Kaiserlade

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Als der Kaiser nicht kam

Urenkel Aschrotts übergab dem Stadtmuseum die Kaiserlade aus 1891

Das wertvolle Geschenk für Seine Hoheit stand schon bereit, doch der deutsche Kaiser kam nicht. Warum Wilhelm II. im September des Jahres 1891 das Präsent, das ihm Sigmund Aschrott allerunterthänigst gewidmet hatte, nicht entgegennehmen wollte, darüber gibt es nur Vermutungen. Jedenfalls blieb der Erbauer des Hohenzollernstadtteils auf seiner Kaiserlade sitzen und das gute Stück im Aschrottschen Familienbesitz.

Von Hochheim am Main gelangte das Aquarell, das in außerordentlicher Detailtreue den Vorderen Westen gegen Ende des vorvergangenen Jahrhunderts zeigt, nun zurück nach Kassel. 2003 übergab Robert Cleveland Stevens - ein Urenkel Aschrotts - den Schrein mit dem Bild offiziell an Stadtmuseums-Chef Karl-Hermann Wegner.

Mehr als 100 Jahre hatte die Kaiserlade im Aschrottschen Weingut in Hochheim überdauert. Urenkel Stevens, in London geborener britischer Staatsbürger und ehemaliger Offizier, hatte den Besitz am Main im Jahre 1939 übernommen. Die jüdische Familie entzog ihr Gut damit dem Zugriff der Nazis. Über Jahrzehnte blieben Haus und Wohnung im Weingebiet ein Familientreffpunkt für die Aschrott-Erben. Bei der Auflösung der Wohnung entdeckte der 83-jährige Urenkel unter anderem die Kaiserlade und stiftete das Stück dem Stadtmuseum.

Bei seinem ersten Besuch in Kassel gab der Gast aus London zunächst mal seinen Familienstammbaum beim Museumschef zu Protokoll. Robert Cleveland Stevens Großmutter war die Aschrott-Tochter Hedwig, die mit ihrem Ehegatten Alfons Strauss aus Mainz nach London ausgewandert war. Dort heiratete deren Tochter Hedwig dann Cleveland Stevens die Eltern des Stifters der Kaiserlade. Für Museumsleiter Wegner ist das Aquarell eine wichtige Quelle für das Verständnis der Entwicklung des Vorderen Westens.

Das Bild zeigt die Anfänge des Hohenzollern-Viertels zwischen Ständeplatz und Querallee. Der noch von Bäumen gesäumte Kirchweg führt durch freies Feld von Wehlheiden nach Kirchditmold. Und am Rande der Bebauung an der Hohenzollernstraße - der heutigen Friedrich-Ebert-Straße - ist die 83-er-Infanteriekaserne zu erkennen.

Warum aber ließ sich der Kaiser nicht beschenken? Textilfabrikant Aschrott war von preußischen Armeeaufträgen ausgeschlossen worden - wegen des Verdachts der Bestechung. Unter anderem deshalb gab Aschrott bereits 1876 seine Textilunternehmungen in andere Hände. Über Jahre kämpfte er für seine Rehabilitierung. Doch die Weigerung des Kaisers, die Kaiserstraße - heute Goethestraße - als Hauptachse des neuen Stadtteils einzuweihen und die Lade entgegenzunehmen, deutet an, dass die Vorwürfe auch 1891 nicht ausgeräumt waren.