Kassel im Jahr 1956

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"Das Leben in Freiheit ist schwer"

Theodor Heuss - 1949 bis 1959 erster Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland

Erschöpft, aber glücklich über den Familienzusammenschluß: So kehren die letzten Kriegsgefangenen und Zwangsverschleppten aus Rußland 1956 auch nach Kassel zurück.

Konteradmiral a.D. Wolf von Arnswaldt betritt im Januar 1956 am Grenzübergang Herleshausen wieder deutschen Boden. Elf Jahre lang war er Kriegsgefangener in Rußland. Nach einem kurzen Aufenthalt im Lager Friedland, wo alle Spätheimkehrer aufgenommen werden, kommt er nach Kassel. 1926 hatte er dort seine Frau Elisabeth geheiratet. Nach Jahren der Trennung schließt sie ihn in ihre Arme.

"Es bedarf vieler Behördengänge, um wieder zu einem freien Menschen zu werden", zititieren die Hessischen Nachrichten (HN) den Mann am 25. Februar. Lob zollt der Spätheimkehrer den Behörden: "Wir brauchen nicht anzustehen, werden bevorzugt abgefertigt."

"In den russischen Lagern hatten wir die Beziehung zum Leben verloren", sagt der ehemalige Kommandant der Seeverteidigung. Und: "Als freier Mensch zu leben, ist doch nicht so einfach für einen Mann, der elf Jahre hinter Stacheldraht saß."

450 Kriegsgefangene treffen Mitte Januar in Herleshausen ein. Die Männer tragen Watteblusen und wattierte oder pelzbesetzte Mützen. Die Frauen haben dicke Röcke und Jacken oder kurze Mäntel an und echt russische Tücher auf dem Kopf.

Der Raum der Grenzkontrollstelle ist mit Blumen geschmückt. Für die ausgezehrten Menschen gibt es Kaffee, Kuchen, Schokolade. Die Männer freuen sich nach Jahren der Entbehrungen über eine gute Zigarre oder Zigarette. "Alle Waggons waren seitlich und von unten beleuchtet. Auf den vorderen Güterwagen hielten jeweils zwei Sowjetarmisten mit Karabinern und aufgepflanztem Seitengewehr Wache." (HN, 16. Januar)

Die Heimkehrer erhalten ihre Bescheinigung nur unter Vorbehalt, erklärt Friedland-Lagerleiter Dr. Frehsen. Denn sollte sich herausstellen, daß sie während der NS-Zeit Verbrechen begangen oder falsche Angaben gemacht haben, entfallen die Rechte eines Heimkehrers.

Die Männer werden in Bussen nach Kassel gefahren. In Bettenhausen bleiben viele Menschen am Straßenrand stehen und winken den Spätheimkehrern fröhlich zu.

Zwei Tage später steht am Grenzbahnhof Herleshausen wieder das Rote Kreuz mit vielen Krankenwagen bereit. Im Schein schwankender Bahnhofslampen werden Blinde, Tuberkulöse, Querschnittsgelähmte, Amputierte in die schneeweißen Krankenwagen getragen. Unter den ausgemergelten Männern befinden sich auch Kasseler. Zum Beispiel der 27 Jahre alte Harry Heusel, der im Alter von 17 festgenommen worden war. Seine Gefangenschaft verbrachte er in einem Lager an der Eismeerküste.

Anfang Januar trifft bereits Manfred Huch (25) (früher Fiedlerstraße 36) in dem Grenzort ein. Er berichtet, daß er im Januar 1950 von einer Bekannten nach Ost-Berlin eingeladen worden war. "Warum ich dort verhaftet wurde? Ich weiß es nicht." Er arbeitete fünf Jahre in einem Bergwerk. Der gelernte Dreher, der zu seinen Pflegeeltern Wienecke zurückkehrt, will nun "so schnell wie möglich Arbeit finden." (HN, 13. Januar)

Schnell Arbeit finden, das war für die ausgezehrten Männer das A und O. Glück haben die beiden Spätheimkehrer Julius Rose (43) und Heinrich Iske (45): Sie werden auf ihre alten Posten als Polizei-Hauptwachtmeister eingesetzt. Rose sagt: "Ich hatte in den ersten Tagen das Gefühl, in diesem irrsinnigen Verkehr unterzugehen". Iske bekennt: "Als ich zum ersten Mal wieder die Uniform trug, war ich doch merklich unsicher." (HN, 5. Mai)

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Rudern auf der Fulda in Kassel im Jahr 1956, kurz vor der Drahtbrücke. (Foto: Eberth)
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