause geführt. Doch das ist im Dezember ’52 schon vergessen angesichts der neuen "Fahrkartenhalle mit zehn Schaltern, breiten Fenstern und formschönen Stahlrohrsitzmöbeln", von der die HN zum Eröffnungstag schwärmen.

Helden im Wiederaufbaujahr 1952 sind übrigens die Baggerführer, die in Zweier-Besatzung die Altstadt enttrümmern. "Mit jedem Hebelzug ein Kubikmeter", lautet die Devise. Ein amerikanischer Armeebagger steht kostenlos zur Verfügung; mit seiner Hilfe wird fast die Hälfte der 65 000 Kubikmeter Schutt geräumt.

Im Jahresrückblick jedenfalls zeigt sich OB Seidel zufrieden: Die Gesamtbilanz des Kasseler Aufbaujahres 1952 könne als durchaus positiv bezeichnet werden.

Kassels erste Rolltreppe geht am 8. November 1954 im neuen Erweiterungsbau des Kaufhauses Neckermann in Betrieb und die Kunden drängen sich, um die technische Neuheit zu besichtigen. Am Kasseler Königsplatz hatte die Neckermann KG seinerzeit eines ihrer schönsten und größten Kaufhäuser errichtet. 10.000 Quadratmeter Verkaufsfläche waren dort entstanden und 700 Menschen fanden in den 30 Verkaufsabteilungen sowie der Verwaltung Arbeit. Im damals autofreundlichen Kassel wurde besonders das Parkdeck mit 184 Plätzen begrüßt.

Auf den Trümmern des Palasthotels Kaiserhof am ehemaligen Kasseler Hauptbahnhof entsteht 1954 und 1955 das Hotel Reiss nach den Plänen von Paul Bode und Ernst Brundig. Schon bald finden dort neben Modenschauen und Miss-Kassel-Wahlen auch Gesellschaftstanz-Veranstaltungen statt. Die Hotel-Geschichte gleicht zu Beginn dem Stoff eines Hollywood-Films. Legendär waren etwa die Bälle, die Kinomogul Gerhard Theurich in den 1950er-Jahren im großen Saal für Stars und Sternchen organisierte. Nicht nur Marika Rökk, Heinz Rühmann oder Dieter Borsche kamen zu Premierenfeiern ins Reiss und stießen auf ihre Erfolge an.

Im Jahr 1955 enstehen in Kassel das Schloßhotel und das Hotel Hessenland, die Empfangshalle des Hauptbahnhofs (mittlerweile preisgekrönt umgestaltet) mit dem Bali als Non-Stop-Kino und das Auebad. Zur Schönheit der anfangs oft geschmähten 1950er-Jahre-Architektur zählen innenarchitektonische Details wie etwa das Treppenhaus im Hotel Hessenland. Es gab aber auch schon Baumängel: Das Capitol-Kino mußte aus Sicherheitsgründen geräumt werden.

Die geschlossensten innerstädtischen Zeilen entstanden in jener Zeit am Ständeplatz und beiderseits der Treppenstraße. Fertiggestellt und freigegeben wurde 1955 auch der Flugplatz Waldau - angeblich mit Anschluß an den internationalen Luftverkehr.

Auch einige Jahre später herrscht im Jahr 1958 in Kassel - mit inzwischen 200.000 Einwohnern - noch ein imposanter Bauboom.

Das neue Polizei-Verwaltungsgebäude am Altmarkt geht am 11. Juni in Betrieb und gilt den Hessischen Nachrichten als "eine Visitenkarte der neuen Stadt" an Kassels modernem Verkehrskreuz. "Zeit der großen Bauten noch nicht vorbei", meldet die Kasseler Zeitung am 24. Mai. In der Innenstadt entstehen Geschäftshäuser und Kinos, überall in der Stadt werden neue Wohnhäuser und Büros gebaut. Am Ständeplatz wird die Massey-Ferguson-Hauptverwaltung fertiggestellt, an der Friedrich-Ebert-Straße das große Geschäfts- und Bürohaus der Agrippina-Versicherung.

