Kaiser Wilhelm II. in Kassel

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Kaiser Wilhelm II. 1888, im Jahr seiner Thronbesteigung

Kaiser Wilhelm II. (* 27. Januar 1859 in Berlin, † 4. Juni 1941 in Doorn, Niederlande).

Er wurde in Berlin, als Sohn von Kaiser Friedrich III und Prinzessin Viktoria, geboren. Am 27. Februar 1881 heiratete er Auguste Viktoria von Schleswig – Holstein.

Seine Regentschaft begann am 15. Juni 1888 und endete am 28. November 1918, zu diesem Zeitpunkt war er in Holland im Exil (seit dem 10. November 1918), wo er auch starb.

Biografisches:

(aus HNA-online vom 13.7.2014)

• Kaiser Wilhelm II. hieß mit vollem Namen Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen. Er entstammte der Dynastie der Hohenzollern und war von 1888 bis 1918 der letzte deutsche Kaiser.

• Nach dem Abitur am Friedrichsgymnasium in Kassel trat er am 9. Februar 1877 seinen Militärdienst an und wurde am 22. März 1880, dem Geburtstag seines Großvaters Kaiser Wilhelm I., zum Hauptmann befördert.

• Aus der Ehe mit Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg gingen sieben Kinder hervor.

• Wilhelm II. wurde nach dem Tod seines Großvaters und seines Vaters Kaiser Friedrichs III. bereits mit 29 Jahren Kaiser.

• Er dankte am 28. November 1918 ab, 19 Tage nach Ausrufung der Republik. Er ging ins Exil in die Niederlande. (kle)


Schulzeit und Erziehung am Friedrichsgymnasium

Erziehung durch Dr. Georg Hinzpeter

Dr. Georg Hinzpeter

Seit seinem siebten Lebensjahr wurde Prinz Wilhelm, zukünftiger Kaiser von Deutschland, nach dem Wunsch seiner Eltern von Dr. Georg Hinzpeter erzogen. Jener, ein asketischer Calvinist und Altphilologe, forderte eine fast uneingeschränkte Freiheit und Entscheidungsgewalt in der Erziehung. „Bei meinem Versuch, wirklichen Einfluss über den Geist meines Zöglings zu gewinnen, darf ich keinen Widerspruch erfahren.“ (Brief Hinzpeters an Morier vom 15.01.1866). So war es auch seine Idee, den Prinzen von seinem 15. bis zu dessen 18. Lebensjahr in die Oberstufe eines bürgerlichen Gymnasiums, weit ab von der Hauptstadt Berlin, zu schicken. Zum einen, so Hinzpeter, könne er sich so auf den Lehrstoff konzentrieren, ohne von den Verpflichtungen am Hof abgelenkt zu werden und wäre in der Lage die Mentalität seiner zukünftigen Untertanen kennen zu lernen, was für ihn unabdingbar wäre. Des Weiteren würde dies zu einer „charakterlichen Verbesserung“ Wilhelms führen, denn Hinzpeter stufte diesen als zu hochmütig und verzogen ein.

Während der Zeit in Berlin erhielt Wilhelm eine umfassende Ausbildung von Hinzpeter. Er unterrichtete ihn in Latein, Englisch, Französisch, Griechisch, Geografie, Religion sowie im Exerzieren und Reiten, was dem Prinzen wegen seines körperlichen Handicaps sehr schwer fiel (er litt unter einem verkürzten und unbeweglichem Arm sowie einem „Schiefhals“, ausgelöst durch eine einseitige Verkrampfung der Halsmuskulatur). Wilhelm schrieb später über diese Zeit der Erziehung Hinzpeters: „(…) freudlos war seine Erziehungsmethode und freudlos die Jugendzeit, durch die mich die harte Hand des „spartanischen Idealisten“ geführt hat.“

Der Weg nach Kassel

Kaiser Wilhelm vor dem Eintritt in die Oberstufe (1847)

Der Plan Wilhelm auf das Lyceum Fridericianum in Kassel (heutiges Friedrichsgymnasium) zu schicken wurde zwar von den Eltern, Prinz Friedrich und Prinzessin Victoria, gutgeheißen, musste aber unter allen Umständen so lange wie möglich vor dem Großvater Kaiser Wilhelm I. geheim gehalten werden und man gab die Informationen nur nach und nach über einen langen Zeitraum preis.

