Justus Engelhardt

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Bericht aus der „Kasseler Handelszeitung“. Der Erscheinungstag ist unbekannt, da nur eine undatierte Kopie vorliegt (vermutet wird Anfang der 1930er Jahre):


Ein Kasseler Wanderbursch durchstreift Europa.

Dass ein zukünftiger Handwerker und zukünftiger Meister wandern muss, ist eine durch die Jahrhunderte bewährte Bestimmung der älteren Zunftsatzungen. Denn nur, wer seine zweijährige Wanderzeit hinter sich hatte, konnte sich nach Erreichung des 25. Lebensjahres um die Meisterwürde bemühen und in die Gilde aufgenommen werden.

Meist ist leider das, was unsere Handwerksgesellen auf ihrer Wanderschaft erlebt und gesehen haben, für die Nachwelt verschollen. Denn nur wenige waren solche Meister der Feder, dass sie Aufzeichnungen gemacht haben. Ihnen genügte es, wenn sie später in der Familie oder der Zunftstube von ihren Wanderungen und Erlebnissen berichten konnten und die Wahrzeichen aller erreichten Städte kannten. Und, wenn wirklich noch Aufzeichnungen vorhanden waren, sind sie meist in Familienpapieren vergraben.

Ein glücklicher Zufall hat nun eine amtliche Abschrift eines Wanderbuches erhalten, dessen Träger zu den besten Namen in Kassel und seiner Gilde gehörte: Justus Engelhardt, der am Altmarkt als Färbermeister arbeitete. 1797 geboren, lernte er zwischen 1881 und 1814 bei seinem Vater, dem Färber- und Blaudruckmeister Johann Heinrich (Henrich) Engelhardt, in der Alten Leipziger Straße (heute Bettenhäuser Straße Nr. 10), arbeitete dann noch bis 1817 beim Vater und trat am 25. April 1817 seine Wanderungen an.

Sein Vater als Meister und der Gildemeister der Landgilde der niederhessischen Schwarz- und Schönfärber, Jakob Götze, bescheinigten ihm an der Spitze seines Wanderbuches, dass er sich gut geführt und in Kassel keine Schulden hinterlasse. Dann ging es zum Leipziger Tore hinaus gen Braunschweig.

Die polizeilichen Notizen im Wanderbuch gewähren uns einen guten Überblick über seine Marschleistung, nur in Altpreußen und in Frankreich waren besondere Landespässe notwendig für die Eintragungen, die wir aus dem Wanderbuche nur sehr summarisch kennen lernen. Dort klafft eben manche Lücke. Im übrigen aber sah er in die Welt.

Von Braunschweig, das am 5. Mai 1817 erreicht war, ging es über Neuhaldensleben und Wolmirstädt (Anm.: heute Wolmirstedt) gen Magdeburg, wo Engelhardt am 12. Mai 1817 den preußischen Landespaß erhielt. Über Berlin und Breslau durchwanderte er den Osten, wandte sich dann gen Bautzen, wo er am 16. Oktober 1817 eintraf. Dresden, Meißen, Freiberg in Sachsen und Olbernhau (Anm.: Erzgebirge) sind die weiteren Etappen; schon am 27. Oktober 1817 überschritt er bei Georgenthal die böhmische Grenze. Über Komotau und Prag ging es nach Budweis, dort war er am 9. November 1817 und gelangte am 21. November 1817 nach Wien. Das dort erteilte Visum lautete auf Brünn, eine weitere Eintragung auf Oedenburg (Anm.: heute Sopron) in Ungarn, wo er am 4. Dezember 1817 eintraf. Ob unser Freund auch im Winter bei den damals noch nicht überall mustergültigen Straßen zu Fuß wanderte oder manchmal im Kutschersitz eines Frachtwagens oder beim Postillon einer Fahrpost (was Übringens immer wieder verboten wurde) gegen Trinkgeld unterkroch, lässt sich nicht sagen. Nur die Wanderzeit deutet dahin.

Vom Oedenburg wurde über Hainfeld, Steyr und Ebelsberg die Steiermark und Oberösterreich durchwandert, Linz am 01. Januar 1818 erreicht und dann der Stab weiter gesetzt über Garming nach Passau.

Straubing, Amberg und Nürnberg sind die nächsten Stationen. Die kgl. bayerische Polizei fand am 22. Januar 1818 zu Nürnberg, dass dieser Wandergeselle zu viel gewandert und zu wenig in Arbeit gewesen sei. Sie vermerkte gestreng, dass er sich ernstlich um Arbeit zu bemühen habe. Offenbar ohne Erfolg. Denn über Bamberg, Königshofen und Bischofsheim wurde am 4. Februar 1818 Brückenau erreicht. Die hessische Heimat in den Bergen der Rhön winkte hier. Durch das Kinzigtal über Schlüchtern und Gelnhausen ging es nach Hanau. Es muss hier im Vorfrühling ein behagliches Wandern gewesen sein. Vielleicht war aber auch das Wetter schlecht, so dass es sich lohnte, beim Färbermeister Benack zu Frankfurt a. M. ein Vierteiljahr zu arbeiten. Ein Unglückstag war der 18. auf keinen Fall: an diesem Tage des Februar begann Justus Engelhardt seine Arbeit und am 13. Mai 1818 setzte er den Fuß weiter.


Im Mai durch das Main- und Rheintal !

