Kassel im Jahr 1996

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Dieser Sommer gehört der Erinnerung

Sommer 1996. Der Regen pladdert auf die Stadt, die Freibäder sind leer, und auf dem Messeplatz rücken die Archäologen an. Im Zuge der Wiedergründung der Unterneustadt beginnen die Ausgrabungen. Dieser Sommer gehört der Erinnerung.

Das Geheimnis liegt unter dem Stein, und das Landesamt für Denkmalpflege spricht gar von einem "hochrangigen Kulturgut". So rücken denn auch im August 1996 die Archäologen des Marburger Instituts für Bauforschung und Dokumentation auf dem betonierten Areal des Messeplatzes an. Die Stadt läßt sich die Grabungen, die vor der Wiedererrichtung der Unterneustadt, noch neue Erkenntnisse über die Vergangenheit des Kasseler Quartiers an der Fulda bringen soll, schon was kosten. Eine Million Mark investiert man in die Arbeit der Experten und hofft auf steinerne Hinweise und Zeugen, mittelalterliche bzw. frühneuzeitliche Grundrisse zu stoßen.

Am 22. Oktober 1943 wird die alte Kasseler Unterneustadt durch Bombenzerstört, ein Stück Kasseler Gesicht und Geschichte ist dem Erdboden gleich gemacht worden: Denn auch der Wiederaufbau in den fünfziger Jahren nimmt den alten Grundriß nicht wieder auf. Die Erinnerung an diesen liebenswerten Stadtteil am Fluß nistet sich so in den Köpfen der Kasseläner ein, wird eine vergilbte Fotografie in den Alben ihrer Bewohner.

Doch seit die Wiedergründung der Unterneustadt als ambitioniertes städtebauliches Projekt an der Fulda Gestalt annimmt, die Archäologen auf dem Messeplatz ganze Straßenzüge und Kellergewölbe freilegen, drängt das Bild an die alte Unterneustadt wieder nach oben ins Bewußtsein. Der Platz, auf dem schon in wenigen Jahren wieder Menschen leben und arbeiten werden, durch eine Fußgängerbrücke mit der Innenstadt verbunden, wird zum Wallfahrtsort, Anlaß für wehmütige Rückblicke nach dem Motto "Weißt Du noch?". Die HNA poliert die Erinnerungen auf, schafft eine Plattform, auf der das kleine Dörfchen wieder in den Blickpunkt und in die Herzen gerät. Am 24. September 1996 folgen rund 150 Kasseler der Einladung der mobilen HNA-Redaktion, um sich zu einnern, an den schnell auf dem Messeplatz aufgebauten Stehtischen ihre Informationen an damals auszutauschen. Schön war‚s, sich gemeinsam zu erinnern, schafft ja auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Schließlich wurden die Leserinnen und Leser dieser Zeitung aufgefordert, in ihren Fotoalben zu stöbern, eine kleine Bilder-Serie schließt sich an. Das Dörfche mal wieder in aller Munde.

Vom Neuen zum Alten, vom architektonischen Renommierprojekt mit modernen Stadtvillen zur Lokalgeschichte von einst zurück. Die Erinnerung, an das, was uns wichtig ist, ist nicht immer das Wichtigste selbst und doch von melancholischer Anmut: Vor dem Waisenhaus in der Waisenhausstraße stellen sich die Kinder auf, um dem Fotografen zu posieren. Ernste kleine Jungen- und Mädchengesichter schauen in die Kamera. Der Fotograf will die Bilder später an die Eltern verkaufen, und die haben, so weiß einer zu berichten, "ganz schön geschimpft". "Zum Dörfchen" hieß übrigens auch die beliebte Gaststätte in der Bettenhäuser Straße 12, wo die Männer kegelten, Feierabendvergnügen. Und am Sonntag ging es in den Gottesdienst: An die alte Unterneustädter Kirche erinnert heute nur noch der Name der Straßenbahnhaltestelle an der Leipziger Straße. Der im Krieg zerstörte Bau mußte der Begradigung der Verkehrsführung weichen, 135 Jahre lang war er Mittelpunkt christlichen Lebens gewesen.