Prinz Wilhelm ging in Kassel am Friedrichsgymnasium vom 12.10.1874 bis zu seinem Abitur am 20.01.1877 zur Schule.

Viktoria und Hinzpeter entschieden sich für ein öffentliches Gymnasium, weil Wilhelm II. eine moderne und aufgeklärte Erziehung erhalten sollte, damit er keine „Marionette der Gesellschaft“ würde; Viktoria wollte, dass er den Geist seiner Generation kennenlernt, um diese später angemessen regieren zu können.

Ein weiterer Grund für eine Schulausbildung in Kassel war, dass der Prinz so nicht mehr in Berlin und unter dem Einfluss seines Großvaters lebte, denn Viktoria befürchtete, dass der Prinz den großen Belastungen am Hofe nicht standhalten könne; er wurde von seinem Großvater immer wieder in die Öffentlichkeit gerückt und das missfiel ihr.

Prinz Heinrich, Wilhelms Bruder, ebenfalls erzogen von Hinzpeter, sollte in Kassel zunächst die Realschule besuchen und danach eine Marine-Karriere starten.

Man gelangte auf einem sechstägigen Fußmarsch nach Kassel, was, laut Hinzpeter, die Kondition der Prinzen stärken sollte.

Schulalltag

Der Klassenraum, in welchem Wilhelm unterrichtet werden sollte, sowie der angrenzende Fürstenhof, in dem man im Winter residieren würde, wurden zuvor auf Anordnung Prinzessin Victorias renoviert, die anfangs entsetzt über die Zustände der spartanischen Lehranstalt gewesen war.

Wilhelms Klasse wurde ebenfalls verkleinert und seine Mitschüler waren, entgegen Hinzpeters Wunsch, handverlesene Sprösslinge des Bildungsbürgertums.

Der Prinz fand sich schnell in seine neue Situation ein, doch blieb neben dem strengen Tagesplan Hinzpeters nicht viel Freizeit für ihn und seine individuellen Interessen. Er selbst kommentierte dies: „Die heutige Jugend hat es nicht so schwer und das ist gut so; denn uns wurde das Leben damals oft zur Qual gemacht".

Prinz Wilhelms Stundenplan:
Aufstehen 5 Uhr;
Arbeitsstunde mit Hinzpeter 6 - 7 Uhr;
Schulbeginn 7 Uhr;

1. Stunde: Griechisch oder Religion;
2. Stunde: Geschichte und Geographie oder Mathematik;
Frühstück
3. Stunde: Griechisch oder Latein;
4. und 5. Stunde: Mathematik, Griechisch, Latein oder Deutsch;
6. Stunde: Montag und Freitag: Reitunterricht, Dienstag und Donnerstag: Fechtunterricht, Mittwoch und Samstag: Englisch;
Mittagessen
7. und 8. Stunde: Latein, Griechisch, Geschichte, Mathematik oder Deutsch, außer Mittwoch und Samstag: Sparziergang, sonst war der Spaziergang von 4 - 5 Uhr;
Abendessen
9. und/oder 10. Stunde: privater Nachhilfeunterricht, außer Mittwoch: Zeichenunterricht

Prinz Wilhelm war mit diesem Stundenplan überfordert. Nach der Schule musste er noch Hausaufgaben bis spät in den Abend hinein machen. Diese Überforderung schlug sich in den Leistungen nieder. Er gehörte nur zum Durchschnitt der Klasse. Für zusätzliche Belastung sorgte, dass in seine Klasse die besten Schüler aus den Parallelklassen versetzt wurden, was dazu führte, dass der Prinz nur zehnter von siebzehn in der Abiturrangfolge war.

