Karlskirche

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Karlskirche
Eingerahmt von mehrstöckigen Wohnhäusern, am Ende der gepflasterten Karlsstraße, setzte sich die Karlskirche in Kassel zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestens ins Bild.

Damals präsentierte sich das 1697 begonnene und 1710 geweihte Gotteshaus noch mit vorgelagertem Haupteingang an der Frankfurter Straße, der mit Giebel und kleinem Glockenturm das Straßenbild bestimmte.

Mit der mächtigen Kuppel und einem weiteren achteckigen Aufsatz überragte die auf dem Grundriss eines gestreckten Achtecks entstandene Kirche die umgebende Bebauung.

Geschichte

Erbe der Hugenotten

Die Karlskirche wurde für Glaubensflüchtlinge aus Frankreich erbaut und im Jahre 1710 fertig gestellt. Landgraf Karl hatte das damals noch als Tempel bezeichnete Gotteshaus für die hugenottischen Flüchtlinge aus Frankreich inmitten der eigens für sie geschaffenen französischen Oberneustadt erbauen lassen, vermutlich nach seinen Vorstellungen und unter dem Eindruck mehrerer Reiseerlebnisse.

Hugenottische Architektur

Hauptportal der Karlskirche

In bewußter Abkehr von den mittelalterliche Kirchen in Frankreich bauten die Architekten der Hugenotten schlichte Saalbauten ohne aufwändigen Kirchturm, die in Anlehnung an das Alte Testament "Tempel" genannt wurden.

Auch die Karlskirche entstand als schlichte, wenn auch eindrucksvolle Predigtkirche. Für die Bauleitung der achteckigen Kirche war Paul du Ry verantwortlich, die Entwürfe stammten vermutlich aus dem Hofbauamt. Der Grundstein der Kirche wurde am 3. August 1698 gelegt, am 45. Geburtstag des Landgrafen und späteren Namensgebers. Am 12. Februar des Jahres 1710 weihte der französische Pfarrer Paul Joly die Karlskirche ein. Im Unterschied zum heutigen Nachfolgebau öffnete sich das Hauptportal der Kirche zur Frankfurter Straße hin. Bis 1867 fanden in dieser Kirche regelmäßig Gottesdienste in französischer Sprache statt.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Karlskirche stark zerstört, lediglich die Außenmauern blieben stehen. Beim Neuaufbau nach dem Krieg wurde die Ausrichtung der Kirche umgekehrt: Der Altar steht jetzt im Südosten, der Haupteingang befindet sich im Nordwesten.

Der Wiederaufbau in ihrer heutigen Form war erst 1957 beendet. Damals bekam die Kirche auch ein Glockenspiel. Das Carillon - so der französische Name - war seither unzählige Male zu hören.

Historischer Blick auf die Karlskirche

Karlskirche
Die Oberneustädter Kirche war das Herz der Stadtgründung: 1698-1710 wurde sie im Zentrum der vier geplanten Häuserblöcke errichtet; der Haupteingang lag an der Frankfurter Straße, mit Blick zur Schönen Aussicht – der wichtigsten Schaufront der Stadt. An der Rückseite, zum Kirchhof hin, führte nur ein Nebeneingang hinter die Kanzel.

Landgraf Karl hatte die Oberneustadt zunächst für französische Glaubensflüchtlinge vorgesehen; jedoch bevorzugten viele Franzosen die Kasseler Kernstadt, wo sie bessere Geschäftsbedingungen vorfanden. Privilegien sollten ab 1690 die Neustadt fördern, man warb schlesische Weber und Spinner an sowie Reformierte aus der katholisch regierten Pfalz. So entstand neben der französischen auch eine deutsche Gemeinde aus zugezogenen Kasselern und Auswärtigen. Da die Gemeinden nur wenig zum Kirchenbau beitragen konnten, übernahm der Landgraf schließlich den Großteil der Kosten. Ab 1840 wurde in beiden Sprachen abwechselnd gepredigt, 1867 stellte man die französische Predigt ganz ein.

Der Landgraf dürfte die Gestalt der Kirche selbst bestimmt haben: Vorbild war die achteckige Oostkerk in Middelburg, die Karl vermutlich auf einer Reise 1685 kennengelernt hatte; die Eingangsfront an der Frankfurter Straße orientierte sich an der Schlosskapelle in Köpenick, die der Landgraf 1686 besucht hatte.

