Kassel im Jahr 1909

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Mit Herkules-Suppe und Fuldatunke

Bei seiner Eröffnung 1909 zierten ornamentaler Stuck, Marmorsäulen und eine Deckenmalerei den Stadtverordnetensaal.

Nach achtjähriger Planungs- und Bauzeit wurde 1909 das neue Kasseler Rathaus feierlich eröffnet.

Zur Feier der Einweihung des Neuen Rathauses der Residenzstadt Cassel am 9. Juni 1909 beehrt sich einzuladen der Magistrat der Residenz... Wer eine solche Einladung, verziert mit dem Stadtwappen und der Ansicht des Neubaus erhalten hatte, der war dabei, als um elf Uhr 150 Sänger aus allen Kasseler Gesangvereinen auf der großen Treppe zum ersten Stock "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" anstimmten. "Mit Gottes Hilfe ist das Werk jahrelanger Mühe und Arbeit, hingebender Sorge und eilfertigen Strebens, das größte Bauwerk, das jemals die Stadt Kassel unternommen, zum glücklichen Ziele gebracht", sagte Oberbürgermeister August Müller in seiner Festansprache.

1901 hatte die Stadt einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben, nachdem das Rathaus an der Oberen Karlsstraße zu klein geworden war für eine wachsende Verwaltung. 119 Entwürfe wurden vorgelegt, den Zuschlag erhielt der Architekt Karl Roth, damals noch Assistent an der Technischen Hochschule Darmstadt. Nach seinen Plänen wurde der Neubau in der Oberen Königsstraße errichtet, mit Haupt- und Seitenflügeln, Balkonen, Erkern, breiter Freitreppe, Säulen mit ionischen Kapitellen und einem Uhrenturm als Dachreiter über dem Hauptportal.

Nachdem das Rathaus im Zweiten Weltkrieg völlig ausgebrannt und stark zerstört worden war, baute man es 1950 mit vereinfachter Dachform wieder auf.

Doch daran dachte bei den Einweihungsfeierlichkeiten noch niemand. Nach dem Festakt traf man sich zum Frühschoppen im Ratskeller und am Abend wurde in den Prunksälen ein Festmahl serviert. Der Ratskellerwirt hatte seine kulinarischen Kreationen auf das Ereignis abgestimmt, es gab "Herkules-Suppe", "Rheinlachs mit Fuldatunke", ein "Kasseler Mischgericht" und ein "Ratsherreneis". Als Tafelmusik spielte die Kapelle des Infanterieregiments 167 klassische Ouvertüren und Walzerweisen. Kasseler Bürger, die nicht zu den geladenen Gästen gehörten, flanierten den ganzen Tag in großen Scharen über die festlich geschmückte Königsstraße und ließen sich von der Kapelle des Infanterieregiments 83 unterhalten.

Zur Eröffnungsfeier hatte Kaiser Wilhelm II. als Geschenk sein Bild geschickt, das künftig den Sitzungs- und Festsaal zieren sollte. Das Parlament, das hier tagte, war noch kein volksvertretendes im heutigen Sinn. Es galt das Dreiklassen-Wahlrecht, was den Kasseler Sozialdemokraten und Mundartdichter Philipp Scheidemann zu dem Vorschlag veranlaßte, folgende Inschrift anzubringen: "Kasseler Dreiklassenhus! Was hodd das for’n Sinn? De armen Luder bliewen drus’, die Reichen kommen ’nin." Seit 1835 gab es in der Residenzstadt Kassel Oberbürgermeister, die kurhessische Gemeindeordnung hatte es so festgelegt. Scheidemann wurde 1920 das zehnte Stadtoberhaupt.

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