Königreich Westphalen

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Grafik: Das Königreich Westphalen 1807

Nach der Gründung des Königreichs Westphalen durch Napoléon Bonaparte residierte in den Jahren 1807 bis 1813 in Kassel dessen jüngerer Bruder als König Jérôme von Westphalen.

Inhaltsverzeichnis

Royaume du Westphalie / Königreich Westphalen

Das Königreich Westphalen (heutige Schreibweise "Westfalen") existierte von 1807 bis 1813 als Vasallenstaat in französischer Abhängigkeit.

von HNA-Redakteur Dirk Schwarze

Napoléon Bonaparte (1769-1821) hatte das revolutionäre Frankreich aus der militärischen Defensive befreit. Als siegreicher Feldherr hatte er sich 1804 zum Kaiser krönen lassen. Nun steuerte er auf den Höhepunkt seiner Macht zu. Nachdem er halb Europa unter seine Herrschaft gebracht und auch Preußen bei Jena und Auerstedt besiegt hatte, marschierten seine Truppen im November 1806 in Hessen ein. Kurfürst Wilhelm I. musste fliehen - und nahm den ganzen Staatsschatz mit.

Napoleon dachte, nachdem er einmal Gefallen an der Eroberungspolitik gefunden hatte, in großen Dimensionen und für die Ewigkeit. Europa wollte er neu ordnen und vor allem das in viele Kleinstaaten zersplitterte Deutschland. Freie Hand dazu gab ihm der Vertrag von Tilsit im Sommer 1807, in dem seine Vormachtstellung in Europa bestätigt und mit Russland Frieden geschlossen wurde. Nun brauchte er sich in West- und Mitteleuropa nicht mehr an die alten Grenzen zu halten, sondern konnte nach Gutdünken neue Staaten schaffen. Eine völlige Neuschöpfung war das Königreich Westphalen, das sich über den mitteldeutschen Raum ohne alle historischen Bezüge erstreckte und Kassel als Hauptstadt erhielt.

Der Name konnte leicht in die Irre leiten, denn der westfälische Anteil war mit den Gebieten um Minden und Osnabrück der kleinste. Das Kurfürstentum Hessen mit Kassel und Marburg gehörten ebenso dazu wie Göttingen und der Harz, Braunschweig, Magdeburg und Halle. Zeitweise kam noch Norddeutschland mit Hannover hinzu. Ganz nach französischem Vorbild wurde das Königreich in acht Departements sowie in Bezirke und Kantone aufgeteilt. Die zentralistische Ausrichtung der Landesteile war für die Bürger ebenso gewöhnungsbedürftig wie die neue Rechtsordnung.

Napoleons jüngerer Bruder Jérôme war gerade 23 Jahre alt, als er am 15. Dezember 1807 in Kassel zum König von Westphalen proklamiert wurde. Eigentlich hätte er lieber ein anderes, größeres Königreich bekommen. Doch bevor er überhaupt an Napoleons Machtspielen teilnehmen durfte, musste er sich 1805 von der Amerikanerin Elizabeth Patterson trennen, die er 1803 geheiratet hatte. Zwei Jahre später musste er aus politischen Gründen Prinzessin Katharina von Württemberg ehelichen, die Jérôme trotz seiner Eskapaden und auch nach seiner Entmachtung treu blieb.

Es war auch Napoleons Idee gewesen, das neue Königreich zu einem Reform- und Modellstaat zu machen. In der Tat war das von Jérôme regierte Land für einige Jahre das politisch fortschrittlichste in Deutschland. Denn noch bevor sich der König in Kassel feiern ließ, wurde eine Verfassung verkündet, die den Bürgern Freiheitsrechte versprach: Der Gleichheitsgrundsatz wurde eingeführt und die Leibeigenschaft aufgehoben. Die Religionsfreiheit war für die Juden die größte Errungenschaft. Auch gab es mit der Ständeversammlung einen ersten Ansatz zu einer parlamentarischen Mitsprache. Nicht weniger wichtig war der Aufbau einer neuen, unabhängigen Gerichtsbarkeit.

