Kassel im Jahr 1930

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Straßenkämpfe forderten Todesopfer

Durch Provokation der Nationalsozialisten verursacht, kam es am 18. Juni in Kassel in der Altstadt zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Nazi-Gegnern.

Freiheiter Durchbruch - historische Aufnahme

Als "blutiger Mittwoch" ging der 18. Juni 1930 in die Geschichte Kassels ein. Im Zusammenhang mit Kundgebungen der Nationalsozialisten war es erstmals zu Protesten gekommen, die schließlich in der Kasseler Altstadt in gewalttätigen Auseinandersetzungen mündeten: Die Bilanz dieses "blutigen Mittwochs": Elf Menschen wurden durch Messerstiche und Hiebe schwer verletzt, der nationalsozialistische Stadtverordnete Messerschmidt starb wenige Tage später an seinen schweren Verletzungen.

Die Kasseler Polizeieinheiten (Standort ist die alte Kaserne in der Hohenzollernstraße), die sich aus drei Bereitschaften und einem berittenen Zug zusammensetzen, nehmen im Verlauf der blutigen Vorgänge 26 Personen fest. Zum einen, weil sie die Uniform der NSDAP trugen, was zu diesem Zeitpunkt verboten war, zum anderen, weil sie sich gegen die Anweisungen der Polizei zu Wehr setzten. Einige Waffen und Munition wurden außerdem sichergestellt.

Lohnkürzungen

Hintergrund der blutigen Auseinandersetzungen waren die Kürzungen der Gehälter und Löhne sowie die neuen Steuern, die die Regierung Brüning kurz vorher erhoben hatte. Dies nutzten die Nationalsozialisten überall im Land zu scharfer Provokation - so auch in Kassel. Die Nationalsozialisten, die gerade in Kassel die Vorherrschaft der Linksparteien brechen wollten, planten an diesem 18. Juni Versammlungen in vier Kasseler Lokalen. Einer der Veranstaltungsorte sollte dabei das Gasthaus "Stadt Stockholm" in der Mittelgasse sein, das häufig den Kommunisten als Treffpunkt diente.

Diese - als unglaubliche Provokation aufgefaßte - Nachricht verbreitete sich an diesem Mittwoch wie ein Lauffeuer durch die Altstadt. Hinzu kamen Plakate der Hitler-Anhänger, die politische Gegner als "Mordbrenner" beschimpften und forderten "Wir wollen keine feige Zurückhaltung mehr üben".

So versammelten sich vor der "Stadt Stockholm", wo die Nationalsozialisten tagten, mehrere Hundert Bürger. Die Stimmung war angeheizt. "Nazis raus! Nazis raus!" schrie die Menge. Doch die Polizei hielt zunächst die Gaststätte im Umkreis von 100 Metern frei, so daß die Nazi-Gegner nicht das Lokal stürmen konnten. Auch als die Teilnehmer der Versammlung in mehreren Gruppen die "Stadt Stockholm" verließen, geschah dies unter Polizeischutz. Doch nicht weit davon entfernt, auf dem Königsplatz, dort also, wo die Polizei nicht anwesend war, eskalierte die Situation plötzlich. Es kam zu blutigen Straßenkämpfen. Der NS-Stadtverordnete Messerschmidt wurde an der Garnisonkirche von einem Unbekannten mit mehreren Messerstichen getroffen. Er starb wenige Tage später an diesen schweren Verletzungen. Weitere zehn Personen, aus beiden "Lagern" wurden schwer verletzt.

Die Justiz reagierte auf die Vorfälle und richtete ein Sonderdezernat der Staatsanwaltschaft ein. Eins aber war schnell klar: Die moralische Schuld an den blutigen Auseinandersetzungen hatten - nach Aussage der Anklagebehörde - einzig und allein die Nationalsozialisten.

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