Kassel im Jahr 1966

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Neue Zeiten für Bahn und Auto

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Letzte Fahrt der Söhrebahn: Große Verabschiedung am 30. September 1966 am Bahnhof Bettenhausen mit viel Prominenz und dem Musikzug Wellerode

Die Herkulesbahn fährt zum letzten, Straßenbahnen ohne Schaffner zum ersten Mal, der Bahnhofsvorplatz wird umgebaut. Auch der Königsplatz soll neu gestaltet werden.

In der Gaststätte Neu-Holland ist die Stimmung am Abend des 11. April gedrückt. Es heißt Abschied nehmen und zwar richtig. Kein Auf Wiedersehen, sondern ein Lebewohl. Die Angestellten der Herkulesbahn treffen sich um acht Uhr, um einen Schoppen auf die letzte Fahrt ihrer Bahn zu nehmen. Drei Stunden später ist es soweit. Um genau 23.13 Uhr rücken zwei Wagen, geschmückt mit Zweigen, Tannengrün und Weidenkätzchen, aus: Die Linie 13 fährt noch einmal vom Luisenhaus zum Herkules. Zwei Wagen werden von der KVG eingesetzt, weil so viele Leute der Bahn das letzte Geleit geben wollen. Der Zug fährt an, die Schaffner bimmeln, Spaziergänger und Schaulustige entlang der Strecke winken. Auch KVG-Direktor Dieter Mohnhaupt ist an Bord und erhebt an der Endstation sein Glas auf die Bahn.

Nicht ganz unschuldig am Aus für das traditionsreiche Beförderungsmittel ist die Bundeswehr. Denn die Druseltalstraße muß verbreitert werden, damit Panzer auf ihr fahren können - der Gleiskörper der Herkulesbahn stört da nur. Mit dem Ausbau der Straße, von dem auch die Autofahrer profitieren werden, haben die Arbeiter schon Mitte März begonnen. Jetzt werden die Gleise abgebaut.

Während die Herkulesbahn ab dem Frühjahr der Vergangenheit angehört, bricht bereits Mitte Januar eine neue Zeit für Fahrgäste der Straßenbahn an. Nicht nur die Farbe ändert sich von rot in blau-weiß, auf der Linie 4 fährt der Zug ohne Schaffner. "Es ertönt ein Klingelzeichen, der Abschnitt ist ungültig geworden", beschreibt der Berichterstatter der Hessische Nachrichten (HN) das noch ungewohnte Entwerten von Sammelkarten und vergißt nicht zu erwähnen, daß "zweieinhalb Kilometer elektrische Leitungen" in der Straßenbahn verlegt wurden. Die Fahrgäste brauchten eine Weile, um sich umzugewöhnen. In den ersten Tagen laufen sie "etwas hilflos hin und her", so die HN. Aber das gibt sich schnell - die meisten Kasseler begrüßen die Umstellung.

In den Untergrund verbannt wird die Straßenbahn am Hauptbahnhof. Am 5. August fällt der Startschuß zu dem bis dato größten Tiefbauprojekt der Stadt. Offiziell trägt es den Titel "Verkehrsentflechtung auf drei Etagen", was folgendes bedeutet: Freie und ungehinderte Fahrt für Autos oberirdisch, Fußgänger und Straßenbahn werden in den Untergrund verbannt. Die Stadt hofft, so der verschiedenen Verkehrsströme Herr zu werden. 20 000 Autos und 50 000 Fußgänger passieren jeden Tag den Hauptbahnhof, den Stadtvätern geht es an diesem Knotenpunkt schlicht zu langsam voran. Da der Autoverkehr als wirtschaftlich wichtigster Faktor gilt, ist klar, daß er Vorrang vor allen anderen Formen der Fortbewegung haben soll. Jeder fünfte Kasseler hat 1966 ein Auto vor der Tür stehen. Für den Umbau des Bahnhofsvorplatzes sind acht Millionen Mark veranschlagt, 65 Prozent zahlt das Land.

Auch ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt wird über die Rolle des Autos diskutiert - am Königsplatz. Mitte Januar berichten die HN über eine Forderung der dort ansässigen Geschäftsleute. Diese wollen, daß der Platz weiterhin ein "Kreisel mit Verteilerfunktion" ist. Fußgänger sollen den Bürgersteig am Platzrand benutzen, denn "es soll ihnen keine besonders anziehende Möglichkeit gegeben werden, den Platz zu überqueren." Eine direkte Verbindung zwischen Oberer und Unterer Königsstraße lehnen die Händler ab. Bäume sollten nicht gepflanzt werden, damit die Sicht auf die Schaufenster frei bleibt.

Als im Februar die Marktstände vom Platz in den Marstall umziehen, ist der Königsplatz in Nullkommanichts mit Autos zugeparkt - so hatte sich die Stadt das auch nicht vorgestellt. Zudem sind die Markthändler mit ihrem neuen Standort alles andere als zufrieden: Ihnen fehle die Laufkundschaft, sie müßten Umsatzeinbußen bis zu 80 Prozent in Kauf nehmen. Mindestens 20 Händler wollen zurück auf den Königsplatz, die Stadt ist bereit, einige Blumen— und Gemüsestände zuzulassen, aber nicht derart viele. Die Händler gründen daher das "Komitee Königsplatz" und verteilen 10 000 "Wahlzettel" an die Kasseler.

Mitte April ist es soweit: Die Umbaupläne sind fertig, einige feste Marktstände inklusive. " Nur keine Blechwüste" ist der vordringliche Wunsch der HN-Leser für den Königsplatz. Oberbürgermeister Branner und Stadtbaurat Dr. Wolfgang Bangert bringen den Umbau, der zwei Jahre dauern soll, auf folgende Formel: Verteiler für den Verkehr, Parkplätze, Raum für Fußgänger. Ein Grüngürtel und eine niedrige Sandsteinmauer sollen den Platz umgeben, der Höhenunterschied ausgeglichen. Es soll außerdem nicht mehr rund gehen am Königsplatz: Der Kreis wird an der Einmündung der Unteren Königsstraße in den Königsplatz unterbrochen.

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