Kassel im Jahr 1977

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Zoff um das "documenta-Loch"

Plakat zur documenta 6

Die documenta 6 prägt in diesem Jahr das Leben in der Stadt. Vor allem Walter de Marias "Vertikaler Erdkilometer" sorgt im Vorfeld für Wirbel.

Im Polizeipräsidium hängt vom 24. Juni bis zum 2. Oktober ein Schild: "doc 6. Mit Fingerspitzengefühl agieren. Aber auch während der documenta sind Recht und Ordnung nicht außer Kraft gesetzt."

Mit dem internationalen Künstlervolk stehen nicht nur die nordhessischen Autoritäten immer noch auf Kriegsfuß, auch die Kasseler sind alles andere als Feuer und Flamme. Dies zeigt die beinahe tägliche Aufregung während der doc 6 um "splitternackte Männer auf Motorrädern", oder um Pflastermaler, die sich in Fußgängertunneln austoben.

Auch im Vorfeld gibt es Zoff, Anlaß: der zwölf Tonnen schwere Messingstab namens "Vertikaler Erdkilometer" des amerikanischen Künstlers Walter de Maria. Das Kunstwerk wird dabei von Beginn an auf "das documenta-Loch" reduziert.

Anfang März erklärt Regierungsdirektor Braun vom Bergamt, es gehe um die "Niederbringung einer Tiefbohrung zum Erstellen eines Kunstwerks". Für Nicht-Bürokraten übersetzt die HNA, es handele sich um das größte Loch, das in der Region je "projektiert" worden sei. Ein 25 Meter hoher Bohrturm soll aufgebaut werden, um 1000 Meter tief in das Erdreich des Friedrichsplatzes einzudringen. Außerdem notwendig: Eine 55 Meter lange, fünf Meter hohe Schallschutzwand.

Der Friedrichsplatz als Baustelle, auf dem auch noch Richard Serras zwölf Meter hohe Skulptur "Terminal" aus rostendem Stahl aufgestellt wird, das ist für viele Kasseler nicht hinnehmbar. Über Sinn und Unsinn des "Vertikalen Erdkilometers" und moderner Kunst überhaupt tobt schon bald eine Schlacht in den Leserbriefspalten.

Das offizielle Kassel möchte de Maria aber nicht verhindern. Kulturdezernent Ludolf Wurbs erklärt: "Der Magistrat kann und will die documenta nicht zensieren." Die Verwaltungsmaschinerie läuft währenddessen volle Kraft voraus: Vom Ordnungs- bis zum Stadtgartenamt werden mögliche Verstöße gegen diverse Satzungen geprüft und Auflagen gemacht. Schließlich gibt auch das Bergamt sein Okay, der Verkehrsverein kann vermelden, daß über Kassel international gesprochen wird, wegen des Erdkilometers. Am 26. Mai um genau 11.03 Uhr wird der Bohrturm aufgestellt.

Noch kurz vor Eröffnung der Schau schrammt die Stadt an einem weiteren handfesten Skandal vorbei: In der just wieder aufgebauten Orangerie soll die Abteilung Handzeichnungen ausgestellt werden. Die Räume sind allerdings noch feucht, es besteht die Gefahr, dass die Zeichnungen sich wellen. Erst nachdem Wieland Schmied, den doc-Leiter Manfred Schneckenburger für diese Abteilung als Verantwortlichen bestellt hat, die Presse darüber informiert, werden Trockengeräte aufgestellt.

Als die documenta am 24. Juni eröffnet wird, geht auch die nicht ganz unproblematische inhaltliche Vorbereitungsphase zu Ende. Die Ausstellung mußte um ein Jahr verschoben werden, weil es Probleme mit Konzept und Leitung gab. Der Anspruch, Fotografie, Film, Video Performance und die klassischen Kunstformen miteinander zu kombinieren und sie zu konfrontieren, wird allerdings nicht erfüllt, so die Einschätzung der Fachbesucher. Nichtsdestotrotz bieten vor allem die Außeninstallationen in einem wunderbar warmem Sommer viel fürs Auge. Da gibt es das Traumschiff des Künstlers Anatol, den großen Stahlrahmen der Gruppe Haus-Rucker-Co., Skulpturen, die einen ganz neuen Blick auf die Karls-Aue eröffnen.

355 000 Menschen besuchen die doc 6. Einen Tag, nachdem sie ihre Pforten wieder geschlossen hat, gibt es einen Grund zur Trauer für die internationale Kunstwelt: documenta-Gründer Arnold Bode stirbt 76jährig. Auf die Gestaltung der 1977er Schau hatte er keinen Einfluß mehr.

Neue Fußgängerzonen

Wem die Kunst in diesem Jahr nicht zur Zerstreuung reicht, der kann sich bei gleich zwei mehrtägigen Stadtfesten ins Gewühl stürzen. Mitte September wird neun Tage lang im Bereich Wilhelmsstraße/Garde-du-Corps-Straße/Wolfsschlucht gefeiert. Ab sofort gehört dieser Bereich der Innenstadt zur Fußgängerzone. Ende September steigt eine viertägige Fete in der Unteren Königsstraße, hier ist der Anlaß die neue Gestaltung dieses Abschnitts.

Auch der öffentliche Nahverkehr läßt sich nicht lumpen. Seit 100 Jahren bringt er die Kasseler von A nach B, dieses Jubiläum wird am 9. und 10. Juni gebührend begangen. Der Renner ist dabei eine Fahrt mit einem zweiachsigen Zweirichtungstriebwagen aus dem Jahr 1907. Die Kasseler Verkehrsgesellschaft hat noch einen anderen Grund zum Jubeln: Die hauseigene Fußballmannschaft besiegt die Kicker der Stadtverordnetenversammlung mit 4:1.

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