Ein mit diesen Bürgerrechten ausgestattetes Königreich hätte als Modell gelingen können. Doch die Umstände sprachen dagegen. Das Misstrauen gegenüber der Fremdherrschaft war groß, außerdem wurden Gewerbefreiheit und Judenemanzipation eher als Bedrohungen begriffen. Vor allem litt das Land darunter, dass Napoleon das Königreich Westphalen finanziell systematisch ausplünderte und aufgrund seiner Feldzüge immer mehr Soldaten und Geldmittel brauchte.

Das Volk feierte zwar gern mit, wenn Jérôme zu öffentlichen Festen einlud, doch rumorte es im Untergrund. Ein Aufstand unter Oberst von Dörnberg schlug 1809 fehl.

Was für die Ewigkeit gedacht war, ging nach sechs Jahren schmählich zu Ende: Nach Napoleons Niederlagen in Russland und in der Völkerschlacht von Leipzig stürzten 1813 mit dem Kaiser auch seine Vasallen. Noch bevor Napoleon die Völkerschlacht von Leipzig verloren hatte, erreichten am 28. September 1813 Kosakentruppen unter dem Befehl von General Tschernischeff die Stadt Kassel. Am 26. Oktober 1813 musste Jérôme Kassel verlassen. Der Traum vom Königreich war vorbei. Der alte Kurfürst kam zurück und brachte die feudalistische Ordnung wieder mit. Nur wenige liberale Kräfte trauerten der französischen Ordnung nach.

Jérôme zog sich ins Privatleben zurück und erlebte im Kaiserreich von Napoleon III. (ab 1852) nochmals eine Glanzzeit als Marschall und Präsident des Senats. 1860 starb er und wurde im Pariser Invalidendom beigesetzt.

aus der HNA vom 25.11.2006

Ergänzung: Am 27. Oktober 1813 wird der "Moniteur westphalien" letztmals gedruckt. Die zweisprachige Zeitung erschien während des Bestehens des Königreichs Westphalen.

Reformstaat Westphalen

Ausstellung 2006/ 2007 im Stadtmuseum Hofgeismar

Das Königreich Westphalen in seiner Ausdehnung 1808

In der Zeit vom 5. November 2006 bis zum 28. Mai 2007 nahm eine Ausstellung im Stadtmuseum Hofgeismar mit dem Titel "König Jérôme und der Reformstaat Westphalen" [1] den Staatsaufbau, die von Napoleon eingeleiteten Reformen, aber auch das veränderte Lebensgefühl dieser Zeit in den Blick (vgl. dazu auch Helmut Burmeister im Jahrbuch des Landkreises Kassel 2006, S. 25 ff.), das von "Fremdherrschaft"" auf der einen Seite, andererseits aber auch von Religions-, Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit, schwindenden Vorrechten des Adels und der Geistlichkeit sowie tiefgreifenden gesetzlichen Änderungen gekennzeichnet war.

Hohe Abgaben- und Steuerlasten als Folge der napoleonischen Feldzüge führten allerdings auch zu einem zunehmenden Druck auf die Bevölkerung, was sich in Aufständen, in Hessen insbesondere im Dörnbergschen Aufstand von 1809, niederschlug.

Die Schlacht zu Leipzig 1813 wendete zudem das Blatt für Preußen und die deutschen Fürsten. Auch Kurfürst Wilhelm I. konnte wieder nach Kurhessen zurückkehren. Nach dem Wiener Kongress (1814 - 1815) war man auch in Kurhessen dabei, die alten Herrschafts- und Machtstrukturen wieder herzustellen.

General Czernitschew löst das Königreich Westphalen auf

Kam der "Todesstoß" für das „Westphälische Königreich“ am 28. September 1813 über den Kasseler Osten ? Mehr dazu im Regiowiki-Artikel von Frank Urlen General Czernitschew löst das Königreich Westphalen auf.

Literatur

Historischer Roman:

siehe auch

Personen:

Wussten Sie schon, dass ... ?

Das Rondell ist das einzige erhaltene Bauwerk der ehemaligen Schlossanlage an der Fulda.

Weblinks und Quellen

Quellen

  1. Zur Ausstellung "König Jérôme und der Reformstaat Westphalen"

Weblinks



Landgrafschaft Hessen --> Landgrafschaft Hessen-Kassel --> Kurfürstentum Hessen --> Königreich Westphalen --> Kurfürstentum Hessen --> Provinz Hessen-Nassau

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