Seine Freizeitaktivitäten bestanden aus Spazierengehen und Reiten, wozu manchmal Mitschüler eingeladen wurden (z.B. Schlichteisen, Lengemann und Ritter; besonderer Freund Siegfried Sommer). Sonntagvormittags traf man sich zum Rezitieren von Klassikern, ab und an wurde das Debattieren geübt und es wurden Vorträge über selbst gewählte Themen gehalten. Seine Mitschüler wunderten sich stets über seine außerordentliche Kraft und Beweglichkeit beim Schießen und Reiten, trotz seines verkrüppelten Armes. Nach dem Verlassen des Friedrichsgymnasiums war dieses besonders beliebt bei Adeligen und höheren Bürgersfamilien.

Kaiserlicher Affront

Am 4. Dezember 1890, zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung, hielt Wilhelm II. eine Rede anlässlich einer Schulkonferenz in Berlin, in welcher er das Friedrichsgymnasium und dessen Erziehung namentlich scharf kritisierte. Er warf der humanistischen Lehranstalt vor "keine selbstbewussten Deutschen" auszubilden und das Gymnasium entspräche, so seine Hauptthese, nicht den Anforderungen eines modernen technischen Zeitalters (Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten, Leipzig und Berlin 1922, S. 152). Sowohl der Direktor des Friedrichsgymnasiums, Gideon Vogt, als auch das Kollegium zeigten sich sehr betroffen und gingen Wilhelm, dem ehemaligen Schüler, während seiner Urlaube im Schloss Wilhelmshöhe bewusst aus dem Weg. Wilhelm II. versuchte den Eklat abzumildern, indem er dem Gymnasium eine kostbare neue Schulfahne stiftete. Das Schulgebäude hat er jedoch nie wieder betreten, obwohl er während seiner Sommeraufenthalte in Kassel reichlich Gelegenheit dazu gehabt hätte.

Sommerresidenz Schloss Wilhelmshöhe

Das Schloss Wilhelmshöhe in Kassel war 1891 bis 1918 die Sommerresidenz Kaiser Wilhelms II. Die Kaiserfamilie verbrachte dort jährlich die Sommermonate.

Es war jedoch auch Rückzugsort für den Kaiser während persönlicher oder politischer Krisen.

Für seine Aufenthalte und durch eine besondere Bindung zur Stadt griff er auch gestaltend in das Kasseler Stadtleben und –bild ein.

Wirken in Kassel

Schloss Wilhelmshöhe um 1900

Bereits seit seiner Krönung (als ihm u.a. der Titel „Landgraf zu Hessen“ zuteil wurde) war das Schloss Wilhelmshöhe im Besitz Wilhelms II. Auch sein Großvater Wilhelm I. besuchte Kassel des Öfteren. Nachdem die Kaiserin Auguste Victoria mit den Kindern schon zwei Jahre zuvor den Sommer auf Wilhelmshöhe verbrachte, kam Wilhelm 1891 zum ersten Mal nach zwölf Jahren wieder nach Kassel. Für seine Ankunft wurde die Stadt alljährlich reich geschmückt. Eine Ehrenkompanie und Blaskapelle empfing ihn am Bahnhof Wilhelmshöhe. Dann fuhr er mit Kutsche und später auch im, in Kassel wohlbekannten, zitronengelben „Daimler“ die Wilhelmshöher Allee zum Schloss. Dort war von den Kasseler Verwaltern und einem bereits zuvor eingetroffenem Berliner Kommando alles für die Ankunft des Kaisers vorbereitet, die Soldaten im Wachtgebäude einquartiert und die Umgebung nach verdächtigen Personen abgesucht.

