Kassel im Jahr 1945

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Die "Festung Kassel" fällt am 4. April

Dann war alles vorbei: Die "Festung Kassel" wird am 4. April von der 80. US-Infanterie-Division eingenommen. Die Kasseler versuchen, so etwas wie Normalität herzustellen.

Am 3. April gibt sich der Reichspropagandaminister noch zuversichtlich. Joseph Goebbels notiert in sein Tagebuch: "In Kassel finden augenblicklich härteste Kämpfe statt. Hier wird Gerland sein Meisterstück abzulegen haben." Gauleiter Karl Gerland ist derweil längst nicht mehr an dem Platz, an dem Goebbels ihn so gerne so erfolgreich gesehen hätte.

Er hat sich in Richtung Harz abgesetzt. Und wären die Goebbels-Tagebücher nicht bewußt als Werk für die Nachwelt produziert worden, sondern hätten ehrlich Zeugnis ablegen wollen von den Geschehnissen der letzten Kriegstage, hätte der Minister bereits einen Tag später eine Schlappe für das Nazi-Regime notieren müssen. Am 4. April kapituliert die "Festung Kassel". Soldaten der 80. Infanterie-Division der US-amerikanischen Armee marschieren über die Wilhelmshöher Allee in die Stadt ein, der Krieg ist für die nordhessische Metropole vorbei.

Hessische Post Ausgabe Nr. 3
1945: bis zum 3. April ist der Raum Kassel vollständig von amerikanischen Streitkräften eingenommen.

Schwere Angriffe

Viele Kasseler werden darauf seit Wochen gehofft haben. In dem blinden Wahn, der Fanatismus zueigen ist, setzt Generalmajor von Erxleben aber den Befehl um, die "Festung Kassel bis zum letzten Mann" zu verteidigen. Die Antwort der Alliierten sind schwere Luftangriffe am 8. und 9. März, ebenso am 18. und am 20. Der 21. März geht in die Stadtgeschichte ein als der Tag, an dem Kampfpiloten den letzten Luftangriff auf die Stadt fliegen. Es ist der 40.

Ende März 1945 wissen die Menschen natürlich noch nichts davon, daß sie in der Karwoche von Bomben aus der Luft verschont bleiben. Auch Militär und Regime gebärden sich wenige Tage vor dem Zusammenbruch noch so, als sei alles offen. Zwei besonders widerwärtige Beispiele: Am Gründonnerstag, dem 29. März, läßt Gestapo-Chef Franz Marmon das Zuchthaus Wehlheiden räumen. Die Strafgefangenen fahren per Zug nach Halle, auch 60 Gestapo-Häftlinge werden aus Kassel herausgeschafft. Weitere zwölf Häftlinge läßt Marmon ohne Prozeß und Urteil auf dem Wehlheider Friedhof erschießen. Wahrscheinlich wurden die 12 Häftlinge an der damaligen Zuchthaushecke auf der Äpfelwiese (Äppelwiese) gegenüber der heutigen Buchenau-Kampfbahn erschossen und begraben und nach einigen Jahren auf den Wehlheider Friedhof überführt.

Zwei Tage später, Karsamstag, 31. März. Auf dem Gelände des Wilhelmshöher Bahnhofs warten 79 Zwangsarbeiter, die meisten von ihnen sind Italiener, vergeblich auf ihre Essensrationen. Die deutschen Bewacher haben sich aus dem Staub gemacht.

Die Zwangsarbeiter haben Hunger und folgen dem Beispiel einiger Deutscher, die einen Waggon mit Lebensmitteln aufgebrochen haben. Einige Stunden später erscheint ein Gestapo-Kommando auf dem Gelände, und obwohl sich Widerstand regt, wird schließlich der Befehl Marmons befolgt, die 79 Männer umzubringen. Fünf Wochen später zwingen die amerikanischen Besatzer deutsche Kriegsgefangene, die Leichen aus zugeschaufelten Bombentrichtern auszugraben.

Die Tragik dieses Vorfalls auf dem Bahnhofsgelände ist kaum zu überbieten: Während die Italiener sterben, wird die Stadt südlich und westlich von den heranrückenden Amerikanern abgeriegelt. Zum ersten Mal ertönt in Kassel ein fünfminütiger Heulton – Panzeralarm. Am nächsten Tag sprengen deutsche Soldaten die Fuldabrücken, doch die Amerikaner sind nicht mehr aufzuhalten.

Bereits eine erste Bilanz macht ein paar Wochen später das Ausmaß von Leid und Zerstörung deutlich: Von den 220 000 Menschen, die 1939 gemeldet waren, sind im April 1945 noch 71 209 Deutsche, und 22 825 Ausländer, vor allem Zwangsarbeiter, in der Stadt. 65 000 Wohnungen gab es vor dem Krieg, jetzt sind noch 19 000 in einem Zustand, Menschen ein Obdach zu bieten. Der Mitteltrakt von Schloss Wilhelmshöhe mitsamt Kuppel ist von Bomben getroffen worden und ausgebrannt.

Auf fünf bis sechs Millionen Kubikmeter wird die Menge an Trümmerschutt geschätzt, und die Hessischen Nachrichten rechnen im November vor, daß "zur völligen Beseitigung ins Nachbargebiet der Stadt drei Jahre lang täglich zehn Güterzüge mit 50 Waggons" eingesetzt werden müßten. Man entscheidet sich anders – ein Teil des Schutts wird an der Schönen Aussicht abgeladen.

Normalität bleibt unter diesen Umständen für lange Zeit ein Fremdwort. Die Amerikaner beginnen sofort damit, die Verwaltung der Stadt wieder aufzubauen und den Menschen auf diese Weise ein kleines bißchen Alltag zurückzugeben.

Am 7. April setzen sie Willi Seidel als kommissarischen Oberbürgermeister ein. Der Sozialdemokrat und standhafte Nazi-Gegner Seidel stammt aus einer alten Kasseler Kaufmannsfamilie. Seit 1903 ist er in der Stadtverwaltung beschäftigt, schon bald als Verwaltungsdirektor. Seidel ist maßgeblich an den Eingemeindungen Kasseler Vororte beteiligt. Anläßlich seines 60. Geburtstags am 1. November erscheint in den Hessischen Nachrichten eine Würdigung des Stadtoberhaupts.

Nicht gleichgültig

In dem Artikel ist nicht nur zu lesen, daß Seidel sich durch Turnen und Wintersport fit hält, es wird auch an die Bevölkerung appelliert, der noch so jungen Demokratie nicht gleichgültig gegenüberzustehen: "Der Bürgerschaft entsteht an dem jetzigen Markstein der Stadtgeschichte die Verpflichtung, mit redlichem Willen dem Oberbürgermeister allezeit bei seiner Aufbauarbeit treu zur Seite zu stehen."

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