Kassel im Jahr 1974

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Ein Schloß für die Alten Meister

Schloss Wilhelmshöhe

Heute wartet Kassel wieder: Das Schloß ist eine Baustelle, die Alten Meister sind ausgezogen. 1974 war die Eröffnung der Gemäldegalerie im Schloß Wilhelmshöhe das Ereignis des Jahres.

Endlich: Die Ruine Wilhelmshöhe war wieder ein Schloß und Kassels größter Schatz, die Sammlung der „Alten Meister”, konnte in aller Pracht der Welt gezeigt werden. Am 3. April 1974 übergab Kultusminister Ludwig von Friedeburg die Schlüssel für das Museum an den Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen, Erich Herzog. „Kunst für den Bürger im Schloß der Fürsten”, titelte damals die „Hessische Allgemeine”. 22 Millionen Mark kostete das Museum, für eine der wertvollsten Kunstsammlungen der Welt.

Kassel hatte auf diesen Tag lange warten müssen. Zehn Jahre dauerten die Arbeiten. Immer wieder gab es Verzögerungen. 1960 beschloß die Landesregierung den Wiederaufbau des Schlosses. Damals hoffte man sogar, bis 1963 fertig zu sein. Wunschträume! Denn erst im November 1964 begannen die Betongießer damit, die Ruine zu stabilisieren.

Davor diskutierten Bürger und Experten leidenschaftlich das Wie des Aufbaus. Das Reizwort hieß damals nicht Kuppel, sondern Zwischenflügel. Diese waren erst nachträglich 1829 errichtet worden und verbanden den Mittelteil des Schlosses mit seinen Seitenflügeln. Nun stellte sich die Frage, ob beim Wiederaufbau älteren Lösungen ohne Zwischenflügel der Vorzug gegeben werden sollte. Zunächst schien alles klar. Die Landesregierung votierte für die Flügel. Dann gewannen die „Flügelstürmer” die Oberhand. Im Februar 1963 sprach sich auch der hessische Kultusminister Ernst Schütte für ein Schloß ohne Verbindungstrakte aus. Die „Hessische Allgemeine” forderte Mitte März 1963: „Nicht mehr reden sondern handeln!” und kündigte an, die zuvor breit geführte Schloßdiskussion in ihrem Blatt zu beenden. Die Mehrheit schien in Kassel gegen die Flügel zu sein.

Aber es kam anders. Still und leise entschied die Landesregierung im August: Die Zwischenflügel bleiben. Der Beschluß wurde erst zwei Wochen später bekannt. Gleichzeitig beschloß Wiesbaden, den Mitteltrakt vorerst nicht mit einer Kuppel zu versehen. Dennoch wurden Pläne für eine Kuppel erarbeitet. Vorsorglich - man weiß ja nie. Damals nannte Schütte die Kuppelfrage nebensächlich und noch nicht gelöst. Wie recht er damit hatte. Die „Nebensache” wird in den Neunzigern das Thema in Kassel.

Nach dem Ende der „Flügeldebatte” begann die „unendliche Bau-Geschichte”. Mit sieben Jahren rechnete man. Als dies nicht einzuhalten war, wurde 1972 für das große Ereignis anvisiert, wenn die documenta 5 Kassel zum Mittelpunkt der Kunstwelt machen würde. Aber von der „europäische Attraktion”, von der Kultusminister Schütte 1962 gesprochen hatte, war auch 1972 noch nicht viel zu sehen. „Höhere Gewalt, sprich Geldmangel, ist hier nicht allein im Spiel, sondern vor allem Gedankenlosigkeit, planerische Unordnung und wahrscheinlich auch Desinteresse”, kommentierte Lothar Orzechowski in der Hessischen Allgemeinen im März 1972. Da zeichnete sich ab, daß die Eröffnung wieder verschoben werden mußte. Von einigen Wochen war zunächst die Rede.

"Eine Farce"

Orzechowski: „Als hätte sich jemand für die Farce eine besondere Pointe ausgedacht, soll die Fertigstellung exakt um die Dauer der documenta, um ein Vierteljahr nämlich, zu spät kommen.” Es sollten noch Monate ins Land gehen.

Gründe gab es viele. Das Geld floß nur in spärlichen Jahresraten, es gab Kürzungen, Museumsdirektor Herzog und der Architekt Paul Friedrich Posenenske zerstritten sich über das Konzept für den Innenausbau. Als sich 1970 Willy Brandt und Willi Stoph in Kassel trafen waren die Rembrandts, Rubens und van Dycks für ein halbes Jahr abgemeldet. Denn das Schloß wurde als Pressezentrum für den innerdeutschen Gipfel gebraucht.

Vier Jahre später aber war dies alles vergessen. Kassel hatte seine „europäische Attraktion”: die Gemäldegalerie der Alten Meister und die Antikensammlung im Schloß, am Fuße des größten Bergparks Europas.

Die Besucher strömten. 2000 allein am Eröffnungstag, 200 000 bis zum 30. Oktober 1974. Herzog war stolz, daß er fast seine gesamte Sammlung zeigen konnte - über 600 Bilder. In diesem Umfang war sie seit 1910 nicht mehr zu sehen gewesen. Im Landesmuseum hatten nur Kostbarkeiten wie die 17 Rembrandts Platz gefunden.

Neben der Begeisterung gab es aber auch Kritik. Bilder seien zu dicht gehängt, die Lichtverhältnisse nicht immer ideal. Aber trotz aller Kritik: Kassel hatte jetzt eine Gemäldegalerie, die den Vergleich mit anderen großen Häusern in Deutschland nicht zu scheuen brauchte.

„Die Welt” schrieb sogar: „Nicht nur Deutschland, Europa hat ein bedeutendes Museum mehr.” Und das Fazit der Süddeutschen Zeitung: „Das Schloß, der Park, das Wasser, Rembrandt, Rubens, Tizian, Franz Hals, dies unvergleichliche Ambiente läßt – zunächst – alle Unzulänglichkeiten vergessen. Ab nach Kassel."

Heinemann in Kassel

Mit einem zweitägigen Besuch in Kassel und Eschwege verabschiedeten sich Bundespräsident Gustav Heinemann und seine Frau Hilda Mitte Juni von Hessen. Tausende hatten sich vor dem Rathaus in Kassel versammelt, um dem scheidenden Bundespräsidenten zuzujubeln. „Die Stadt hat Zukunft und ist auf Zukunft ausgerichtet”, rief er den Menschen zu. Weitere Stationen seines Besuchs: das Presse + Druckzentrum und der Bergpark Wilhelmshöhe.

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