Kassel im Jahr 1970

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Aus der Serie: 100 Jahre Kassel

Die Welt blickt nach Kassel

Historisches Treffen in Kassel: Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph redeten aneinander vorbei, linke und rechte Demonstranten prügelten aufeinander ein.

Drei Worte, die vor gut 100 Jahren Aachener Bürger dem gefangenen Franzosen-Kaiser Napoleon III. nachgerufen hatten, fehlen im Frühjahr 1970 in keinem Bericht über die neue deutsche Ostpolitik – „Ab nach Kassel”. Oberbürgermeister Karl Branner (SPD) hatte die Chancen für seine Stadt schnell erkannt, als das erste deutsch-deutsche Treffen zwischen DDR-Ministerpräsident Willi Stoph und Bundeskanzler Willy Brandt nach Erfurt vergeben wurde. Ihm war klar: Ein Gegenbesuch könnte nur in einer grenznahen Stadt stattfinden.

Branner mobilisierte die nordhessische Lobby in Bonn, die Bundesminister Lauritzen und Jahn sowie Staatssekretär Börner. Als sich Kanzleramtsminister Horst Ehmke schließlich bei Branner mit den Worten meldet „Ihr seid jetzt dran”, müssen viele Pläne nur noch aus der Schublade geholt werden. Schon wenige Tage später haben sich über 1000 Journalisten zu dem historischen Ereignis angemeldet, in Kassel ist schnell kein Hotelbett mehr zu ergattern. Viele schon länger geplante Renovierungen werden vorgezogen. Vielfach greift die Wirtschaft der Stadt unter die Arme. Der große Tag rückt näher. Vor dem Tagungsort, dem Schloßhotel, wird eine Fernsehtribüne errichtet, vor dem Pressezentrum im Schloß ragen riesige Fernsehmasten in die Höhe. Die Behörden haben das Gebiet rund um das Schloß zum Sperrgebiet erklärt, das nur mit Sonderausweis betreten werden darf.

Dann, am Donnerstag, 21. Mai, ist es endlich soweit: Um 8.31 trifft die DDR-Delegation in Bebra ein, ein Stunde später erreicht der Sonderzug mit dem DDR-Emblem Hammer und Zirkel den Bahnhof Wilhelmshöhe. An Gleis 3 begrüßt der ernst wirkende Brandt seinen Gast Stoph. Beide fahren – begleitet von sieben Motorradfahrern der Kasseler Polizei – durch ein dichtes Spalier winkender Menschen über die Wilhelmshöher Allee Richtung Schloßhotel.

Zur Begrüßung der DDR-Delegation waren der Bundeskanzler Willy Brandt, Minister Franke, Parlamentarischer Staatssekretär Dorn, Staatssekretär Ahlers, der Hessische Ministerpräsident Osswald und der Kasseler Oberbürgermeister Karl Brenner gekommen. An Gleis 3 begrüßte ein ernst wirkender Brandt seinen Gast. Beide fuhren – begleitet von sieben Motorradfahrern der Kasseler Polizei – durch ein dichtes Spalier winkender Menschen über die Wilhelmshöher Allee Richtung Schloßhotel. Auf dem Weg vom Bahnhof zum Schloßhotel säumten viele hundert Demonstranten mit roten Fahnen und kommunistischen Spruchbändern die Straßen. Die DKP hatte das Auftreten von ca. 3.000 Mitgliedern organisiert.

Aufgeheizte Stimmung
Aber die Stimmung ist durch die vielen Demonstranten von links und rechts aufgeheizt. Knallkörper explodieren, Flugblätter wirbeln durch die Luft, ein Mann wirft sich auf die Kühlerhaube des mit den Standern der Bundesrepublik und der DDR geschmückten Mercedes. Endlich erreicht die Wagenkolonne den Sperrbereich.Doch bevor die politischen Gespräche im Schloßhotel richtig in Gang kommen können, unterbricht Stoph den Bundeskanzler. Gerade hat man ihm einen Zettel in den Tagungssaal gereicht: Drei Jugendliche aus Schleswig-Holstein, die sich als Journalisten getarnt in den Sperrbereich schleichen konnten, haben die DDR-Flagge vor dem Schloßhotel vom Mast geholt. In scharfen Worten protestiert Stoph gegen den Zwischenfall, Brandt entschuldigt sich.

Zäh schleppen sich anschließend die Gespräche dahin.Gegen Mittag bewirtet Willy Brandt seine Gäste mit frischem Stangenspargel in Sauce Vinaigrette, Neunahrer Rindfleisch, klarer Hühnerbrühe, gespicktem Rehrücken mit Rahmtunke, Pfifferlingen, Stangensellerie, Spätzle und frischen Erdbeeren. Gereicht wird unter anderem ein 1963er Aßmannshäuser Höllenberg Spätburgunder. Am Nachmittag steht das Treffen plötzlich vor dem Abbruch. Stoph will am Mahnmal für die Opfer des Faschismus im Fürstengarten am Weinberg einen Kranz niederlegen. Doch dort und an anderen Stellen prügeln inzwischen linke und rechte Demonstranten aus der ganzen Bundesrepublik aufeinander ein, es kommt auch zu tätlichen Auseinandersetzungen mit der trotz Verstärkung völlig überforderten Polizei. Die DDR-Delegation bläst die Kranzniederlegung ab, weil die „Behörden der Bundesrepublik die Sicherheit des Ministerpräsidenten nicht gewährleisten” könnten.

Das Klima verschlechtert sich zusehends. Erst am Abend, als die Demonstranten abgezogen sind und die Polizei die Lage wieder im Griff hat, kann Stoph seinen Kranz doch noch niederlegen. Eine neue Peinlichkeit wird erst am nächsten Morgen festgestellt: Unbekannte haben in der Nacht die Schleifen vom Kranz entwendet. Doch davon weiß noch niemand etwas, als Kanzler Brandt die DDR-Delegation gegen 22 Uhr auf dem Bahnhof verabschiedet. Man will eine Denkpause einlegen, den Dialog aber fortführen. Damit endet einer der aufregendsten Tage in der Geschichte Kassel.

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