Kassel im Jahr 1938

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Sturm über Synagogen zieht auf

Am Tag nach der Kasseler Pogromnacht entstand diese Aufnahme an der Großen Rosenstraße.

Der Sturm auf die Kasseler Synagogen am 7. November 1938 war der Höhepunkt einer Welle der Judenverfolgung, die schon viel früher eingesetzt hatte und später jüdisches Leben fast völlig aus Kassel wegspülte.

"Kassel 10.11.1938. Mein lieber Walter! (...) Wir sind seit gestern abend bei Laues hier wie immer gut aufgenommen worden (...) – Papa ist für einige Tage verreist [in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert], so grüße ich Euch alle von ihm mit."

Diese Zeilen stammen von einer jüdischen Mutter, die sich in der Nacht des 9. November 1938 von Zierenberg nach Kassel geflüchtet hatte. Ihr Sohn, Walter Schartenberg, lebte bereits in England, um dort die Emigration seiner Familie aus Deutschland voranzutreiben.

Vertreibungspolitik

Das Pogrom, so wollte es Hitlers Politik, sollte die Bereitschaft der deutschen Juden zur Auswanderung erhöhen. Ihre Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben hatte schon 1933 begonnen, in den Jahren von 1935 bis 1938 spitzte sich die Situation weiter zu.

1938 – durch eine zentrale "Judenkartei" und eine Ausweispflicht für Juden, die es bis dahin nicht gegeben hatte, war die Überwachung der jüdischen Bevölkerung total geworden – begannen willkürliche Verhaftungen und Deportationen von Juden. Am 27. Oktober 1938 ordnete der Kasseler Regierungspräsident an, "sofort und in großem Umfang gegen Juden polnischer Staatsangehörigkeit Aufenthaltsverbote für das Reichsgebiet zu erlassen." Die polnischen Juden des Regierungsbezirks Kassel wurden wie in ganz Deutschland auf eigene Kosten an die polnische Grenze deportiert. Da ihnen die polnischen Behörden jedoch die Einreise verweigerten, mußten die Familien einige Tage in menschenunwürdigen Lagern an der Grenze ausharren, bevor viele von ihnen in ihre Wohnorte zurückgebracht wurden.

Unter den Tausenden von Juden, die im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen herumirrten, war auch die Familie Grynszpan. Ihr Sohn Herschel lebte zu der Zeit in Paris bei seinem Onkel. Verbittert über das Schicksal seiner Familie, verübte der junge Mann in der deutschen Botschaft von Paris ein Attentat auf den Diplomaten Ernst Eduard vom Rath.

Noch bevor die Zeitungsmeldungen über die Verzweiflungstat des 17jährigen in Druck gehen, formieren sich am frühen Abend des 7. November in der Kasseler Innenstadt ungefähr 30 Männer. Über der Gruppe hängt der unheilschwangere Ruch einer Nacht- und Nebelaktion. Immer mehr Menschen schließen sich ihnen an. Hunderte sehen schließlich dabei zu, wie die Große Synagoge in der Unteren Königsstraße / Ecke Bremer Straße gestürmt wird. Die Männer schleppen Gebetsrollen, Kultgegenstände und Gestühl auf die Straße, zünden alles an. Anschließend zieht die Menschenmenge in die Große Rosenstraße, wo das gleiche im Schul- und Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde geschieht.

Zwei Tage später wies in München Reichspropagandaminister Goebbels in einer aufputschenden Rede auf die Vorfälle in Kassel und Kurhessen hin.

Der Appell wurde so verstanden, wie er gemeint war. Gau- und Gaupropagandaleiter eilten zu den Telefonen, um auch in ihrem Gau Pogrome auszulösen. Plünderungen sollten jedoch verhindert werden – wohl um den Schein rechtschaffenen Volkszorns zu wahren.

In Kassel und anderen Orten Kurhessens kam es an diesem Abend noch einmal zu antijüdischen Ausschreitungen. 258 männliche Juden wurden in Kurhessen am 10. November aus ihren Häusern geholt, zum Teil auf Lastwagen verladen und in die Kaserne des Infanterieregimentes 83 in der Hohenzollernstraße gebracht. Anschließend wurden die Männer von der Gestapo in das Konzentrationslager Buchenwald überführt.

Aus für die Juden

Am 10. November 1938 befahl Goebbels das Ende der Judenpogrome. Zwei Tage später forderte er bei einer Besprechung im Reichsluftfahrtministerium den Abriß der bei den Pogromen beschädigten Synagogen und das Verbot für die Juden, weiterhin am öffentlichen Leben teilzunehmen.

In Hessen wurde entsprechend gehandelt: Die Geschäfte der Kasseler Juden wurden nicht wieder eröffnet. Am 26. November wurde in der Mittelgasse 45 eine Sonderverkaufsstelle für Juden eingerichtet. Die dort auf Lebensmittelkarten erhältlichen Waren wurden ständig gekürzt, koscheres Fleisch und Milch gab es gar nicht. Außerdem wurden die Juden aus ihren Wohnungen verdrängt und in Sammelhäuser – "Judenhäuser" – und Baracken eingewiesen. Zu den frühesten lagerähnlichen Unterkünften gehörte die Barackensiedlung in Kirchditmold, Zentgrafenstraße 5-17, die noch vor 1933 für Obdachlose gebaut worden war. Seit 1936 wurden dort zehn bis 15 jüdische Familien untergebracht – in einem jeweils zehn bis zwölf Quadratmeter großen Raum. Auch auf der Wartekuppe in Niederzwehren gab es eine von der Gestapo überwachte Judenbaracke.

Die Kasseler Synagoge wurde wenige Wochen nach dem Überfall abgerissen.

Quelle: Jörg Kammler und Dietfried Krause-Vilmar (Hrsg.): Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933-1945. Bd. 2

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