Während der Anwesenheit Wilhelms II. hielten sich die damaligen Kasseler Medien weitgehend zurück. Zeitungsfotos waren selten, obwohl sich die Kaiserfamilie nicht abschottete. Lediglich ein kleiner Teil des Schlossparks und des Gewächshauses war für die Öffentlichkeit gesperrt. So konnten ihn die Bürger oft beim Wandern und Reiten oder beim Tennisspiel im Schlosspark antreffen. Tausende Besucher strömten jeden Sommer in den Bergpark, um einen Blick auf den Kaiser zu werfen. Dieser ließ sich allerdings auch in der Innenstadt sehen, z.B. beim Hofjuwelier „Range“ oder bei einer Spazierfahrt im offenen „Daimler“. Besuche in Museen und Kunstateliers waren ebenso häufige Beschäftigungen. Hauptsächlich jedoch kümmerte sich Wilhelm II., wie in Berlin, um seine Regierungsgeschäfte. Während einem seiner Aufenthalte starb sein Lieblingshund, der Dachshund "Erdmann". Ein Denkmal im Schlosspark erinnert noch heute an ihn.

1909 wurde das, mit Kaiser Wilhelms Unterstützung gebaute, repräsentative Rathaus eingeweiht und das von ihm in Auftrag gegebene Opernhaus am Friedrichsplatz eröffnet, dessen Pläne er selbst mitgestaltete und welches gleichzeitig als Hoftheater diente. Er nahm selbst Einfluss auf die Inszenierungen und besuchte alle Aufführung mindestens einmal.

1899 ließ Wilhelm II. den „Gesangswettstreit deutscher Männergesangsvereine“ austragen, für den die Stadt Kassel eigens eine Festhalle in der Karlsaue, im Bereich der heutigen Hessenkampfbahn, errichten ließ. Außerdem gründete er eine Kunstakademie in Kassel. In der Christuskirche, unterhalb des Schlosses, war für die Kaiserfamilie ein gesonderter Nebeneingang vorhanden, der mit der Kaiserkrone verziert war. Diesen kann man heute noch besichtigen.

Staatsgäste

Oft wurde die Sommerresidenz Schauplatz von Staatsbesuchen. So empfing Kaiser Wilhelm II. folgende Staatsgäste:

  • 1895 Kaiserin Friedrich (seine Mutter)
  • 1896 Großherzog von Sachsen-Weimar und Prinz Heinrich von Preußen
  • 1900 Fürst von Bulgarien
  • 1904 der deutsche Kronprinz
  • 1907 Chulalangkorn I. – König von Siam (Thailand)
  • 1907 König Edward VII. von England

Letzte Besuche in Kassel

Gegen Ende seiner Regierungszeit wurde das Kaiserpaar nur noch von ihrem jüngsten Kind und einziger Tochter, Viktoria Luise, begleitet. Sie war bei den Kasselern äußerst beliebt. Immer mehr Nobelhotels und Villen wurden für Lobbyisten aus Wirtschaft und Politik, in Nähe der Sommerresidenz, gebaut, die so versuchten, ihren Einfluss zu steigern. Auch viele Ausflugslokale wurden gebaut, die Touristen aufnehmen sollten. 1918 flüchtete Wilhelm ins holländische Exil, dort dankte er 18 Tage später ab und starb, ohne Kassel wiedergesehen zu haben.

siehe auch

Weblinks und Quellen

Literatur:

  • Jörg Adrian Huber: Wilhelms Höhe. Kassel und der letzte Kaiser,Gudensberg-Gleichen:Wartberg Verlag 2002, 1. Aufl.
  • Thomas Benner: Die Strahlen der Krone: die religiöse Dimension des Kaisertums unter Wilhelm II. vor dem Hintergrund der Orientreise 1898, Marburg:Tectum-Verlag 2001
  • Margret Lemberg: CIVIS GERMANUS SUM. Wilhelm II. und seine Zeit im Friedrichsgymnasium in Kassel. In: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Bd. 61. Marburg: Elwert 1997. S. 987-1016.
  • John C. G. Röhl: Wilhelm II. Die Jugend des Kaisers 1859-1888, Ebner, Ulm:Verlag C. H. Beck München 1993
  • Geschichtswerkstatt am Friedrichsgymnasium: "Ich bin ich" Wilhelm II. - Kassel - Das Friedrichsgymnasium, Kassel 1992

