Kassel im Jahr 1900

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Aus der Serie: 100 Jahre Kassel

Frost und Böller zum Jahreswechsel

Tausende von Kasseler Bürgern zog es am Abend des 31. Dezembers 1899 auf die Straße. Sie feierten mit Feuerwerk und Glockengeläut einen besonderen Jahreswechsel.

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Klar und frostig war der 1. Januar des Jahres 1900 in Kassel. In der Silvesternacht hatte es einen Temperatursturz um über zehn Grad gegeben. Reichlich Schnee lag in der Stadt, rund um den Herkules sogar einen guten Meter hoch. Die elektrische Straßenbahn, seit zwei Jahren in Betrieb und Symbol des technischen Fortschritts, kam nur mühsam in Gang. Allzu viele Fahrgäste dürften es an diesem Morgen ohnehin nicht gewesen sein.

Halb Kassel war in der Silvesternacht auf den Beinen. Tausende trafen sich vor der Martinskirche, deren Türme durch Fackeln weithin sichtbar beleuchtet wurden. Wer an diesem Abend etwas erleben wollte, hatte reichlich Auswahl. Es gab Konzerte mit Militärkapellen, das "Varieté Orpheum" mit der japanischen Zauberin "La belle Tokoshina", der Circus Jansly schickte Capitain Webb und seine dressierten Seelöwen in die Manege, der Radfahrerclub Rothenditmold lud ein zu seiner "ersten humoristischen Abendunterhaltung mit nachfolgendem Tanz" und die Damenkapelle "Evea" sollte ihren ersten Auftritt im Tunnelsaal des Kaiserhofs haben. Schon vor Mitternacht krachten laute Böller, das Läuten der Kirchenglocken um Mitternacht sei im Lärm kaum zu hören gewesen, so der Berichterstatter der "Kasseler Post". Es war ein besonderer Jahreswechsel. Manch einer, der ihn entsprechend gefeiert hatte, wurde schon früh am Neujahrstag aus allen Träumen gerissen. Ab sieben Uhr zog die Kapelle des Infantrie Regiments Nr. 167 mit ihrem "Weckruf" durch Kassel.

Überall in Deutschland wurde das Jahr 1900 mit großen Silvesterfeiern begrüßt. Seit fast 30 Jahren hatten die Menschen keinen Krieg mehr erlebt, der technische Fortschritt und die industrielle Entwicklung sorgten für Optimismus. Auch in Kassel wurden die ersten Automobile auf den Straßen bestaunt, neben der elektrischen Straßenbahn ratterten immer noch die Pferdebahnen durch die Stadt. Zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt sollte sich der Hauptbahnhof entwickeln. Zur Jahrhundertwende kreuzten sich hier bereits die Main-Weser-Bahn und die Kurfürst-Friedrich-Wilhelm-Nordbahn.

Schloss Wilhelmshöhe um 1900

Für die nach der Eingemeindung Wehlheidens (1899) rund 100000 Einwohner hatte die Residenzstadt kulturell einiges zu bieten. Zu den Attraktionen, die noch aus der kurhessischen Zeit stammten, gehörten die Gemäldegalerie, Museen, Bibliotheken und das Königliche Hoftheater am Opernplatz. Der prominenteste (Dauer-)Gast der Stadt war Kaiser Wilhelm II., der im Schloss Wilhelmshöhe seine ständige Sommerresidenz hatte. Für das etwas bodenständigere Freizeitvergnügen gab es über 400 Gasthäuser und Schankwirtschaften.

Einen Eindruck von den Alltagsproblemen bekommt man beim Blick auf die Tagesordnung der ersten Stadtverordnetenversammlung des Jahres 1900. Unter anderem wurde damals ein "Armenrath" für den 4. Bezirk gewählt, ein Indiz für die sozialen Mißstände. In jedem der 13 Stadtbezirke gab es damals sogenannte Armenkommissionen. Besonders schlimm waren die Verhältnisse in der Altstadt. Rund 20 Prozent der Menschen lebten in dunklen und feuchten Hinterhäusern. Der Küchenofen war oft die einzige Heizung. Familien mußten sich einen Schlafraum teilen, der gleichzeitig als Lagerraum für Holz, Kohle und Kartoffeln diente. Von einer teilweise katastrophalen hygienischen Situation und einer notorisch geringwertigen Qualität der Wohnungen in der Altstadt berichtete das statistische Amt. Das sollte sich auch in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts kaum bessern. Die Gründerzeithäuser, die zum Beispiel an der Hohenzollernstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) gebaut wurden, waren für die betuchten Beamten, Militärs oder Kaufleute bestimmt.

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