Kassel im Jahr 1927

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Töff-töff Hurra fürs Automobil

Historisches Henschel-Fahrzeug

Kassel befindet sich im Rausch der Geschwindigkeit, im Bann der Mobilität, insbesondere durchs Automobil.

"Dieser und jener Wagen hinterläßt eine aromatische Duftwolke, die der Fachmann verständnissinnig lächelnd wahrnimmt." Hier begeistert sich ein Reporter der Kasseler Post für: Autoabgase!

In diesem Sommer sind alle verrückt nach Zylindern, Kurbelwellen und Co. In und um Kassel gibt es Autorennen und organisierte Ausflugsfahrten noch und nöcher. So auch die "Zuverlässigkeitsfahrt rund um den Kaufunger Wald". Ausdrücklich genannte Bedingung zur Teilnahme an dieser vom Automobilclub für jedermann organisierten Rallye ist das pünktliche Erscheinen am Start.

Bei einem anderen motorsportlichen Ereignis dürfen die Kasseler lediglich die Rolle von jubelnden Zaungästen spielen: Bei der Deutschlandfahrt des ADAC ist Kassel auf der Route eine wichtige Etappe. "Nach und nach sammelten sich die annähernd hundert Autos auf dem Friedrichsplatz", berichtet die Kasseler Post am 2. August. "Willkommen in Kassel" begrüßen Transparente die Motorsportler, und die Menschenmassen grölen den "zünftigen Hochruf Töff-töff Hurra".

Ein "bunt bewegtes Bild" bietet sich dem Publikum, setzen sich doch die Fahrzeuge aus den verschiedensten Typen zusammen: vom gelenkigen, kleinen Hanomag bis zum repräsentativen Siebensitzer. Einziger Wermutstropfen: Die "ungeheuere Staubentwicklung" in der Kohlenstraße und im Druseltal verdirbt den Genuß. Großen Dank sprechen die Veranstalter der Stadt aus: "Liege doch die Zeit nicht allzu weit zurück, da Autler und Behörden immer ein bißchen auf Kriegsfuß standen." Diese technikfeindlichen Zeiten sind vorbei. Die Verwaltung kommt den Wünschen einer mobilen Stadt immer stärker nach.

In den Zeitungen gibt es Sonderbeilagen zum Thema "Das Kraftfahrzeug". "Wegen einer Unsitte allerersten Grades muß einmal mit aller Entschiedenheit Front gemacht werden", ist da in der Kasseler Post zu lesen. Gemeint ist das "Rauchen am Lenkrad". Diese "das Feingefühl des Sportsmannes verletzende Taktlosigkeit" nehme bedauerlicher Weise "im Stadtverkehr als auch im Überlandverkehr ungeahnte Formen an".

Was den Motorsportlern recht ist, ist dem geschwindigkeitsbegeisterten Bürger mit kleinem Geldbeutel nur billig: In "baldige Aussicht gestellt" wird deshalb die Einrichtung eines "neuen Verkehrsunternehmens im Stadtbereich". Die Rede ist von einem Autobus. 35 Personen sollen in ihm "bequem Platz haben". Die Zeitungen argumentieren souverän: Der Autobus-Schnellverkehr hat gegenüber der Straßenbahn den Vorteil einer "bedeutenden Zeitersparnis". Schließlich gehört zum Auto-Fieber auch, daß sich die Öffentlichkeit vermehrt Gedanken über "Fehlanlagen im Verkehr" macht. Schon damals plagen die Auto-Fans Sorgen wie die "Einschnürungen der Fahrbahn neben den Straßenbahngleisen."

Bewegung herrscht aber nicht nur zu Lande. 1927 kann in Kassel auch ein "reger Luftverkehr" verzeichnet werden. Die Statistik der Lufthansa für Juli auf dem Flughafen Kassel weist 487 angekommene und 478 abgeflogene Passagiere aus.

Doch der Preis für den wachsenden Mobilitätswahn tritt ebenfalls dramatisch hervor. Immer häufiger sind Berichte zu lesen mit Schilderungen grausamer Verkehrsunfälle: "Von der Lokomotive zermalmt - Der Schwerhörige hatte den Zug nicht bemerkt" oder am gleichen Tag die Meldung eines folgenschweren Autounfalls: "Steuerung versagt". Der Wagen des Fabrikbesitzers Barnewiz fuhr in ein Weizenfeld und überschlug sich. Die Mitfahrerin wurde getötet.

Ganz Kassel in einen Schock versetzt ein Unglück von tragischer Qualität. Es wird an einem Frühlingsabend von einem ganz anderen Verkehrsmittel verursacht: einer Straßenbahn. Neun Menschen sterben und 23 werden verletzt: Die meisten der Fahrgäste, die am Mittwoch, 18. Mai, gegen 19 Uhr in die an der Endstation Fürstenstraße im Druseltal wartende Straßenbahn einsteigen, waren zuvor in Wilhelmshöhe spazieren gewesen und sind auf dem Weg nach Hause. Plötzlich löst sich unbemerkt die Handbremse. Führer- und schaffnerlos rast die Bahn ins Tal. Nach wenigen hundert Metern springt sie aus den Schienen, fällt auf die Seite.

Zuerst verdächtigt man einen kleinen Jungen unter den Passagieren, die Bremsen gelöst zu haben. Dann stellen die Richter ein technisches Versagen fest.

Zunehmend wird Kritik - vor allem am Diktat des Automobils - laut. Naturschützer erheben beispielsweise Einspruch gegen einen geplanten Damm mit Autostraßen-Überführung über die Wilhelmshöher Allee im Zuge der Baumaßnahme "Automobilstraße Hamburg Basel". Sie bringen ihre Bedenken gegen die Zerstörung der barocken Anlage Wilhelmshöher Allee vor: "Es gibt kaum Stätten, wo Kunst so zwingend zur Natur und die Natur so zwingend zur Kunst spricht". Für diese Anlage sei keine Verkehrsnotwendigkeit zu erkennen. Doch das Rad ist nicht mehr zurückzudrehen. Verkehrsstraßen und Autobahnen überziehen bald das Land.

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