Internetadressen:


Matthias Koller, Henrike Krause, Jan-Henning Krug, Mara Krug


Zur Geschichte der Zeit

Residenz auf Schloss Wilhelmshöhe

Sommerfrische in Kassel: Kaiser Wilhelm II. war regelmäßiger Gast

Kassel. Auch während des 1. Weltkriegs verbrachte Kaiser Wilhelm II. regelmäßig mehrere Wochen in seiner Sommerresidenz im Schloss Wilhelmshöhe. In Kassel hatte Wilhelm am Friedrichsgymnasium schon sein Abitur gemacht.

Wenn der Kaiser nach Kassel kam - und das machte er regelmäßig -, wurde er auf dem Weg nach Wilhelmshöhe freudig begrüßt. Wilhelm ließ zurückgrüßen. Dafür hatte er eine besondere Hupe an seinem offenen Daimler, die eine Melodie spielen konnte.

Zur Sommerfrische auf die Wilhelmshöhe - dieses Ritual hielt Wilhelm II. den gesamten 1. Weltkrieg über durch. Als Befehlshaber wurde er kaum vermisst. Seine Generäle hatten ihn schon bald nach Kriegsbeginn kaum noch um Anweisungen gefragt. Die Wilhelmshöhe war für die kaiserliche Familie ein Rückzugsort und ein Gegenpol zur hektischen Metropole Berlin.

Von seiner frühen Jugend an hatte Wilhelm II. einen besonderen Bezug zu Kassel. Zusammen mit seinem Bruder besuchte er hier das Friedrichsgymnasium und machte am heutigen Lyceumsplatz (Wolfsschlucht) sein Abitur. Kurz nach seinem Amtsantritt als Kaiser machte er 1891 Schloss Wilhelmshöhe zu seinem Sommersitz.

Neben der wunderbaren Umgebung des Bergparks und der guten Luft gab es dafür auch politische Gründe. Wenige Jahre, nachdem Kurhessen von Preußen annektiert worden war, machte Wilhelm II. damit auch seinen Machtanspruch deutlich. Außerdem - und das lernte Wilhelm II. zu schätzen - ließ man ihn hier weitgehend in Ruhe. Auf der Wilhelmshöhe kam er nach einer schweren Mittelohrentzündung wieder auf die Beine, hier erholte sich die Kaiserin nach einem Schlaganfall.

In Schloss Wilhelmshöhe empfing der Kaiser zudem mehrere hochrangige Staatsgäste. Ein Höhepunkt war der Besuch des englischen Königs Eduard VII. am 14. August 1907. Auf dem Weg vom Bahnhof Wilhelmshöhe bis zum Schloss drängten sich damals 70 000 Menschen. Es war ein heißer Sommertag. „Der Bierkonsum war ungeheuerlich“, berichtete die Casseler Allgemeine Zeitung. Fast drei Jahrzehnte kam der Kaiser in jedem Sommer für drei Wochen auf die Wilhelmshöhe. Am 28. September 1918 - wenige Wochen vor Kriegsende - fuhr Wilhelm II. zum letzten Mal mit seinem Daimler vom Schloss zum Wilhelmshöher Bahnhof.

Thomas Siemon in HNA-online vom 18.7.2014

Historiker sind uneinig

Zum Ausbruch des 1. Weltkriegs: Wieviel Schuld hatte der deutsche Kaiser?

Die Rolle von Kaiser Wilhelm II. beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist nicht eindeutig geklärt. Manche Forscher weisen ihm schwere Schuld zu, andere würdigen seine Bemühungen, die Kämpfe zu verhindern.

