Kassel im Jahr 1961

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Mauerbau zementiert Zonenrandlage

Original-Laufzettel Notaufnahmeverfahren Lager Berlin-Marienfelde in der Zeit von 07.Juli bis 18.07. 1961.

Das Datum gilt als Symbol für die deutsche Teilung. Am 13. August 1961 wurde mit dem Mauerbau die Zonenrandlage Kassels geographisch und auch in den Köpfen zementiert.

So richtig glauben konnte es wohl zunächst niemand. Anders ist es kaum zu erklären, daß es fast zwei Wochen dauerte, bis in Kassel die ersten öffentlichen Reaktionen auf den Mauerbau vom 13. August 1961 zu verzeichnen waren. Rund 8000 Schüler gingen am 25. August auf die Straße. Ziel des Sternmarschs war der Friedrichsplatz. Viele der Demonstranten hatten schwarze Fahnen dabei, die mit Stacheldrahtsymbolen bestickt waren.

Auf Transparenten war zu lesen: "Fängt mit Stacheldraht der Frieden an?" oder "Willy Brandt - halte stand", "Weg mit der Schandmauer" und "Kennt Ulbricht kein Menschenrecht?". An den russischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow appellierten die Schüler in einem Telegramm. Der Text wurde auf dem Friedrichsplatz verlesen: "Die Jugend Kassels und mit ihr die Jugend der ganzen Bundesrepublik fühlt sich aufs schwerste betroffen und ist erbittert über die Maßnahmen der Zonenmachthaber, die seit dem 13. August eine willkürliche und unnatürliche Grenze errichtet haben." Die Jugend Deutschlands wolle "keine Konzentrationslager mehr, nicht in Berlin, nicht in Deutschland, nicht in der ganzen Welt". Das Telegramm mag damals ebenso wenig bewirkt haben wie die Demonstration. Dennoch konnten die Schüler für sich in Anspruch nehmen, der Ablehnung des Mauerbaus in Kassel eine Stimme gegeben zu haben.

Die Zeiten, in denen die Grenze noch halbwegs durchlässig war, waren im Sommer 1961 vorbei, die Abschottung nahezu perfekt. Es kamen keine Flüchtlinge mehr aus dem Osten, die der Arbeitsmarkt in Nordhessen so gut hätte gebrauchen können. Allein im Bereich der Industrie- und Handelskammer Kassel gab es im September 1961 mehr als 9000 offene Stellen. So richtig in Schwung wollte die Wirtschaft im Vergleich zu anderen Regionen nicht kommen. Dafür prägte die Zonenrandförderung das Bewußtsein. Mit dem Mauerbau lag Kassel am östlichen Ende der westlichen Welt.

Die Teilung war mit Beton und Stacheldraht besiegelt, daran änderten auch die vielen tausend Grüße zur Weihnachtszeit in Richtung Osten nichts. Die Kasseler folgten dem Aufruf des "Kuratoriums Unteilbares Deutschland". Im ganzen Stadtgebiet brannten in den Fenstern Kerzen, ein Symbol dafür, daß die "Brüder und Schwestern in Mitteldeutschland" nicht vergessen waren. Das Wintershall-Hochhaus an der Friedrich-Ebert-Straße war in Form eines Kreuzes erleuchtet, im Hermann-Schafft-Haus hatte das Jugendsozialwerk eine Weihnachtsfeier für "alleinstehende Zonenflüchtlinge" organisiert. Die Einsamkeit und den Schmerz über die Trennung von ihren Angehörigen, so die Weihnachtsausgabe der Hessischen Allgemeinen, sollten sie zumindest für einige Stunden vergessen.

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