Kassel im Jahr 1932

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Hunger, Krankheit und keine Arbeit

Henschel-Tenderlokomotive

Anfang des Jahres erreichte die Weltwirtschaftskrise ihren Höhepunkt. Arbeitslöhne wurden mehrmals gekürzt, und die Menschen begannen zu hungern.

Kassel zählte zu den sechs von der Weltwirtschaftskrise am stärksten betroffenen Großstädten des Deutschen Reichs. Die Ursache lag hauptsächlich in der einseitig auf Lokomotiv- und Waggonbau ausgerichteten Industrie. So baute Henschel ab Mitte 1930 die Zahl seiner Beschäftigten von 4000 auf 1500 Ende 1931 ab.

Am 31. Dezember 1931 stellte Henschel die Arbeit dann vollständig ein und die verbliebenen 1000 Arbeiter wurden nach Hause geschickt. Am 9. Mai wurde die Produktion wieder aufgenommen, allerdings zu stark gekürzten Löhnen. So verdiente ein Facharbeiter über 23 Jahre nur noch 69 Pfennig pro Stunde. Zum Vergleich: Fünf Liter Milch kosteten zu dieser Zeit 1,10 Reichsmark.

Hohe Dunkelziffer

Rund 20000 Menschen waren beim Arbeitsamt durchschnittlich als arbeitslos gemeldet. Doch verschleierte diese Zahl das Ausmaß der Arbeitslosigkeit mehr, als daß sie es enthüllte. Nicht mitgezählt wurden nämlich jene Menschen, die die Suche nach Arbeit aufgegeben hatten, sich den Nichtseßhaften anschlossen, ohne Lehrstelle waren oder sich als Bürstenverkäufer durchschlugen sowie alle, die sich zu freiwilligen Arbeitsdiensten gemeldet hatten.

Auch wenn es keine exakten Zahlen gibt, so dürften Ende des Jahres doch rund 26000 Menschen und 60000 von ihnen abhängige Familienangehörige ohne Arbeit gewesen sein.

Etwa 40000 dieser Menschen waren auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen, der damaligen Sozialhilfe. 13 Reichsmark bekam eine fünfköpfige Familie in der Woche. Doch damit konnte sie gerade mal die notwendigen Lebensmittel kaufen. Miete, Kohlen, Kleidung waren aber noch nicht bezahlt.

Auch die Kommunen selbst hatten immer weniger Geld. So begannen Kaufungen und Ochshausen, nur noch Teilbeträge und Abschlagszahlungen bei der Wohlfahrtshilfe auszuzahlen.

Die Folge: Ein Drittel der Kasseler hungerte. Hinzu kam Fehlernährung, da die Nahrung hauptsächlich auf Brot und Kartoffeln beschränkt war. Rachitis, allgemeine Schwächezustände und Tuberkulose wegen der schlechten Wohnsituation waren die Folge. Das Kasseler Volksblatt zitierte im Mai eine Statistik der Stadt Kassel, wonach 35 Prozent der Kleinkinder, die Hälfte der Schulkinder sowie vier von fünf Schulabgängern an Tuberkulose leiden würden.

Eine wirksame Hilfe boten den Hungernden kostenlose öffentliche Speisungen im städtischen Wohlfahrtsheim in der Luisenstraße, bei der Arbeiterwohlfahrt in der Mühlengasse und als größte und wichtigste Ausgabestelle das Karlshospital. (Die Ruine steht neben dem ehemaligen Polizeipräsidium an der Weserstraße). Dort gab es Suppe für zehn bis zwanzig Pfennig. Das Geld für die Mahlzeiten kam aus Spenden sowie aus Einnahmen einer Theatergruppe der Arbeitslosen. Täglich wurden dort zwischen 1000 und 2000 Essen ausgegeben.

Diebstahl aus Hunger

Doch die Speisungen reichten bei weitem nicht aus. Viele Menschen sahen sich gezwungen, Brot, Wurst, Käse und Kohlen zu stehlen. Darauf lassen zumindest zahlreiche Polizeimeldungen in den Kasseler Zeitungen schließen. Wer erwischt wurde, landete im Gefängnis.

In ihrer Not wurden die Arbeitslosen im Wohlfahrtsamt immer wieder handgreiflich. Sie griffen Beamte mit Stühlen an und beschimpften sie. In einem Akt der Verzweiflung besetzten sie am 19. November sogar das Kasseler Wohlfahrtsamt. Bei der Räumung des Rathauses durch die Polizei ließen die Eltern ihre Kinder zurück. Es kam zu erschütternden Szenen wie die "Kasseler Post" berichtete: "Da sich die Kinder völlig verlassen fühlten, begannen sie weinend nach ihren Eltern zu rufen." Eine Frau habe sogar ihren in eine Decke gewickelten Säugling im Dienstzimmer des Wohlfahrtsdezernenten zurückgelassen. Die Forderung nach zusätzlichen Lebensmittelhilfen für ihre Kinder wurden jedoch nicht erfüllt. Fünf Tage später kam es deshalb erneut zu Tumulten.

Die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit und Hunger waren fatal. Immer häufiger brachen notleidende Menschen in Lebensmittelgeschäfte ein oder stahlen auf Äckern Kartoffeln. Wenn Großfamilien den ganzen Tag in ihren kleinen und kalten Wohnungen saßen, kam es häufig zu Streit, der oftmals in Handgreiflichkeiten mündete. Viele Menschen sahen sogar überhaupt keinen Ausweg mehr und brachten sich um.

Die Informationen stammen überwiegend aus der Veröffentlichung von R. Wilmsmeier, "Die Zerschlagung der Freien Gewerkschaften in Kassel 1933".

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