Kassel im Jahr 1999

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Aus der Serie: 100 Jahre Kassel

Der Blick zurück verklärt vieles

Wolkenfenster über Kassel

Die Zeitreise durch die Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert geht dem Ende entgegen. Eckdaten waren zwei Kriege, die Nazi-Diktatur und die fast völlige Zerstörung.

Das letzte Jahr des Jahrhunderts, das Jahr 1999, ist noch zu sehr Gegenwart, als dass der erinnernde Blick es schon zuverlässig erfassen könnte. Die Geschehnisse, wichtig, unwichtig, klein und groß, sind dicht vermengt. Gewichten lassen sie sich nicht. Im Gegenteil, die Nähe verstellt den Blick. Weil wir also nicht wissen, welches das für die Stadt herausragende oder signifikante Ereignis war, verzichten wir darauf, eines in den Mittelpunkt zu stellen.

Überhaupt verändert sich auf der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert der subjektive Zeithorizont. Wir haben mit unserer Serie das Jahrhundert Jahr für Jahr abgeschritten. Es war ein langer Weg. Jetzt sind wir gewissermaßen am Ziel. Und am Ende einer Reise wendet man sich unwillkürlich um und schaut noch einmal ein letztes Mal zurück. Die Vergangenheit ähnelt im Rückblick einer weiten Landschaft, mit Bergen und Tälern, dunklen und hellen Partien. Zeitreisen gleichen darin wirklichen Reisen. War es, bezogen auf Kassel, eine glückliche Reise? Sie war es weiß Gott nicht. Die Bilanz der letzten 100 Jahre ist für die Stadt verlustreich. Es gibt wenige Städte, die durch den zweiten Weltkrieg und die Entwicklung danach in ihrer Substanz so nachhaltig geschwächt wurden. Zerstört waren viele Orte. Kassel aber lag nicht nur in Trümmern, sondern hatte sein Gesicht und sein Gewicht verloren.

Die Gründe sind bekannt und werden oft genannt. Erst der Krieg, dann die deutsche Teilung. Kassel rückte an den Rand. Das erklärt den Gewichtsverlust. Aber auch den Gesichtsverlust. Daran hat die Stadtpolitik mitgewirkt. Der Wiederaufbau, die Baugeschichte der Nachkriegsjahre überhaupt, ist ein Kapitel für sich. Die Devise hieß: Flucht aus der Vergangenheit. Wurde die Stadt deshalb neu? Sie wurde ein Behelf.

Die Intentionen, soweit sie kühn waren, blieben auf halbem Wege stecken. Es mangelte allenthalben an Kraft, selbst an der Kraft im Falschen. Eine Serie, die sich ans Faktische hält, vermag das unterbliebene natürlich nicht zu spiegeln. Wir haben die Geschichte erzählt, wie sie sich in Ereignissen niederschlug. Dahinter gibt es eine andere Geschichte.

Es ist die Geschichte der internen Stimmungen und Einstellungen, Gesinnungen und Gefühle. Eine Stadt besteht ja nicht nur aus einer Kette von Ereignissen. Die sind nachlesbar und beschreibbar, wenn sie nicht sogar in Bilddokumenten gegenwärtig bleiben. Das ist der archivierte Teil der Stadtgeschichte. Der Charakter einer Stadt teilt sich darin nicht eindeutig mit. Teilt er sich im Rückblick überhaupt mit?

Wenn ja, dann nur, wenn man in den überlieferten Vorgangen eine Struktur erkennt, so etwas wie ein durchgängiges Muster. Für Kassel sind solche prägenden Strukturen in jüngerer Zeit kaum auszumachen. Das gehört zu dem erwähnten Gesichtsverlust, der vielleicht auch einen Identitätsverlust anzeigt. Fremde, die in die Stadt kommen, finden sie zumeist wenig anziehend. Ein bestimmtes eigentümliches Bild drängt sich ihnen nicht auf.

Das hat gewiß damit zu tun, daß aus dem Stadtbild das von langer Hand Gewachsene weitgehend verschwunden ist. Es gab nach dem Krieg keinen Versuch der Restaurierung, etwa der Altstadt. Was nicht den Bomben zum Opfer gefallen war, fiel einem forschen Erneuerungseifer zum Opfer. Doch zu einer modernen Stadtgestalt reichte weder die Phantasie noch die ökonomische Kraft.

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