Der Kirchhof wurde bald für die Jahrmärkte und späteren Messen genutzt; 1750-1822 waren sogar Verkaufsbuden an die Kirche angebaut. Seit 1768 erinnert ein Denkmal an Landgraf Karl. Weshalb die Wilhelmsstraße von Anfang an nicht mittig in den Platz mündete, ist ungeklärt; der Rathausneubau 1905-1909 verbreiterte ihren unteren Abschnitt noch einseitig.

Die drei Giebel rechts gehören zum Haus Karlsplatz 1-2 / Obere Karlsstraße 18 (vgl. Station 15). Das linke Eckhaus, Obere Karlsstr. 20, wurde 1837 durch den Gastwirt Louis Knetsch erworben; er richtete hier das Hotel „Zum Landgrafen Carl“ ein und veranlasste vermutlich die Aufstockung des Hauses, das weiterhin auch mehrere Mietwohnungen aufnahm.

Die Karlskirche heute

Karlskirche

Heute zeigt sich die im Jahr 1957 wieder eingeweihte Karlskirche als ein auf seine Grundform reduziertes Bauwerk. Das gilt auch für das Dach samt Glockenturm. Wie einst wird die Karlskirche beim Blick aus der Königsstraße optisch von Gebäuden rechts und links der Karlsstraße gesäumt. Aus dieser Perspektive nicht zu sehen ist das Multiplex-Kino daneben, dessen Bau viele Kritiker auf den Plan rief. Das Großkino, so ihr Einwand, stelle das Gotteshaus in den Schatten.

Im Schlepptau des Ufa-Palastes hat sich das Umfeld der Karlskirche in jüngster Zeit stark belebt. Kunsthandwerker und Flohmarkthändler sind hier regelmäßig anzutreffen, im Sommer diente der Vorplatz auch als großzügiger, innerstädtischer Biergarten. Und mit dem Mädchen-Treff Girls only in der Nachbarschaft ist das ganz junge Publikum vertreten.

Das Glockenspiel der Karlskirche wird an Sonn- und Feiertagen vor dem Gottesdienst, montags, mittwochs und an Feiertagen von 17.30 - 18.00 Uhr gespielt. Die Melodien werden von einem Glockenspieler, einem "Carilloneur", gespielt. In unregelmäßigen Abständen finden auch Glockenspielkonzerte und -festivals statt.

Die Oberneustädter Kirchengemeinde wurde 2008 mit der Freiheiter Kirchengemeinde, der Gemeinde der Lutherkirche und der Kirchengemeinde der Unterneustadt zur Evangelischen Kirchengemeinde Kassel-Mitte vereinigt.

Jubiläumsjahr 2010

Karlskirche mit Denkmal

Mit einem Festgottesdienst, Vorträgen und einem französischen Markt feierte die Karlskirche vom 11. bis 13. Juni 2010 ihr 300-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass fand auch der 47. Deutsche Hugenottentag in Kassel statt.

Die Jubiläums-Feierlichkeiten unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) standen unter dem Motto „Angekommen - wie aus Fremden Freunde werden“. Nach dem Festgottesdienst am Sonntag mit Bischof Martin Hein war vor der Kirche ein Markt mit französischen Spezialitäten geöffnet.

Literatur

  • Jochen Desel, Hugenottenkirchen in Hessen-Kassel, Bad Karlshafen 1992, S. 16 ff.

siehe auch

Verlorene Stadt

Ausstellung: Verlorene Stadt

Rundgang 2: Stationen der Ausstellung "Verlorene Stadt"
Station 11: Obere Karlsstraße 32 | Station 12: Obere Karlsstraße 26-28 | Station 13: Obere Karlsstraße bis Friedrichsplatz | Station 14: Obere Karlsstraße bis Weinbergstraße | Station 15: Hercules Bierbrauerei | Station 16: Karlskirche | Station 17: Wilhelmsstraße 15 | Station 18: Stadtpark | Station 19: Garde-du-Corps-Straße | Station 20: Garde-du-Corps-Platz

Weblinks und Quellen