Dr. Lauritz Lauritzen

Der inzwischen amtierende Oberbürgermeister Dr. Lauritz Lauritzen und Kassels Stadtbaurat Dr. Wolfgang Bangert fahren von einer Gebäudeeinweihung zur nächsten. Als letzter Abschnitt der wiederaufgebauten Fasanenhofschule wird die neue Aula am 21. Mai an die Schulgemeinde übergeben, die neue Schule in der Gartenstadt Eichwald am 22. Mai eingeweiht.

Im Juni 1958 feiert die "Gewobag" das größte Richtfest des sozialen Wohnungsbaus in Nordhessen. Der Richtkranz schwebt über insgesamt 1055 Wohnungen überall in der Stadt. Inzwischen gibt es in Kassel wieder rund 61.000 Wohnungen. Aber noch immer sind annähernd 27.000 Menschen als wohnungssuchend gemeldet; 1.000 von ihnen gelten als "Notfälle", die dringend eine Bleibe brauchen. Zur Linderung der Wohnungsnot vergibt die Stadt Darlehen in Millionenhöhe und verschafft Bauherren Bürgschaften.

Nahe der Neuen Mühle am Rande des Stadtteils Niederzwehren wird am neuen Großkraftwerk Dennhäuser Straße gebaut, das schon in den ersten Monaten des Jahres 1959 die Stromversorgung der wachsenden Stadt sichern soll. Die Städtischen Werke starten außerdem mit dem Bau eines zweiten Hallenbades in zentraler Lage am Lutherplatz. An der Schillerstraße entsteht die Gewerbliche Berufsschule, an der Bürgermeister-Brunner-Straße/ Ecke Richardweg ist das repräsentative Siemens-Haus im Rohbau fertiggestellt.

Das besondere Augenmerk der Planer gilt dem Ausbau der autogerechten Stadt. Die Motorisierung schreitet voran. In Zeitungsanzeigen wird für das Gogomobil Coupé zum Preis ab 3.500 DM geworben, auch NSU Prinz und BMW Isetta stehen hoch im Kurs. Die Kasseler Volksbank eröffnet an der Rückseite ihres neuen Gebäudes zwischen Rudolf-Schwander- und Schomburgstraße im Mai Hessens ersten Autoschalter, an dem Autofahrer ihre Geldgeschäfte erledigen können, ohne aus dem Fahrzeug steigen zu müssen.

Über 20.000 Fahrzeuge sind zur Jahresmitte 1958 in der Stadt registriert. Bis Ende Juni müssen alle Autobesitzer die alten, schwarzen Nummernschilder zurückgeben und ihre Automobile mit den neuen, weißen "KS"-Kennzeichen ausrüsten.

Preisgekrönter Entwurf gekippt

Der preisgekrönte Entwurf der Architekten Scharoun und Mattern wird nicht ausgeführt, stattdessen kommt Paul Bodes Konzept zum Zuge.

1954 beschäftigte der Bau des Kasseler Staatstheaters die Lokal- und Landespolitik. Nicht der preisgekrönte Entwurf der Architekten Scharoun und Mattern wird ausgeführt, stattdessen kommt Paul Bodes Konzept zum Zuge (vgl. dazu: Kassel im Jahr 1954).

1958 rüstet sich das Staatstheater dann für die letzte Saison auf der Behelfsbühne. Am Friedrichsplatz entsteht der neue Theaterbau. Im Oktober wird Richtfest gefeiert und Mitte 1959 soll das neue Staatstheater fertiggestellt sein. Es dauert dann noch bis zum 12. September 1959 bis das neue Staatstheater mit einem Festakt eröffnet wird.

