Kassel im Jahr 1903

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Neue Bahn, Betrüger ins Zuchthaus

Aus den Anfängen: die Herkulesbahn nach einer Ansichtskarte

Ab April 1903 beförderte die Herkulesbahn erstmals Fahrgäste. Und Adolf Schmidt, Direktor der Trebertrocknungs-AG, wurde im Juli wegen Betruges verurteilt. Er hatte zahlreiche Kasseler in den Ruin getrieben.

Die "Kühnheit der Konstruktion", so wurde es von den Chronisten festgehalten, war bei der Eröffnung ein Ereignis: Am 27. April 1903 wurde die Herkulesbahn - ohne Zahnstangen - für den Personenverkehr freigegeben. Zwischen Palmenbad und Herkules ratterte die Bahn zunächst bei 20 Stundenkilometern.

Niemand zuvor hatte bei einer durchschnittlichen Steigung von 17 Prozent, die diese Strecke aufweist, gewagt, eine Bahn ohne Zahnstangen zu betreiben. Da mußte erst der Fabrikant Gustav Henkel kommen, der in der Nähe des Palmenbades ein Elektrizitätswerk gebaut hatte. Die Kohlen für das Werk kamen aus den Zechen "Herkules" und "Glückauf" im Habichtswald. Für deren Transport hatte der Fabrikant zuvor die "Henkelsche Gebirgsbahn" gebaut, bis 1903 der Personenverkehr hinzu kam.

"Den höchsten Punkt der weltberühmten Wilhelmshöher Anlagen - Oktogon mit Herkules - erreicht man am schnellsten und bequemsten mittels der Herkules-Bahn", hieß es damals in einer Anzeige, mit der für das Transportmittel geworben wurde. Durch den Ausbau des Streckennetzes (über den Bahnhof Wilhelmshöhe bis zum Kirchweg) wurde die Bahn, die 1927 von der "Großen Kasseler Straßenbahn" übernommen wurde, immer attraktiver für die Bevölkerung. Und so war es auch ein trauriger Abschied, als die Bahn am Ostermontag 1966 zur letzten Fahrt startete. Viele Kasseler winkten ihrer Herkulesbahn zum Abschied, die seit 1903 hoch zum Herkules und auch wieder runter gefahren war.

Mit einem weniger freudigen Ereignis als der Einweihung der Herkulesbahn wurden ebenfalls viele Kasseler im Jahr 1903 konfrontiert: Adolf Schmidt, der Direktor der Aktiengesellschaft für Trebertrocknung in Kassel (Treber ist ein Rückstand beim Bierbrauen, der nach dem Trocknen in Futtermittel umgewandelt wird), mußte sich vor dem Schwurgericht verantworten. Schmidt war wegen betrügerischen Bankrotts und Betrugs angeklagt, wurde zu knapp drei Jahren Zuchthaus und einer Geldstrafe von 3000 Mark verurteilt.

Tausende von Kaufleuten sowie Handwerkern aus Kassel und Leipzig hatten mit Treber-Aktien spekuliert. Als es 1901 zu dem Bankrott des Unternehmens kam (immer wieder war von den unsoliden Geschäftsspraktiken gewarnt worden), verloren die Aktionäre ihr sauer erworbenes Geld.

Schmidt konnte sich zunächst durch Flucht einer Festnahme entziehen, wurde allerdings mit Hilfe eines Kasseler Kriminalbeamten auf abenteuerliche Weise 1902 in Paris dingfest gemacht und nach Kassel ausgeliefert.

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