In diesem Sommer, der kein Sommer war, wurden die Bilder alter Zeiten hochgeschwemmt: Erinnerungen an das Hochwassser in der Neujahrsnacht 1926, in der die Bewohner mit einem Kahn auf der Mühlengasse unterwegs waren. Seit Jahrhunderten spielte ja das Hochwasser im Leben dieses Stadtteils eine Rolle, die Wasserstände am Tor der Unterneustädter Mühle zeugen davon. Zeuge wechselvoller Geschichte ist auch das alte Kastell, auf dessen Gelände dann später das Haus der Jugend gebaut wurde: Zum Teil aus den Steinen der 1788 abgerissenen Magdalenenkirche errichtet, diente das imposante Kastell als Lazarett, Kaserne und hessische Bastille.

In diesem Jahr 1996, in dem die Kasseler im Januar auf dem beleuchteten Lac Schlittschuh liefen, um im Sommer die Regenschirme aufzuspannen, in diesem Jahr, in dem sich die Kritik an der langatmigen Schloßsanierung weiter entzündete, trat auch Stadtbaurat Uli Hellweg zurück.

Der Mann, der die Wiedergründung der Unterneustadt als anspruchsvolles Projekt einer lebendigen Stadt mit urbaner Vielfalt auf den Weg gebracht hatte: Der parteilose Architekt ging zurück nach Berlin. In Kassel halten sich Stadtbauräte schlecht.

Schaufenster-Kult: Wenn die Socken locken

Jede documenta macht Schlagzeilen, nur diese waren anderer Natur. Fügten sie doch der unendlichen Geschichte Ö die Stadt, das Leiden und die documenta Ö ein neues Kapitel hinzu. Denn im fernen Paris philosophierte im Jahr 1996, ein Jahr vor Start der dX, die gewählte documenta-Leiterin Catherine David über die Eigenarten der Stadt an der Fulda, ihrer Wahlheimat auf Zeit.

Es wurden Äußerungen der unmutigen Art, die da in einem Gespräch im FAZ-Magazin und eine Woche später auch in einem Stern-Interview nachzulesen waren und die Wellen der Empörung schlugen. Kassel, so ließ kapriziöse documenta-Chefin da verlauten, habe keine intellektuelle Tradition, abgesehen von einer Clique alter Dummköpfe aus der Zeit von Arnold Bode. Starker Tobak war das.

Und Madame, die ja, diese Rehabilitation sei ihr zu gönnen, in nachhinein die erfolgreichste documenta aller Zeiten auf das glatte Kasseler Parkett legte, setzte noch eins drauf. Schließlich monierte sie auch noch eine harmlos-kuriose Sockenvitrine, ein Schaufenster in der Unterführung vom Hauptbahnhof zur Treppenstraße, durch die später der documenta-Parcours führen sollte. Als Inbegriff Kasseler Provinzialität gelangten die harmlos da hängenden Herrensocken im Schaufenster traurige Berühmtheit, und noch einmal stöhnte Kassel auf: Madame, das reicht.

Vielleicht liegt es an dem besonderen Humor der Kasseler und Nordhessen, daß sie aus der Niederlage schließlich doch noch einen geistreichen Witz machten. Daß Catherine David selbst sich für ihre Äußerungen entschuldigte, tut da nichts zur Sache. Denn lediglich just for fun kreierten zwei clevere Kasseler Jungens eine "sockumenta" als Konkurrenz zur anstehenden dX und reimten munter drauf los "Kassel, deine Socken locken". Es wurde ein Magazin zu Sockengeschichte und Sockensoziologie herausgegeben, und schließlich feierte man eine fröhliche Party unter der Wäscheleine. Auf der hingen, na klar, Socken.