Siedlungen im Sinne der 1950er-Jahre

Durch die großen Gebäude und Siedlungen, die im Geist der 1950-er Jahre errichtet wurden, erhielt das Zentrum Kassels ein unverwechselbares und mittlerweile denkmalschutzwürdiges Gesicht: klare rechteckige Bauten mit großzügigen Glasfassaden oder eng beieinander liegenden Fenstern und Flachdächern, die wie Sonnensegel über das oberste Geschoß hinausragen.

Größtes Wohnbauprojekt war im Jahr 1955 der Bau der Auefeld-Siedlung - einer beispielhaften Stadtlandschaft im Grünen. "Licht, Luft und Sonne" ist das Motto des Wohnungsbaus in den Fünfzigern, nachdem allein in der engen Kasseler Altstadt im Krieg 8.000 Wohnungen zerstört worden sind, die diese Kriterien selten erfüllten. Jetzt wird im Auefeld und in Helleböhn oder am Lindenberg gebaut, aber auch in Wilhelmshöhe, wo die Bundesbahn-Wohnungsbaugesellschaft ein Wohnhochhaus errichtet. Auch damals verursacht Bauen aber nicht nur eitel Freude, denn die Anlieger der Virchowstraße - Senatspräsidenten und Bundesrichter - sehen sich um ihre Aussicht auf den Habichtswald gebracht.

Persönlichkeiten

Sport

1953: Stolz auf das neue Aue-Stadion

Historisches Sportfoto: Leichtathletik-Veranstaltung im Auestadion

Tausende Menschen pilgerten am Sonntag, dem 23. August 1953 ins neue Kasseler Aue-Stadion zur Eröffnungsfeier. Überall wehten bunte Fahnen, die Tribüne mit ihren 2000 Sitzplätzen war bis auf den letzten Platz besetzt.

Der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn sprach die Eröffnungsworte und äußerte den Wunsch, "daß Demokratie und Sport ein einiges, starkes Bollwerk für die Freiheit bilden". Für den weiteren Ausbau des Stadions hatte er einen Scheck der Landesregierung über 100 000 DM mitgebracht.

Von "einer ereignisreichen Stunde im Kasseler Sportleben" sprach Oberbürgermeister Willi Seidel. Neue Sportplätze zu bauen, sei das größte Verdienst einer Stadtverwaltung, denn es seien Werke der Lebensbejahung, sagte Stadtrat Hans Nitsche, der den Bau des Stadions initiiert hatte.

300.000 DM aus Totomitteln waren für den Bau zur Verfügung gestellt worden, viele Tonnen Trümmerschutt aus der Altstadt fanden Verwendung. Die geplanten beheizbaren Umkleide-, Wasch- und Duschräume unter der Tribüne mussten wegen Geldknappheit auf einen späteren Bauabschnitt verschoben werden.

Die Sportfans waren dennoch begeistert von der neuen Wettkampfstätte, die nicht nur 2000 Zuschauern auf einer überdachten Tribüne Platz bot, sondern mit ihren Rasenflächen, der 400 Meter langen Aschenbahn und den Sprunggruben internationalen Anforderungen entsprach. Fachleute aus ganz Deutschland und sogar aus der Schweiz kamen zur Besichtigung und zeigten sich beeindruckt von dem Bau.

Harleshäuser Sutter-Elf

Die Sutter-Elf der Feldhandballer des SV Harleshausen

Bei Nacht und Nebel hatten die Harleshäuser Handball-Verantwortlichen den Feldhandball-Nationalspieler Ottmar Sutter und seine Frau Lore 1947 vom VfL Neckarau zur SV Harleshausen (der späteren SVH Kassel) geholt, auf einem Lastwagen die Habseligkeiten des Ehepaares.