Mainz wurde am 15. Mai 1818 erreicht, am 17. Mai Koblenz und am 19. Köln, wobei zu vermuten steht, dass Engelhardt diesen Weg nicht immer auf Schusters Rappen machte. Der Färber- und Weberstadt Lennep wurde am 23. Mai 1818 ein Besuch abgestattet, aber das „Gott grüß das Handwerk, Meister und Gesellen!“ brachte nur den Zehrpfennig. Über Siegen ging es gen Marburg, dort und zu Hersfeld saßen Verwandte, in dieser Stadt überdies ein Brauer. Das war sicher Anlass, nicht zu „onkeln“, sondern auch Eltern und Geschwister aus Kassel zu begrüßen. Fulda wurde die nächste Etappe, Darmstadt wurde am 30. Juni 1818 erreicht und über Heilbronn durch das schöne Neckartal gen Stuttgart gewandert.

Im Juli über die Schwäbische Alb ist ein lustiges Wandern, bei Ulm grüßte die Donau am 12. Juli 1818, ihr entlang zog der lustige Wanderer bis Augsburg, weiter über München und bis Wasserburg am Inn. Ein Marsch über die bayerische Hochebene ist – auch bei gutem Wetter – heiß und trocken, und so wurde für sechs Wochen, bis zum 31. August 1818, bei Meister Franz Unterhauer in Wasserburg „geschafft“. Aber der 7. September 1818 sah Engelhardt in der Stadt des Barock am Fuße der Hohen Salzburg, am 18. September 1818 erneuerte die K. K. österreichische Polizei zu Innsbruck die Mahnung ihrer Nürnberger Kollegen, doch schon lockte der Brenner, und über Bozen und Trient wurde am 28. September 1818 die Stadt des heiligen Markus erreicht, Venedig gehörte ja noch zu Österreich und damit, wenn auch nur lose, zu Deutschland.


Herbsttage in der Lombardei:

Verona, Brescia und Mailand, das am 6. Oktober 1818 erreicht ward. Weiter, und nun nordwärts über Como und den Gotthardt. Vielleicht flogen schon hier auf der Passhöhe die ersten Flocken. Durchs Reusstal hinab zum Vierwaldstätter See, von Flüelen mit der Naue (denn noch war die Urenstraße nicht gebaut) gen Luzern und weiter über Zürich, Zug und Schaffhausen bis Basel.

Noch leuchtete ein warmer Herbst über die Westschweiz, als unser Kasseler Handwerksgesell am 28. Oktober 1818 die alte Bischofsstadt am Rheinknie verließ und sich über Solothurn und Bern nach Genf wandte. Calvins Stadt an der Grenze von Hochsavoyen wurde am 5. November 1818 erreicht und die Rhonewellen begleiteten den Wanderer bis Lyon. Ob er hier, in der hässlichen Stadt, die in Seide und Farbe träumt, gearbeitet hat, vermögen wir dank des französischen Passes nicht zu erkennen. Es scheint aber nicht so. Jedenfalls war er Ende November und die erste Dezemberhälfte in Paris, dann aber scheint er in einer kleinen Stadt Frankreichs für mehrere Wochen gearbeitet zu haben. Bei der Abschrift wurde deren Name verstümmelt (ein Name Gifors ist auf keiner Karte zu finden) (Anm.: vermutlich ist die Gemeinde Givors gemeint), und am 19. März 1819 war Engelhardt in Rouen. Da er erst am 26. Juni 1819 wieder zu Paris weilt, hat er wohl in der Hauptstadt der Normandie oder in jener Gegend noch einmal gearbeitet. Der kurhessische Gesandte zu Paris hat den Wanderpass mehrmals visiert.

Am 11. Juli 1819 war Straßburg erreicht und über Landau und Mainz am 22. Juli 1819 Wiesbaden. Bis zum 18. September 1819 arbeitete Engelhardt dort, ging dann über Frankfurt, Aschaffenburg, Würzburg und Coburg nach Sachsen, wo er noch einmal zu Crimmitschau und später zu Lübben im Spreewald gearbeitet zu haben scheint. Doch versagen auch hier wieder die Notizen. Zuletzt war Engelhardt zu Segeberg in Holstein am 30. November 1819. Der raue Wind, der von der Ostsee her im Winter über das holsteinische Land bläst, veranlasste ihn wohl, hier bis zum Frühjahr auszuharren, um sich dann im Laufe des April wieder der hessischen Heimat zu nähern. Die Wanderzeit ging zu Ende.

Aber noch musste Justus Engelhardt einige Jahre warten, bis er am 18. Februar 1822 sich zur Aufnahme in die Gilde als Meister bewarb. Sein Meisterstück wurde gut bewertet, und mehr als dreißig Jahre noch schaffte er am Altmarkt, um noch kurz vor seinem Ende jenen Brad in seinem Betriebe zu erleben, der dem Bürgermeister Henkel und mehreren braven Feuerwehrleuten aus Kassels Bürgerschaft das Leben kostete.

Überschauen wir aber den Wanderweg unseres Justus Engelhardt, der nach Mähren und in die Normandie, nach Holstein, Venedig und die Lombardei führte, dann sehen wir, wie das Wandern zwar hier nicht des Müllers, wohl aber des Färbers Lust gewesen ist. Und wie vielmal mag wohl auf diesem Wege der Gruß erklungen sein: „Gott grüß ein ehrsames Handwerk, Meister und Gesellen!“

siehe auch