Kassel im Jahr 1928

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Musikalischer Höhenflug mit J. S. Bach

Die Kasseler Stadthalle von 1928, © Stadtmusuem Kassel

Im September 1928 blickte die Musikwelt drei Tage lang nach Kassel: Die Stadt war Gastgeberin des 16. Deutschen Bachfestes der Neuen Bachgesellschaft.

Es war eine Zeit, die noch kein Überangebot musikalischer Festivals kannte. Zudem steckte die technische Verbreitung von Musik gerade erst in den Anfängen. Als daher im Jahr 1928 das 16. Deutsche Bachfest in Kassel ausgetragen wurde, war dies ein musikalisches Großereignis, das überregional ungleich mehr Beachtung fand als etwa das 73. Bachfest 1998 in Köthen (Sachsen-Anhalt) oder das diesjährige in Köln. Die drei Tage vom 20. bis 23. September boten nämlich die seltene Gelegenheit, zentrale Werke Johann Sebastian Bachs (1685-1750) und anderer Komponisten von hervorragenden Künstlern aufgeführt zu hören. Für die beteiligten heimischen Musiker war das Bachfest ein Meilenstein ihrer Laufbahn und machte sie dem Fachpublikum weithin bekannt.

Kasseler Künstler

Die Leitung der Festkonzerte hatte der damals sehr geschätzte erste Kapellmeister des Staatstheaters Dr. Robert Laugs inne. Die musikalische Gestaltung des Festgottesdienstes lag beim taatlichen Musikdirektor Karl Hallwachs. Zusammen mit dem Staatstheater-Intendanten Ernst Legal sowie dem Kasseler Juristen und Pianisten Ludwig Kaiser oblag ihnen auch die Organisation des Bachfestes.

Viel musikalische und wissenschaftliche Prominenz reiste an. Denn das Bachfest bot neben den Aufführungen auch wissenschaftlichen Austausch und war Ort der Mitgliederversammlung der Neuen Bachgesellschaft. Der gehörten damals so prominente Mitglieder an wie der Dirigent Wilhelm Furtwängler, der legendäre Thomaskantor Karl Straube ("die Orgel hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Straube" – Reger), der berühmte Günther Ramin (später Nachfolger Straubes als Thomaskantor), ferner die Musikforscher Julius Smend (als 1. Vorsitzender) und Arnold Schering sowie der Urwald-Arzt, Friedensnobelpreisträger, Organist und Bachforscher Albert Schweitzer.

Die ersten Veranstaltungen waren indes gar nicht der Musik Bachs gewidmet. Am Vorabend des Bachfestes wurde im Staatstheater Glucks "Orpheus und Eurydike" gegeben, damals eine Rarität, die lange nicht mehr in Kassel gehört worden war. Das eigentliche Bachfest begann am Donnerstag, 20. September, mit der Mitgliederversammlung. Das Konzert am Abend in der Martinskirche war Heinrich Schütz gewidmet, der seine Jugendjahre (1599-1607) in Kassel verbracht hatte.

Am Freitag vormittag wurde im Theater in einem Kammerkonzert Bachs "Musikalisches Opfer" (Bach-Werke-Verzeichnis/BWV 1079) aufgeführt, die erste vollständige Wiedergabe bei einem Bachfest. Außerdem ließ sich der berühmte Geiger Carl Flesch mit der Solopartita Nr. 2 (BWV 1004) hören.

Abends wurden im Festsaal der Stadthalle vier Bach-Kantaten aufgeführt. Beim Konzert am Samstag vormittag in der Stadthalle spielte Günther Ramin Bachsche Orgelwerke und bei den beiden Konzerten für 3 Klaviere und Streicher d-moll und C-dur (BWV 1063 und 1064) gehörte der Kasseler Ludwig Kaiser zu den Solisten.

Höhepunkt h-moll-Messe

Höhepunkt des Bachfestes war indes die Aufführung von Bachs h-moll-Messe (BWV 232) unter der Leitung von Robert Laugs. Es spielte die staatliche Kapelle, als Chor kam der Kasseler Lehrergesangverein (heute Konzertchor) zum Einsatz. Mit einem Festgottesdienst und einer Aufführung der "Kunst der Fuge" (BWV 1080) am Sonntag ging das Bachfest glanzvoll zu Ende.

Die Eintrittspreise bewegten sich übrigens zwischen 16 und 24 Reichsmark fürs Abonnement und zwischen 1,50 und 4,50 Reichsmark für Einzelkarten. Die Publikumsresonanz war laut "Kasseler Post" überwältigend, und die Zeitschrift "Hessenland" nannte das 16. Bachfest das "bedeutendste musikalische Ereignis, das jemals in unserer Stadt stattgefunden hat".

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