Kassel im Jahr 1925

Aus Regiowiki

Zwei Vorkämpfer im Staatstheater

Das ehemalige Staatstheater

Zwei Jahre versuchten Paul Bekker und Ernst Krenek, moderne Inszenierungen am Staatstheater aufzuführen. Doch das Publikum zeigte wenig Verständnis.

Mit der Ernennung des Musikkritikers und Opernspezialisten Paul Bekker zum Intendanten des Staatstheaters Kassel im Mai ging das Preußische Kulturministerium ein großes Wagnis ein. Denn Bekker hatte als Intendant keine Erfahrung. Zudem war er entschiedener Vorkämpfer der sogenannten Neuen Musik mit Komponisten wie Mahler, Schreker und Schönberg. Und tatsächlich stieß sich das Kasseler Publikum an den modernen Inszenierungen.

Bekker war der Überzeugung, daß ein Theater "nur von einem einzigen Kopf geleitet werden kann". Er traf Entscheidungen alleine, was ihm den Vorwurf einbrachte, "eine sehr persönlich gerichtete Interessenpolitik" zu betreiben.

Bekker war jedoch klug genug, keine radikale sondern eine schrittweise Umgestaltung des Programms vorzunehmen. Zum einen gab es aufgrund des geringen Etats nur wenig Personal, zum anderen war dieses Personal "durchweg erheblich überaltert". Die Folge war die verstärkte Aufführung von Spielopern. Der Inszenierungsstil im Schauspiel blieb, wie in der Oper, eher traditionsgebunden. Nur wenn Bekker selbst Regie führte, gab es durch moderne, dem expressiven Monumentalstil Jessners angenäherte Inszenierungen neue Impulse für das Theater. Kennzeichen seiner Arbeit waren vor allem die Abstrahierung der Darstellung. Er verzichtete auf realistische Vordergründigkeit und setzte verstärkt auf symbolisierende Lichtwirkungen.

Als künstlerischen Beirat holte Bekker den 25jährigen Komponisten Ernst Krenek nach Kassel. Den hatte das Publikum in unguter Erinnerung. Beim Musikfest des Allgemeinen Deutschen Tonkünstler-Vereins 1923 stand Kreneks Zweite Sinfonie auf dem Programm. Die Aufführung endete jedoch in einem Tumult, da Kapellmeister und Orchester der Partitur ratlos gegenüberstanden.

Krenek war in Kassel für die Herstellung von Beiträgen für das Programmheft zuständig. Zudem arbeitete er in der Produktion von Schauspielmusiken und an Neufassungen von Partituren für das Musiktheater. Krönung seiner Arbeit war die Oper "Orpheus und Eurydike" nach einer Dichtung des Malers Oskar Kokoschka.

Während Deutschlands Theaterkritiker mit großem Interesse nach Kassel schauten, zeigten das Publikum und die Presse wenig Verständnis für die Aufführungen. Bekker ließ sich von den Anfeindungen jedoch nicht beeinflussen und setzte seine Arbeit fort, selbst als der Bankier Pfeiffer gemeinsam mit dem Bürgerbund das Theater zu boykottieren versuchte und die Premiere von Zuckmayers "Der fröhliche Weinberg " unter Polizeischutz stattfinden mußte.

Am 29. Juni 1927 verließ Bekker Kassel in Richtung Wiesbaden, wo er im Dezember zum Intendanten des Staatstheaters ernannt worden war. Mit ihm ging auch Krenek. Vielen Zuschauern war der Weggang recht, für das Theater bedeutete dies jedoch ein großer Verlust. Immerhin war es in den Blickpunkt der deutschen Theaterfachwelt gerückt und hatte an überregionaler Bedeutung gewonnen. Paul Bekker wanderte 1934 in die USA aus und starb drei Jahre später in New York. Ernst Krenek wanderte 1938 ebenfalls aus, kehrte aber mehrmals nach Kassel zurück. Er starb 1991.

siehe auch

Persönliche Werkzeuge
Namensräume
Varianten
Aktionen
Navigation
Portale Regionen
Portale Themen
Werkzeuge