Ottmar Sutter, den alle nur „Ottel“ nannten, wurde Spielertrainer der Kasseler. Mit ihm hatte der Harleshäuser Handball eine Zeit, über die man am Daspel heute noch gern spricht. Der Ausnahmesportler führte die Mannschaft von 1951 bis 1957 und dann wieder 1959 in die Endrundenspiele zur Deutschen Feldhandball Meisterschaft. Zu diesen Spielen – Sternstunden des Handballs in Nordhessen – kamen zwischen 8 000 und 30 000 Zuschauer: die Stadt war im Feldhandball-Fieber.

Als es der Mannschaft 1959 wieder nicht gelang, ins Endspiel einzuziehen, endete die Ära einer Truppe, die nach ihrem Spitzenmann und Trainer „Sutter-Elf“ genannt wurde und deren Glanz in Harleshausen längst noch nicht erloschen ist.

Verkehrschaos in Wilhelmshöhe

Dieses Bild aus dem Jahr 1948 zeigt August Frank mit Trainer Heinz Winkelmann im Ring. Der war auf dem Hof der damaligen Bürgerschule 19/29 (heute Reformschule) in Wilhelmshöhe aufgebaut.

Von dem Kasseler Journalisten Horst Biese stammt der Satz: „Wenn August Frank mit seinen Staffelkameraden Thielemann, Hauptreif, Meibert, Großkurth, Schweda, Stübner, Hussarek oder Nikolaus im Saal der Gaststätte Fontäne oder bei schönem Wetter auf dem Schulhof der benachbarten Bürgerschule boxte, herrschte in Wilhelmshöhe Verkehrschaos.“ Besonders August Frank war nach dem Zweiten Weltkrieg und in den 1950er-Jahren ein erfolgreicher nordhessischer Boxer. 1956 wurde er in der Kasseler Stadthalle hessischer Meister, zwei Jahre zuvor hatte er für Hessen zwei Länderkämpfe in Irland und England bestritten.

KSV Hessen Kassel

Der KSV Hessen Kassel (Kasseler Sport-Verein Hessen Kassel) qualifizierte sich 1950 erstmals für die zweithöchste Fußball-Spielklasse, die damalige 2. Oberliga Süd. Von 1953 bis 1955 und von 1962 bis 1963 gehört der Verein der Oberliga Süd als damals höchste Spielklasse an. Es gab in dieser Zeit auch einen Nationalspieler: Gustav Hensel.

siehe auch

VW-Werk in Baunatal

In der zweiten Hälfte der 1950-er Jahre gelang es, das VW-Werk, Nordhessens größten Arbeitgeber, nach Altenbauna vor die Tore Kassels zu holen. In das Dorf, das bald zur Keimzelle Baunatals wurde, heute die drittgrößte Stadt der Region. Am 1. Juli 1958 begann im Werk Kassel die Produktion mit der Aggregateaufbereitung. Mit dem Start der Getriebefertigung im Jahr 1960 wurde der Standort dann zum leitenden Getriebewerk für den Volkswagen-Konzern.

Weitere Informationen

Zissel-Jubiläum 1950: Farbtupfer im Alltag

Zünftig feiern die Kasseler 1950 den 25. Geburtstag des Zissels. Das Fest ist eine willkommene Abwechslung in diesem harten Nachkriegsjahr. "Die Elsa dampft durch Kassel-Stadt, weil sie es furchtbar eilig hat." Mit diesen Worten lockt die Zisselgesellschaft zum beliebten Wasserfest. Und tatsächlich macht der Dampfer Elsa beim Festzug zu Land auf Straßenbahnschienen von sich reden. Denn die "Elsa" erzeugt so viel Hitze auf den Schienen, daß zwei Löschzüge der Berufsfeuerwehr ausrücken müssen, um den Brand zu löschen. Vom 4. bis 7. August geht die Fete über die Bühne, der Blick ins Programmheft verrät, daß der Zissel für die Bürger ein willkommener Anlaß war, einmal abzuschalten und nicht an die Alltagsprobleme zu denken. Es ist die Zeit, in der Trümmer beseitigt werden und in der begonnen wird, die Stadt wiederaufzubauen.