Kassel im Jahr 1926

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Schnellste Kampfbahn in Deutschland

Sportereignis auf der Hessenkampfbahn.

Für Fortschritt und die Belebung alter Tradition stehen im Laufe des Jahres 1926 zwei Ereignisse; die Hessenkampfbahn wird eingeweiht und der Zissel erstmals in großem Rahmen gefeiert.

"Der Himmel, eine nasse, graue Leinwand, spannt sich wenig freundlich über die festlich geschmückte, von unzähligen Fahnen lustig umwimpelte Voraue." Die Freude der Anwesenden wird dadurch nicht getrübt an diesem Sonntag nachmittag, dem 2. Mai 1926. Die Kasseler Post zählt 5000 Teilnehmer der "machtvollen Kundgebung für Turnen und Sport" aus 53 Vereinen und 20 000 Zuschauer zur Einweihung der Hessenkampfbahn. Im weiten Rund der neuen Sportarena stehen "nur" 2000 Sitz- und 5000 Stehplätze zur Verfügung. Viele weichen aus, auf die Dächer von Orangerie und Regierung, stehen auf der Du-Ry-Straße, die eine "ausgezeichnete Galerie" bildet, sich aus der Entfernung das Schauspiel anzusehen.

Durch das Südtor marschieren die Sportler ein. Angeführt von den Mitgliedern des Kasseler Stadtverbandes für Leibesübungen mit Vorsitzendem Henner Riemann. Die Männer zu seiner Seite verkörpern eine ganze Epoche Kasseler Sportgeschichte: Kampmann, Burgtorff, Meister, Dörr, Wilhelm Buchenau. Es folgt der Sportverein "Kurhessen" 1893 mit seinem Banner, daneben rücken die Athleten des VfL Hessen-Preußen unter Emil Junghenns Führung ein. Begleitet wird der Zug der Turner, Leichtathleten, Schwimmer, Fußballer, Fahrradfahrer, Schiläufer, Schützen, Segler und anderer von schneidiger Marschmusik. Schließlich entbieten 1500 Sänger des Kurhessischen Sängerbundes einen musikalischen Gruß.

Der Plan, die sogenannte Voraue zu einer großen, städtischen Kampfbahn auszubauen, reifte nach dem Ersten Weltkrieg, weil die kleinen Sportplätze der Vereine nicht ausreichten. Triebfeder des Projektes, das "die gesamte Bürgerschaft in allen ihren Schichten" getragen habe, war unter anderem Oberbürgermeister Stadler. Das hob der oberste Beamte der Provinz, Oberpräsident Dr. Schwander, in seiner Rede hervor. Reg.-Baumeister Dr. Allstädt zeichnet als Architekt für die Umsetzung verantwortlich, Stadtrat Sauter schuf die Flachreliefs an den Terrassenaufgängen, die höheren Schulen Kassels sammelten insgesamt 6000 Mark als Anfangskapital.

In zweijähriger Arbeit entstand eine Anlage, die laut OB Stadler der "geistige und repräsentative Mittelpunkt des Turn- und Sportgedankens in Kurhessens Hauptstadt sein soll". Die Kampfbahn stehe zwar in "Größenverhältnissen hinter denen mancher anderer Städte" zurück, stelle aber durch "vorbildliche Anlage und Ausgestaltung des Platzes, durch ihre Lage im Herzen der Stadt und durch die räumliche Verbindung der Bahn mit den beiden Sportshäusern eine Hochburg sportlicher Bestrebungen" dar.

Bald erwarb sich die Sportstätte den Ruf als "schnellste Kampfbahn Deutschlands". Schon im August 1926 lief dort der Kasseler Hermann Walper deutschen Rekord über 2000 Meter in 5:34 Minuten wie auch die Meisterstaffel von Phönix-Karlsruhe über 4 x 100 m in 42:50 Sekunden. Aber nicht nur die Bahn war schnell, auch Sportlerinnen aus Kassel wie Leni Junker von der CT 44, sie lief bei den Meisterschaften der Deutschen Turnerschaft im Düsseldorfer Rheinstadion am 15. August mit 12:30 Sekunden über 100 m neue deutsche und Weltbestleistung.

Noch mehr Menschen als zum Sportereignis auf der Hessenkampfbahn nahmen an der "Wiedergeburt" des Zissel teil. 60000 säumten das Flußufer, saßen in den Badeanstalten oder auf den Terrassen der Vereinshäuser. Die alte Unterneustädter Wasserkirmes war in neuem Glanz wiedererstanden. Unter der Geburtshilfe des städtischen Verkehrsamtes mit Dr. Schumann an der Spitze feierten erstmals alle Wassersportler ein gemeinsames Fest.

Von der Drahtbrücke bis zum Aueausgang war eine "illuminierte Einheitsfront" entstanden, hunderte von lampiongeschmückten Booten belebten den nächtlichen Fluß. "So viele Lichter hat die Fulda noch nie gesehen", schrieb die Kasseler Post. Und dabei haben die "Kasselaner eine Begeisterung entwickelt, die man an ihnen sonst nicht gewohnt ist." Das Casseler Tageblatt schwärmte: "Wer dieses Schauspiel nicht gesehen hat, hat viel versäumt". Jemand schrieb: "Das war großstädtisch! Das war Zissel."

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