Mit seiner martialischen Pickelhaube, dem überkandidelten Schnurrbart und den prunkenden Uniformen wirkt Wilhelm II. auf heutige Betrachter wie eine Witzfigur. Doch während seiner Regierungszeit war der deutsche Kaiser der meistfotografierte und meistgefilmte Mensch der Welt. Und ohne Zweifel war er auch eine der mächtigsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Wie groß war also seine Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs?

Die Meinungen gehen weit auseinander. Der britische Historiker John C.G. Röhl, der dem Kaiser eine dreibändige Biografie von 4000 Seiten gewidmet hat, kommt zu dem Schluss, den Kaiser treffe „schwere Schuld - vielleicht die schwerste überhaupt“.

Der deutsche Historiker Wolfgang J. Mommsen reagierte auf Röhl mit dem Buch „War der Kaiser an allem schuld?“. Seine Antwort: „Der Kaiser war nicht an allem schuld. Im Gegenteil, die Führungsschichten, die die Monarchie für ihre politischen und gesellschaftlichen Interessen instrumentalisierten, waren in weit höherem Maße für die Entscheidungen verantwortlich, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führten.“ Der britische Historiker Christopher Clark wiederum verteilt die Verantwortung in seinem Bestseller „Die Schlafwandler“ auf noch mehr Schultern: Demnach haben sich auch führende Politiker anderer Länder grob fahrlässig verhalten.

Wenn man einmal die nackten Fakten betrachtet, muss man Wilhelm in jedem Fall zugestehen, dass er den Krieg nicht uneingeschränkt gewollt hat. Mindestens zweimal schreckte er zurück und versuchte, die bereits angelaufene Kriegsmaschinerie zu stoppen.

Der erste Moment kam, als das Königreich Serbien unerwartet entgegenkommend auf ein harsches Ultimatum Österreich-Ungarns reagierte. Wilhelm erklärte daraufhin am 27. Juli, dass nunmehr „jeder Grund zum Kriege“ entfallen sei. Konsterniert stellte Kriegsminister Erich von Falkenhayn fest, dass der Kaiser „den Krieg jetzt nicht mehr will und entschlossen ist, um diesen Preis selbst Österreich sitzen zu lassen“.

Sein eigener Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg hintertrieb jedoch die Friedensbemühungen, indem er Wilhelms Reaktion nur stark verstümmelt an Österreich weiterleitete. Wilhelms tatsächliche Meinung - Österreich darf jetzt keinen Krieg beginnen - kam in Wien nie an. Christopher Clark folgert: „Wenn Wilhelm über die Machtfülle verfügt hätte, die ihm gelegentlich zugesprochen wird, hätte sein Eingreifen hier durchaus den Gang der Weltgeschichte beeinflussen können.“ Das tat es aber nicht - am nächsten Tag erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg.

Wilhelm unternahm noch einen weiteren Anlauf, um die Katastrophe in letzter Minute abzuwenden: Am 1. August befahl er nach ermutigenden Nachrichten aus London, die Armee kurz vor der Überschreitung der luxemburgischen Grenze anzuhalten - trotz schärfster Proteste des Generalstabschefs Helmuth von Moltke. Erst als sich die Informationen als falsch erwiesen, gab Wilhelm dem Druck der Militärs nach und sagte zu Moltke: „Nun können Sie machen, was Sie wollen.“

Nach Kriegsbeginn wurde der Kaiser von den Generälen erstaunlich schnell entmachtet. Im November 1914 klagte er: „Der Generalstab sagt mir gar nichts und fragt mich auch nicht. Wenn man sich in Deutschland einbildet, dass ich das Heer führe, so irrt man sich sehr. Ich trinke Tee und gehe spazieren, und dann erfahre ich von Zeit zu Zeit, das und das ist gemacht, ganz wie es den Herren beliebt.“ Am Ende standen die erzwungene Abdankung und ein langes Exil in den Niederlanden. (dpa)

Artikel aus HNA-online vom 13.7.2014