Wer zuletzt lacht...

Jubiläum eines Modells: Wenn man 25 wird

Wie alt ist man mit 25. Gar nicht so alt, oder alt genug. Fündundzwanzig sind kein Alter, schreibt Prof. Hans Brinckmann, im Jahr 1996 Präsident der Gesamthochschule in einem Vorwort zur Festschrift eines besonderen Kasseler Jubiläums. Denn vor einem Viertel Jahrhundert ist die Kasseler Universität als Reformmodell von engagierten Bürgern auf den Weg gebracht worden: Zeit genug, um in diesem Jahr 1996 zu feiern, aber auch um zu resümieren und einen Ausblick in das immer näher rückende Jahrtausend zu wagen.

Von Vera Rüdiger über Ernst-Ulrich von Weizsäcker und Franz Neumann bis Hans Brinckmann - vier Präsidenten prägten das Bild dieser jungen, alten Hochschule in ihren Aufbruchsjahren mit einem stark ausgeprägten Reformwillen ebenso wie in der inzwischen eingesetzten Umbruchsphase. Denn längst ist hier ja auch - wie anderswo - an Stelle von Wachstumsvisionen in einem gelobten Land der Zwang zur Neustrukturierung erkennbar. An der Gesamthochschule setzt man nun auf Tiefe und nicht mehr auf Breite. Auch den einst verzichtbaren akademischen Mittelbau will man jetzt einrichten.

Zwischen Reformansatz und hohem Anspruch, zwischen den Modellvorstellungen der einen Seite und den eher konventionell ausgerichteten Bestrebungen der anderen Fraktion, doch lieber aus der Gesamthochschule eine richtige Universität mit einem richtigen Namen zu machen, hat sich die Kasseler Hochschule etablieren können, hat die wilden 70er überstanden und trägt jetzt sogar den Titel Universität.

Reformideen wie die integrierten Studiengänge mit ihren gestuften Abschlüssen haben sich bewährt, 21 Fachbereiche und drei wissenschaftliche Zentren prägen im Jubiläumsjahr das Profil in Forschung und Lehre, und die Kunsthochschule ist auf dem Weg zu Teilautonomie.

Kassel ist zu einem vollwertigen Mitglied der deutschen Hochschulgemeinschaft geworden, ist Mitglied in der Hochschulrektorenkonferenz und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Und in einem Interview der HNA in einer Beilage zum GhK-Jubiläum wagt Präsident Brinckmann sogar einen Ausblick auf das 50jährige Jubiläum: Dann nämlich werde man an sehr vielen Universitäten eine vergleichbare Studiengangsstruktur haben. "Wir werden als ein lebendes Beispiel dafür dienen, daß so etwas funktioniert."

25 Jahre alt und schon so viel erreicht. Im Jubiläumsjahr zählt die Kasseler Uni 18000 Studierende, und die feiern natürlich 1996 kräftig mit.

Raumschiff fürs Kino

Die Karten wurden neu gemischt: Nach der Überarbeitung der im März preisgekrönten Entwürfe für das geplante Multiplex-Kino an der Kasseler Rathauskreuzung geht im Juni 1996 der Auftrag an das Kölner Architekturbüro Fuhrmann, Wallrath und Weinert. Das Team überzeugt als 3. Preisträger im Wettbewerb mit einem geschwungenen metallischen Bau, der nahezu in der Luft zu schweben scheint. Der eigentliche Kinobau an der "Trompete" gegenüber der Karlskirche soll über einem zur Straße verglasten Foyer liegen, das zugleich zurückversetzt ist. 15 Meter ist das futuristisch wirkende Gebäude hoch und soll 13 Kinos mit 3400 Sitzplätzen Platz geben. Mit der Entscheidung geht eine beschauliche Kino-Ära ihrem Ende entgegen, die Städte rüsten sich im Wettstreit um den Besucher mit Multiplex-Projekten. Kassel zieht mit.

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